unbesetzt . Der neu erwählte Herr Pfarrer Roderich , damals noch ein junger Mann von siebenundzwanzig Jahren , kam ins Dorf . » Ei ! « riefen einige Bauern : » was soll uns dieser Knabe ? Wenn die Regierung keinen Glauben mehr hat , so soll sie uns doch bei unserm Glauben lassen , und einen würdigen Mann schicken , der Jahre und Erfahrung hat . « Andere sprachen : » Der Herr Pfarrer ist auch einer von der neuen Mode . Gott sei es geklagt . Wenn er predigt , spricht er so wie unsereins , und man kann wahrhaftig alles begreifen und behalten . Das taugt nichts . Er ist nicht gelehrt genug und sollte mehr lernen . Da muß man den alten Herrn Pfarrer selig in Ehren halten . Das war ein ganz anderer Mann ! Der predigte so schön und gründlich gelehrt , daß ihn unsereins nur nicht verstand , und wenn er anderthalb Stunden auf der Kanzel war . Der wußte unsereins herzunehmen , wenn er von der Hölle und ewigen Pein anfing und von Buße und Glauben , und wenn er das ganze Sündenregister hersagte . Zumal im Winter , wenn es in der Kirche fror , daß man hätte Ach und Weh schreien mögen , dann machte er ' s am längsten ! « - Wieder Andere sagten : » Ja , der alte Herr selig , das war ein Mann ! Wenn er auf der Kanzel stand oder beim Altar , da war doch von seiner großen , breiten Gestalt etwas zu sehen . Der neue Herr Pfarrer ist viel zu schmal , und dünn wie ein Zwirnfaden . Ja , und wenn der alte Herr selig einmal eifern wollte , hörte man ihn weit übers Dorf hinaus richtig beim Vieh auf der Almende ; und den Leuten , wenn sie aus der Kirche kamen , klangen die Ohren zwei Stunde hernach . Der hatte eine Stimme ! Aber der neue Herr Pfarrer spricht so , als wäre er bei uns in der Stube . « So urtheilten die Leute zu Goldenthal , doch auch nicht alle . 18. Noch etwas von dem neuen Pfarrer . Es gab auch Leute im Dorfe , die sahen wohl , daß der Pfarrer Roderich ein recht frommer , würdiger und gelehrter Mann war , ungeachtet seiner Jugend , ein Mann nach dem Herzen Gottes . Ja , wenn man ihn lange beobachtete , ward einem zu Muthe , als wäre er mehr als ein gewöhnlicher Mensch , und von wahrhaft himmlischer Abkunft . Denn er war leutselig und doch voll Ernstes ; er war demüthig , und flößte doch in seiner Demuth große Ehrfurcht ein . Er schalt nie , er zürnte nie , und war immerdar voll Sanftmuth und Geduld ; und wenn er tadelte , hörte man nur die Stimme der Liebe , die den Verirrten zurechtwies . Als er in Goldenthal angekommen war , besuchte er alle Familien im Dorfe und machte sich mit allen bekannt . Nachher verging kein Tag , daß er nicht bald in dieses , bald in jenes Haus ging . Er verstand da die rechte Kunst , Vertrauen zu erwecken . Immer wußte er guten Rath zu geben , immer die Bekümmertem zu trösten , das Herz der Frechen zu bewegen und zwischen Streitenden Versöhnung zu stiften . Gleichwie Christus der Herr , ward auch er bei armen Leuten gesehen , oder bei denen , die im schlechtesten Ruf standen und wegen der Ruchlosigkeit ihres Herzens bekannt waren . Und wenn er Sonntags auf die Kanzel trat und redete , war es ein wunderbares Wesen . Denn Jeder glaubte , der Herr Pfarrer rede und predige nur zu ihm allein . Jeder hörte gleichsam da die Geschichte seines eigenen Herzens , das Geheimniß seiner eigenen Fehler , und die wahren Ursachen , wie man zu denselben gekommen und von Gott abgefallen sei , und die Art und Weise , wie man wieder zum himmlischen Vater zurückkehren müsse . Und dabei wies er immer auf Jesum Christum und die Heiligen Gottes , als die Vorbilder des Wandels zu Gott . Das erweckte dann in jedem Zuhörer großes Nachdenken , weil Jeglicher meinte , es sei nur von ihm die Rede . Und man vergaß die Jugend des Lehrers , und seine zarte Gestalt , und die Mildigkeit seiner Stimme . Denn seine Worte waren Himmelsworte , die da an das Herz drangen mit Süßigkeit und Entsetzen . Als der Herr Pfarrer zum ersten Male die Schule des Dorfes besuchte , um ihre Einrichtung kennen zu lernen , machte die Reinlichkeit , Stille und Ordnung der Kinder , wie sie kamen , ihm große Freude . Wie nun aber Oswald auf die Knie fiel und die ganze Schule niedersank zum Gebet , rührte ihn der schöne Anblick der betenden Jugend . Und er kniete und beugte sich vor Gott , und die hellen Thränen flossen bei Oswalds Gebet von seinen Augen . Und er blieb liegen , als Oswald geendet hatte , und streckte die gefalteten Hände zum Himmel und sprach : » Mein Vater im Himmel , höre auch mein Gebet und Seufzen ! Bleibe mit deiner Gnade gegenwärtig diesen unschuldsvollen Kindern , daß sie sich nie von dir verlieren ; bleibe , bis es bei ihnen Abend wird , und du sie aus der Welt voll Prüfungen hinwegrufst an dein Vaterherz . Dann , o dann , Barmherziger ! vergib um Jesu willen auch mir meine Sünden , daß ich knien darf mit diesen verklärten Engeln um deinen Thron , und drüben keiner fehle von uns . Und segne den Lehrer dieser frommen Jugend , segne sein Wort und Werk , daß er mächtig bleibe durch deine Macht , dein Reich herrlich zu erweitern ! « So sprach er ; dann stand er auf und sagte zu den Kindern : » Liebe Kindlein , betet fleißig für diesen euern Lehrer , daß ihn Gott euch erhalte