, daß das Kind zu behalten , und wie ein eignes aufzuziehen sei . Seine Gemahlin leistete ihm einigen Widerstand , bequemte sich indessen doch bald zum milderen Entschlusse , da ihr einfiel , daß der ältere Zweig der graumelierten Linie , der Zweig Schnuck-Muckelig-Pumpel selbst mütterlicherseits von einem Findlinge abstamme , in welchem eine Tochter hoher Herkunft gesteckt habe . Den heftigsten Einspruch hatte er von Emerentien zu erleiden . Das Fräulein war nach ihrer zweiten Badereise so überaus tugendsam , zartsinnig und verschämt geworden , daß auch die entfernteste Beziehung auf die Verhältnisse , durch welche wir entstehen und werden , sie tief verletzen konnte . Sie mochte die Blumen nicht mehr leiden , seitdem ihr ein durchreisender Professor die Bedeutung der Staubfäden auseinander gesetzt hatte , sie war vom Tische aufgestanden , als man erzählte , daß die braune Diane sechs Junge geworfen habe , und hatte vor ihrem Fenster Scheuchanstalten besonderer Art gegen die Sperlinge anbringen lassen , um die Schnäbeleien nicht mit ansehen zu dürfen , womit diese Tiere nach der Lebhaftigkeit ihres Naturells leider gegeneinander nur zu freigebig sind . In dem Findlinge ahnete sie nun , wie sie sagte ( und die Ahnung der Frauen ist stets sicher und wahr ) , eine Frucht verbotener Liebe . Worte , die sie vor Scham kaum hervorzubringen vermochte ! Sie erklärte , daß sie eine solche nur mit Abscheu anzusehen vermöge , daß ihr das Verbleiben der Kreatur unerträglich sein werde . Sie beschwor ihren Vater , das Kind einer öffentlichen Anstalt zu übergeben . Aber der alte Baron blieb fest bei seinem Vorsatze , und da die Mutter , wie schon berichtet worden ist , auch auf seine Seite getreten war , so mußte sich Emerentia endlich , wiewohl mit großem Widerwillen , fügen . Diesen ließ sie aber in der Folge auf jede Weise an dem Kinde aus , und selbst , als die blonde Elisabeth , oder Lisbeth , wie sie im Schlosse genannt wurde , heranwuchs , und das beste , zutätigste Wesen wurde , mochte sie sich selten dazu verstehen , ihr einen gütigen Blick zu gönnen . Lisbeth dagegen war durch nichts in den sonderbaren Neigungen , die ihr die Natur vorgezeichnet zu haben schien , irrezumachen . An dem Fräulein , die ihr so übel begegnete , hing sie mit einer unglaublichen Zärtlichkeit , sie verrichtete freudig das Schwerste für sie , ließ sich von ihr schelten , und lächelte danach noch eins so freundlich , wogegen sie dem alten Baron , der doch eigentlich ihr alleiniger Beschützer und Wohltäter war , nur eine Empfindung widmete , welche die Grenzen der Dankbarkeit nicht überschritt . Fünftes Kapitel Der alte Baron wird Mitglied eines Journal-Lesezirkels In ihm war , als Jagd , Spiel und Gastereien für ihn aufgehört hatten , und nur die Schwalben oder Fledermäuse , welche durch die Mauerlücken schlüpften , in den unbewohnten Zimmern des sogenannten Schlosses zu nisten , allenfalls noch für Besuche gelten konnten , eine große Langeweile entstanden , die anfangs auf keine Weise sich beschwichtigen lassen wollte . Zwar malte er sich zur Unterhaltung seine Erwartung bestens aus , wie er bald als Geheimer Rat im höchsten Kollegio sitzen werde , neben sich den Herrn von Soundso und den Herrn von Daundda auf der Adelsbank , er stellte sich den Präsidenten lebhaft vor , und alle Besonderheiten des altertümlichen Konferenzsaals , er entwarf das Bild des Sessionstisches mit den großen Haufen von Schriften und Papieren darauf , die er mit seinen Herrn Nachbarn nicht zu lesen habe , sondern welche von gelehrten und bürgerlichen Beisitzern durchzustudieren seien ; aber als dieses Gemälde von ihm zum hundertsten Male im stillen vollendet und seinen zwei Angehörigen beschrieben worden war , wurde es ihm doch zu eintönig , und er sehnte sich nach anderer Beschäftigung . Diese versuchte ihm nun seine Tochter Emerentia zu gewähren , indem sie ihrerseits eine Schilderung zu liefern begann , wie Fürst Hechelkram , pseudonym Rucciopuccio geheißen , plötzlich eines Tages in einem rotlackierten Wagen mit sechs Isabellen bespannt , ankommen , einen schottischkarierten Läufer mit Blumenhut und seidenem goldbefranstem Schurz hereinschicken und anfragen lassen werde , ob Marcebille oder Emerentia , nach der er so lange das ganze Schnurrenburg-Mixpickelsche Geschlecht vergebens hindurchgefragt habe , bis er endlich zufällig erfahren , sie sei eine geborne Schnuck-Puckelig - ob sie , Emerentia , noch an die Stunde denke , die Stunde der Andacht in Nizza ? Wie sie sich für diesen Fall schon ihre Antwort ausgedacht , also lautend : » Gnädigster Herr ! In den Blütentagen der Jugend opferten wir der Leidenschaft auf dem Altare unserer Herzen ! Für dieses Opfer ist uns der Weihrauch ausgegangen . Aber der Altar blieb stehen ; lassen Sie uns auf demselben der Freundschaft ein Opfer entzünden , für welches ich ewig , Ihnen gegenüber , Vorrat besitzen werde ! « - Wie sie dann , mit dem großen goldenen Stiftskreuze begnadiget , ein Schloß in der Nähe seiner Residenz beziehen , nur seine Freundin im reinsten platonischen Sinne sein , ihn nie anders als vor Zeugen sprechen , ihn mit seiner Gemahlin versöhnen , überhaupt der segnende Genius des Fürstenhauses und des Landes werden wolle . Allein den alten Baron unterhielt diese Schilderung auch nicht ; er hielt sie für ein » Carmen « wie er sich ausdrückte , und womit er Gedicht sagen wollte . Von Gedichten war er aber nie ein sonderlicher Liebhaber gewesen . Endlich fiel er auf den Gedanken , zu lesen , da er gehört hatte , daß damit so viele Menschen ihre Zeit hinbrächten . Indessen wollten auch die Bücher , deren eine kleine Sammlung von seinem Vater her noch auf dem Speicher stand , und unter denen er auf gut Glück jetzt wählte , wenig Trost gewähren . Die Sachen wurden ihm darin alle zu lang und ausgesponnen abgehandelt ; der Autor sagte oft erst auf der vierundzwanzigsten Seite , was er mit der ersten gemeint