nur willst . « Schluchzend , doch mit Begeisterung , streckte ich meine Arme hoch zum Himmel und rief : » Ich will ! willst Du nur , daß ich wolle ! « Still und gen Himmel blickend , setzte ich diesen Gedanken einige Augenblicke fort und fühlte mich wunderbar gestärkt und erhoben . Der Odem des Ewigen schien mich zu umwehen . Da stieg der Mond in voller Pracht hinter dem Taugewölk empor und verbreitete sanfte Tageshelle um mich her . Mein Blick fiel auf den Brief , welcher entfaltet mir zur Seite lag und durch dessen Blätter der Abendwind flüsterte . Ich nahm und las mit leidlicher Fassung , was die Verzweiflung geschrieben . - Die zu früh angetretene Reise in dieser heißen Jahreszeit hatte Emils anscheinend leichte Wunde sehr verschlimmert . Er blieb in Frankfurt , am Wundfieber erkrankt . Bald gesellte sich ein bösartiges Nervenfieber hinzu . Vergebens wendete Mucius die treueste Sorgfalt an , vergebens rief er die tätigste Hülfe herbei , die Ärzte gaben wenig Hoffnung , sie erklärten , das noch nicht vollendete starke Wachstum des Kranken habe , verbunden mit den Mühseligkeiten des Feldzugs , die Natur zu sehr erschöpft , sie versage die Unterstützung . So schlummerte der holde Jüngling sanft und bewußtlos zu einem schöneren Leben hinüber , beklagt und geliebt , selbst von denen , welche ihn nur in seiner Krankheit kannten . Die Töchter des Wirtes weinten um den schönen Toten und gelobten , Rosen um seinen stillen Hügel zu pflanzen . Mucius hatte , die Erlaubnis seines Feldherrn benutzend , den Dienst schon verlassen , um seinen Freund zu uns zu geleiten , wo ihm die Myrten der Liebe winkten . Jetzt fiel ihm der Gedanke zentnerschwer auf das Herz , ohne den Geliebten , den Pflege- und Schutzbefohlenen , vor der verzweifelnden Mutter zu erscheinen . Es schien ihm unmöglich , unsern vereinten Jammer zu tragen . Angst und Verzweiflung trieben ihn , bei einem Regimente wieder Dienste zu nehmen , welches durch Frankfurt nach Spanien marschierte . Er wollte den Tod suchen . Jetzt schrieb er mir aus einer Entfernung von wenigen Meilen , er fühle sich nicht stark genug , mich noch einmal zu sehen , auch erlaubten es seine Dienstverhältnisse nicht . Er sagte mir ewiges Lebewohl und fügte nur ganz von ungefähr hinzu , der Marsch gehe über Bellegarde und er hoffe , seinen Oheim noch einmal zu umarmen . Im Nu verstand ich jetzt , was der Vater gemeint . » Wir müssen hin ! « rief ich und sprang auf , » wir müssen hin ! « , und dahin flog ich , mit des Windes Eile unsrer Wohnung zu . Im Hofe wurde ein Reisewagen bereitet . Ich stürzte hastig ins Zimmer . » Wir müssen hin ! ja wir müssen hin ! « - » Freilich « , sagte mein Vater , indem er mir ein Zeichen gab und den Finger an die Lippen drückte . Ich schwieg und suchte mich zu sammeln . Meine Mutter stand uns abgewandt , einige Kleidungsstücke zusammenlegend , sie wandte sich um , da sie meine Gegenwart bemerkte , sie war sehr bleich , und ihre Glieder zitterten . » Weißt du das Unglück schon ? « fragte sie . Ich schwieg und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen . » Wir müssen hin ! « fuhr sie fort , » vielleicht ist noch Rettung möglich . « Ich merkte mit innerem Beben , daß sie das Schrecklichste noch nicht wußte . Sie trieb mich , etwas Wäsche zu packen , ich gehorchte zum Scheine . Nach einer halben Stunde saßen wir alle drei im Wagen und fuhren der furchtbaren Entwickelung entgegen . Meine Mutter sprach unaufhörlich von der traurigen Lage ihres Sohnes : gefährlich krank , so fern von den Seinen , ohne zarte weibliche Pflege , voll Sehnsucht nach uns . Ich schluchzte und schwieg . Dann kam sie auf den Gedanken , man habe sie gleich anfangs über seine Wunde getäuscht , es sei viel gefährlicher gewesen , er sei gräßlich verstümmelt . Ihre Einbildungskraft erhitzte sich und schuf schreckliche Bilder seines Zustandes . Mein Vater widersprach nicht und wies sie nur sanft auf den Willen des Ewigen hin , ohne welchen kein Haar von unserm Haupte falle . Es wollte keine Wirkung tun auf ihren sonst so religiösen Sinn , sie haderte mit Gott und den Menschen . » Ein Krüppel auf Lebenszeit ! « rief sie heftig , » unnütz der Welt , sich selber eine Last ! « - » Freilich « , sagte mein Vater , » einem Zustande , wie du ihn schilderst , wäre der Tod vorzuziehn , würde es in die Wahl des Menschen gestellt . « Er malte das Bild der Möglichkeit noch weiter aus . » Nein , lieber tot ! « schrie meine Mutter , » lieber tot ! Herr des Himmels , höre mich ! kann ich ihn nicht mehr glücklich sehn , so nimm ihn mir ! ich will ihn lieber missen , als daß er leide . « - » Klara ! teure , geliebte Klara « , bat mein Vater , » gedenke dieses Ausspruchs , gedenke deines Gelübdes . Das Schicksal könnte dich mächtig ergreifen . « Ich bückte mich auf ihre Knie nieder und überströmte sie mit meinen Tränen . Sie versank in tiefes Schweigen , wir schwiegen alle . So fuhren wir den übrigen Teil der Nacht hindurch , bis die Morgenröte hervorbrach . Die ersten Strahlen des Lichts regten meine Mutter wieder zu einigem klaren Bewußtsein auf . Sie betrachtete bald die Gegenstände am Wege mit Aufmerksamkeit , bald forschte sie auf unsern Gesichtern . Mir wollte das Herz zerspringen , und der Vater mußte sich fast immer seitwärts wenden , um den schrecklichen Kampf seines Innern zu verbergen . Plötzlich fuhr sie mit dem Kopf zum Schlage hinaus und sah rückwärts . Die Sonne sandte eben ihre ersten Purpurstrahlen herauf