müßte ich es übermorgen früh haben , und es ist viel , « sagte Eduard . » Es soll fertig sein , « rief Ottilie und hatte das Blatt schon in den Händen . Des andern Morgens , als sie sich aus dem obern Stock nach den Gästen umsahen , denen sie entgegenzugehen nicht verfehlen wollten , sagte Eduard : » Wer reitet denn so langsam dort die Straße her ? « Der Hauptmann beschrieb die Figur des Reiters genauer . » So ist ers doch , « sagte Eduard ; » denn das Einzelne , das du besser siehst als ich , paßt sehr gut zu dem Ganzen , das ich recht wohl sehe . Es ist Mittler . Wie kommt er aber dazu , langsam und so langsam zu reiten ? « Die Figur kam näher , und Mittler war es wirklich . Man empfing ihn freundlich , als er langsam die Treppe heraufstieg . » Warum sind Sie nicht gestern gekommen ? « rief ihm Eduard entgegen . » Laute Feste lieb ich nicht , « versetzte jener . » Heute komm ich aber , den Geburtstag meiner Freundin mit euch im stillen nachzufeiern . « » Wie können Sie denn soviel Zeit gewinnen ? « fragte Eduard scherzend . » Meinen Besuch , wenn er euch etwas wert ist , seid ihr einer Betrachtung schuldig , die ich gestern gemacht habe . Ich freute mich recht herzlich den halben Tag in einem Hause , wo ich Frieden gestiftet hatte , und dann hörte ich , daß hier Geburtstag gefeiert werde . Das kann man doch am Ende selbstisch nennen , dachte ich bei mir , daß du dich nur mit denen freuen willst , die du zum Frieden bewogen hast . Warum freust du dich nicht auch einmal mit Freunden , die Frieden halten und hegen ? Gesagt , getan ! Hier bin ich , wie ich mir vorgenommen hatte . « » Gestern hätten Sie große Gesellschaft gefunden , heute finden Sie nur kleine , « sagte Charlotte . » Sie finden den Grafen und die Baronesse , die Ihnen auch schon zu schaffen gemacht haben . « Aus der Mitte der vier Hausgenossen , die den seltsamen , willkommenen Mann umgeben hatten , fuhr er mit verdrießlicher Lebhaftigkeit heraus , indem er sogleich nach Hut und Reitgerte suchte : » Schwebt doch immer ein Unstern über mir , sobald ich einmal ruhen und mir wohltun will ! Aber warum gehe ich aus meinem Charakter heraus ! Ich hätte nicht kommen sollen , und nun werd ich vertrieben . Denn mit jenen will ich nicht unter einem Dache bleiben ; und nehmt euch in acht : sie bringen nichts als Unheil ! Ihr Wesen ist wie ein Sauerteig , der seine Ansteckung fortpflanzt . « Man suchte ihn zu begütigen , aber vergebens . » Wer mir den Ehstand angreift , « rief er aus , » wer mir durch Wort , ja durch Tat diesen Grund aller sittlichen Gesellschaft untergräbt , der hat es mit mir zu tun ; oder wenn ich sein nicht Herr werden kann , habe ich nichts mit ihm zu tun . Die Ehe ist der Anfang und der Gipfel aller Kultur . Sie macht den Rohen mild , und der Gebildetste hat keine bessere Gelegenheit , seine Milde zu beweisen . Unauflöslich muß sie sein ; denn sie bringt so vieles Glück , daß alles einzelne Unglück dagegen gar nicht zu rechnen ist . Und was will man von Unglück reden ? Ungeduld ist es , die den Menschen von Zeit zu Zeit anfällt , und dann beliebt er sich unglücklich zu finden . Lasse man den Augenblick vorübergehen , und man wird sich glücklich preisen , daß ein so lange Bestandenes noch besteht . Sich zu trennen gibts gar keinen hinlänglichen Grund . Der menschliche Zustand ist so hoch in Leiden und Freuden gesetzt , daß gar nicht berechnet werden kann , was ein Paar Gatten einander schuldig werden . Es ist eine unendliche Schuld , die nur durch die Ewigkeit abgetragen werden kann . Unbequem mag es manchmal sein , das glaub ich wohl , und das ist eben recht . Sind wir nicht auch mit dem Gewissen verheiratet , das wir oft gerne los sein möchten , weil es unbequemer ist , als uns je ein Mann oder eine Frau werden könnte ? « So sprach er lebhaft und hätte wohl noch lange fortgesprochen , wenn nicht blasende Postillons die Ankunft der Herrschaften verkündigt hätten , welche wie abgemessen von beiden Seiten zu gleicher Zeit in den Schloßhof hereinfuhren . Als ihnen die Hausgenossen entgegeneilten , versteckte sich Mittler , ließ sich das Pferd an den Gasthof bringen und ritt verdrießlich davon . Zehntes Kapitel Die Gäste waren bewillkommt und eingeführt ; sie freuten sich , das Haus , die Zimmer wieder zu betreten , wo sie früher so manchen guten Tag erlebt und die sie eine lange Zeit nicht gesehn hatten . Höchst angenehm war auch den Freunden ihre Gegenwart . Den Grafen sowie die Baronesse konnte man unter jene hohen , schönen Gestalten zählen , die man in einem mittlern Alter fast lieber als in der Jugend sieht ; denn wenn ihnen auch etwas von der ersten Blüte abgehn möchte , so erregen sie doch nun mit der Neigung ein entschiedenes Zutrauen . Auch dieses Paar zeigte sich höchst bequem in der Gegenwart . Ihre freie Weise , die Zustände des Lebens zu nehmen und zu behandeln , ihre Heiterkeit und scheinbare Unbefangenheit teilte sich sogleich mit , und ein hoher Anstand begrenzte das Ganze , ohne daß man irgendeinen Zwang bemerkt hätte . Diese Wirkung ließ sich augenblicks in der Gesellschaft empfinden . Die Neueintretenden , welche unmittelbar aus der Welt kamen , wie man sogar an ihren Kleidern , Gerätschaften und allen Umgebungen sehen konnte , machten gewissermaßen mit unsern Freunden , ihrem ländlichen und heimlich leidenschaftlichen Zustande eine Art von Gegensatz