aufzugeben . Wie viele Ehen sind mit Einwilligung beider Theile getrennt worden ! Es ist nicht der Fall Sulpiciens , die jung und schön den jungen Gatten , dem sie freiwillig die Hand gab , der sein Glück in ihr findet , verlassen will , um dem später Geliebten zu folgen . Es ist die Jugendfreundin des Wiedergefundenen , der heilige Rechte an sie hatte , ehe Demetrius sie kennen lernte : es ist die junge Gemahlin des kalten Greisen , der unempfindlich für ihre Vorzüge und Tugenden , vielleicht nur seine Haushälterin in ihr schätzt . Mehr scheint ihm Larissa ja nicht zu seyn , und wie bald ist so ein Platz in einem Hause ersetzt , wo die Frau keinen Platz im Herzen des Mannes behauptet ! So dachte ich , so denke ich noch , und glühte vor Verlangen , mit ihr zu sprechen , ihr diese Gründe an ' s Herz zu legen , über unser Schicksal mich mit ihr zu berathen . Phocion ! Welch unbegreifliches Betragen ! Welche erstarrende Kälte ! Seit vorgestern habe ich sie , die mit mir in Einem Hause lebt , die mich einst so sehr liebte , die mich noch zu lieben schien , die wissen muß , welchen Qualen sie mein Herz preisgibt , mit keinem Auge mehr gesehen ! Ich weiß , daß sie sogar die Gärten , sonst ihren Lieblingsaufenthalt , seitdem nicht mehr betreten hat , um mir nicht zu begegnen ! Wie ist dies Benehmen zu erklären , wie zu vertheidigen ? Verdiene ich nicht einmal , daß man mit mir spricht , daß man sich die Mühe nimmt , die dunkeln Räthsel unsers Verhältnisses zu lösen , und nur wenigstens zu sagen : Lieber Freund ! meine Liebe ist erstorben ; das , was mich im ersten Augenblick erschütterte , war Ueberraschung , übrigens haben wir nichts mit einander zu besprechen , du nichts zu hoffen . Wie ist sie dazu gekommen , einem Greise , den sie nicht lieben kann , die Hand zu reichen ? Was ist aus ihrer Familie geworden ? Man gibt doch dem gleichgültigsten Bekannten aus der Vaterstadt , den man in der Fremde trifft , freundlichen Bescheid um alte Verhältnisse und Freunde . Ich will ja nichts mehr , ich will ja nichts mehr von Larissen , der Frau des Demetrius ; nur die Tochter des Timantius , die Nachbarin soll mir erzählen , was aus der Gespielin meiner Kindheit , aus ihren Eltern , ihren Brüdern geworden ist . Das kann doch ihre Pflicht gegen Demetrius nicht verletzen . Sie thut es nicht : also will sie nicht - also bin ich ihr nichts , gar nichts mehr ! - O Phocion ! Das ist denn nun die ersehnte Entwicklung lange verwirrter Schicksale ! Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Edessa , eine Stadt in Mesopotamien . 18. Larissa an Junia Marcella . Edessa , im Junius 301 . Mit schwacher , unsichrer Hand , kaum fähig meine Gedanken zu ordnen , schreibe ich dir , geliebte Freundin ! Vielleicht wirst du Mühe haben , die Züge meiner Schrift zu lesen ; aber ich finde eine Art von Beruhigung darin , dir zu sagen , was in mir vorgeht , und dich in diesen trüben Stunden um Rath und Trost zu bitten . Dies , und heiße Gebete , unbedingte Unterwerfung unter die Hand desjenigen , der züchtigt , weil er liebt , ist für jetzt Alles , was mir übrigt , um nicht zu unterliegen . Fünf traurige Jahre der Trennung und mannigfacher Leiden , unter Mangel , häuslichem Zwist und Härte fremder Menschen waren vergangen , ohne daß es meinen glühenden Wünschen , meinem heißen Gebete gelungen wäre , das vom Himmel zu erlangen , was allein mein höchstes Gut ausmachte . Warum es nicht geschah , welche Leidenschaften , welche Zufälle sich in ' s Spiel mischten , um das stille Glück eines armen Herzens zu zerstören , weißt du . Laß mich schweigen ! Das Grab bedeckt unsre Tugenden und unsre Fehler mit gleich dichter Hülle . Genug , es war nicht Gottes Wille ! Da reichte ich am Sterbebette eines unglücklichen Vaters dem Demetrius meine Hand . Auf Glück und Liebe hatte ich alle Ansprüche aufgegeben . Warum sollte ich nicht , mit dem Opfer meines verödeten Herzens , meiner verlassenen Familie eine Stütze , dem sterbenden Vater den letzten Trost , mir selbst einen anständigen Wirkungskreis für meine Bestimmung als Weib erkaufen ? Drei Jahre lebe ich an der Seite dieses Mannes , drei Jahre erdulde ich schweigend , was ein herrisches Gemüth und kriegerische Sitten einer Frau von so verschiedener Denkart Schweres auflegen können . Ich hatte errungen , was ich suchte - die Achtung meines Gemahls . Ich opferte Gott meine Leiden auf , ich erhielt von ihm Kraft und Geduld zu meinem Berufe , ich war ruhig ; denn in mir war Friede . Vier Tage sind es nun , als ich eines Nachmittags einsam in einer dunkeln Laube des Gartens saß , der die Villa umgibt , in welcher das Hauptquartier unsers Heeres , und für jetzt mein Aufenthalt ist . Ich war mit Zurechtmachung der Wolle1 zu einem Waffenmantel für Demetrius beschäftigt . Jenes Körbchen , das du kennst , das einzige Ueberbleibsel einer bessern Zeit , stand neben mir auf dem Tische , und meine Gedanken irrten in weiten Fernen , als man mich eines Geschäftes wegen in ' s Haus zurück rief . Nach einer Weile kam ich wieder , und ging auf die Laube zu . Der Anblick eines fremden Mannes , der am Tische stand , und meinen Arbeitskorb betrachtete , machte mich stutzen . Ich ließ den Schleier nieder , und trat näher . O meine Freundin ! Wie soll ich dir meine Ueberraschung , meinen Schrecken , und mein Entzücken schildern , als jeder Blick , jedes nähere Betrachten mich überzeugte , daß ich Agathokles vor mir sähe !