Geigen , und sie sahen schon im Geiste die kleinen Füschen unter der dicken blumenreichen Garnirung des kurzen Kleidchens zierliche Triller schlagen . Angelika ging indessen in liebenswürdiger Geschäftigkeit ab und zu , und suchte jedem , besonders der Tante , nach ihrer Weise etwas Angenehmes zu erzeigen . Der stille Schmerz verklärte dies holdseelige Wesen immer mehr und mehr , und machte es immer freundlicher . Jeder , sogar Herr Kleeborn , fühlte sich von dem eigenthümlichen Wohlwollen , das Angelika Allen bezeigte , zu ihr gezogen , und empfand gleichsam die Verpflichtung , ihr verlornes Glück durch verdoppelte Liebe ihr zu ersetzen , so weit dies möglich war . Das dankbare Gemüth des stillen , freundlichen Mädchens öffnete sich natürlicherweise gern dem tröstenden Einfluße dieser überall ihm entgegen kommenden Neigung , und es faßte wieder Freude am Leben , doch nicht am eignen . In dieses sah Angelika vollkommen , wie in ein fremdes hinein , es war ihr , als gienge sie sich selbst nichts mehr an ; nur im Schmerz oder in der Freude Anderer fühlte sie noch ihr irdisches Dasein und daher war es ihr sehnlichster Wunsch , nur Vicktorinen wieder froh und glücklich zu sehen , deren lebensreiche Natur weder Schmerz noch Entsagung zu tragen wußte . Bald nach Herrn Kleeborns Entfernung ergriff die Tante ein Buch , wie sie jeden Abend zu thun pflegte , um mit ihrer wohlthuenden sonoren Stimme den jungen Mädchen etwas vorzulesen . Sie war Meisterin in dieser Kunst , und die Wahl , die sie unter den vorzüglichsten Dichtern unserer Zeit zu treffen wußte , bezweckte vor allem , das Gemüth ihrer beiden Lieblinge zu beschwichtigen , indem sie den eignen Schmerz im verklärten Lichte der Poesie ihnen zeigte . So öffnete sie zugleich die jungen Herzen jenem beseeligenden Einfluße der Kunst , der ihre Lieblinge weit über irdisches Geschick erhebt , und allein uns lehrt , in stiller Thätigkeit und dennoch duldend , es zu besiegen , und in der eignen Brust einen Himmel uns zu erbauen , den keine Erdenmacht verhüllen darf . Agathe und Babet , die nur den Augenblick mit Ungeduld erwartet hatten , in welchem die Tante ermüdet das Buch wieder hinlegen würde , benutzten jezt diesen , um in ihr Zimmer zu eilen , und sich dort für das erzwungne beschwerliche Schweigen während der Lektüre zu entschädigen , Angelika hingegen holte auf der Tante bittenden Wink ihre Harfe herbei , und hauchte mit süsser leiser Stimme folgendes Lied in den Klang der goldenen Saiten . Sie hatte in einer schönen wehmüthigen Stunde , bald nachdem Ferdinand zur Armee gegangen war , es selbst gedichtet , und Worte und Melodie waren zugleich entstanden . Angelikas Lied Bricht an der Tag mit seinen hellen Lichtern , So flücht ' ich meiner Liebe heil ' gen Schein Vor all ' der bunten , lauten Menge schüchtern In meines Herzens tief verschloßnen Schrein ; Dort ruht er ungesehen , glüht verborgen , Bis daß der Abend kommt ; dies ist sein Morgen . Denn , wenn nun dieser zieht die grauen Schatten , Das Licht sich nach und nach in Dunkel bricht Bis es im letzten Strahle muß vermatten , Wenn Nacht sich um die weiten Himmel flicht , Dann zünde ich im allertiefsten Herzen Ganz still mir an der stillen Liebe Kerzen . Sie leuchten freudig mir in meiner Zelle , Aus herrlicher Vergangenheit herauf ; Sie zeigen auch im Dunkel Hoffnungshelle Mir meiner Zukunft unenthüllten Lauf ; Sie glänzen - gehn die müden Augen schlafen - Als Pharus in des Traumes Wunderhafen . Und diese lichten Träume sollen blühen So lang des Lebens Traum mich noch umfängt ; Sie sollen treu auch dahin mit mir ziehen Wo man zum langen Schlaf ' mich eingesenkt . Nein ! Diese Flammen können nicht vergehen ; An ihnen zündet sich das Auferstehen . Thränen glänzten in den Augen der Zuhörerinnen , als die Sängerin verstummte , doch ihre Augen blieben klar , ihre Züge heiter , indem sie aufstand und schweigend die Harfe wieder hinaus trug . Sobald sie das Zimmer verlassen hatte , warf sich Vicktorine mit überströmendem Gefühl ' in Annas Arme . » Tante , « rief sie , » glauben Sie es nur , ich fühle die stille Lehre , die Sie durch die Gegenwart dieses schon halbverklärten Engels mir geben wollen , aber kann denn die junge Tanne sich schmiegen und beugen wie der Epheu ? liebe , gütige Frau , ich leide in Ihrer Seele wenn ich Ihre Zukunft mir denke , denn ich sehe es , Sie wollen zu der Höhe mich führen , auf welcher Angelika , erhoben in ihrer Demuth , schon steht , und Sie werden zu meinem frühen Grabe mich hinleiten ! « In Thränen schwimmend , verbarg sie jezt ihr Gesicht am Busen der Tante , die , schmeichelnd und liebkosend , sie aufzurichten strebte . » Meine Vicktorine , « sprach sie , » mein geliebtes Kind , glaubst Du denn , ich wisse nicht , wie Schmerz oder Freude auf Jeden , seiner eignen Natur nach , verschieden wirken muß ? oder denkst Du , ich wäre ungerecht genug , Allen Alles zuzumuthen ? da doch das Maaß und die Art unsrer Kraft so verschieden sind ? Nur können wir dieses Maaß nicht eher erkennen , bis wir erprobt haben , wie weit es reicht . Und deshalb thut es mir immer weh , und macht mich sogar zuweilen unmuthig , was es nicht sollte , wenn ich sagen höre : das kann ich nicht , das ist mir unmöglich . Ach , wir können tausendmal mehr , als unsre feigherzige Trägheit uns eingestehen mag , wenn es uns nur mit dem Wollen ein rechter Ernst ist ! Ich spreche aus Erfahrung , liebes Kind ! oder denkst Du wirklich , weil ich jezt alt bin , ich habe nie jugendlich gefühlt , nie jugendlich gelitten , wie Du oder Angelika . ?