Takt der Musik angab , daß ihr Rodrich noch lange nachsah , als die Töne schon in der Ferne verhallten , und er nur noch ganz schwach » Leben ist ein streitend Lieben « zu hören glaubte , Worte die sein Herz mit der wehmüthigsten Sehnsucht erfüllten . Er konnte sich viele Tage hindurch nicht wiederfinden , und die Geschäfte seines neuen Berufs ermüdeten ihn zum erstenmale , statt ihn aufzurichten , selbst der Ernst des Grafen schien ihm erkünstelt , wie das ganze Treiben zwecklos . Die weite Aussicht einer thatenreichen Zukunft beschränkte sich immer mehr auf einzelne wiederholte Uebungen , die mit dem Reitz der Neuheit auch jede anregende Kraft verloren . Rücksichten , die er früher nicht geachtet , dünkten ihn jetzt lästig . Ja ihm war , als schlänge sich die Kette des Alltäglichen immer fester um ihn herum , und werde ihm zuletzt jede freie Bewegung rauben . Die behagliche Wohlhabenheit seiner Lage achtete er nicht mehr , seit er sie besaß . Der üppige Erguß des Glückes hatte ihn überfüllt , und er betrachtete die Welt wie jemand , der in der aufblühenden Jungfrau die erstorbenen Züge der Matrone erblickt . Die innere Unzufriedenheit wuchs , da er immer auf demselben Punkt blieb , und nirgends einen Fortgang sah . So lange er der Kunst gelebt , erkannte er einen großen Zweck , dem er kräftig entgegenarbeitete . Was er damals suchte , war ihm plötzlich nahe getreten , er hatte es erfaßt , und glaubte mit einem raschen Anlauf das höchste Ziel zu erschwingen . Jetzt ging alles den gewöhnlichen Gang , und was er wünschte und haßte , was er früher geträumt , schwebte in verworrenen Bildern vor Ihm her , und verfinsterte seinen Weg . Oft wollte er sich Stephand entdecken , allein ihn schreckte sein kalter Blick und die Verstandesruhe , mit welcher er über menschliche Verhältnisse hinaussah . Rosalie war krank , und ließ Niemand vor sich . Seraphine hatte einigemal sein langweiliges Gesicht belacht , er verlor die Lust an ihrer Gesellschaft , seit er aufgehört hatte , ihr neu und interessant zu seyn . So verflossen ihm mehrere Wochen . Die wechselnden Gegenstände erregten seine Aufmerksamkeit nur schwach , und er selbst ging unbeachtet als eine gewohnte Erscheinung an den Menschen hin . Einst als ihn ein langer Spatziergang vor dem alten Schlosse vorüberführte , gedachte er jenes Abends mit neuer Rührung . Rosaliens Bild schwebte auf dem Altane , er begriff nicht , wie er es je verkannt hatte , daß sie in seinem Herzen lebe und ihn von der Welt entfernt habe , wo er sie längst nicht mehr fand . Alexis plötzliches Verschwinden hatte auch jene frühere Eindrücke betäubt , und die Worte der kleinen Sängerinn verwirrten seine Gefühle , statt sie zu entfalten . Jetzt war ihm alles so klar , er fühlte es bestimmt , daß sie es war , die ihm fehlte . Voll heitrer Erwartungen wandte er sich zur Stadt . Er wollte sogleich zu ihr gehen , sie sollte in dem milden Schein der zartesten Liebe genesen ; nie , das gelobte er sich , dürfe ein kühnes Wort ihr Gefühl verletzen . Im Verborgnen solle die Blüthe reifen und einst die innigste Treue lohnen . Alles schien ihm leicht und sicher . Sein Inneres wogte wie die reichen Kornfelder , die er froh durchstrich . Er blickte heiter um sich her . Ueberall ruhete ein seliges Schweigen , man hörte nur das Flistern der vollen Aehren , die sich leise zu einander neigten ; die ganze Flur schwamm im klaren Sonnenlichte und die hochrothen Dächer der Stadt glüheten wie eine Purpurwolke . Ihm war fast wie an jenem Morgen , da er das Kloster verließ , nur fühlte er sich stiller , die Welt hatte andre Erwartungen in ihm erregt , und er lauschte sehnend auf jeden Athemzug der Freude . In dieser weichen , zärtlichen Stimmung , trat er unter die Platanen , wo er Seraphinen bei ihren Blumen antraf . Kommen Sie Rosalien Glück zu wünschen ? fragte sie heiter , ihr die den ersten Tag außer dem Bette zubrachte , und wieder Zerstreuung sucht und findet . Gehen Sie nur hinein , sie wird Sie gern empfangen . Es war ihm nicht eingefallen , daß Rosalie für ihn nicht sichtbar und fortwährend krank seyn könnte , und dennoch ward er durch die Nachricht ihres Wohlseyns überrascht , und sah sie als eine günstige Vorbedeutung seiner Wünsche an . Er fand Rosalien schöner als jemals . Das zarteste Weiß umfloß wie ein Hauch die edle Gestalt . Sie saß an einem offnen Fenster und freuete sich der milden Luft , die mit ihrem Haar spielte . Die untergehende Sonne spiegelte sich in dem Strom und färbte mit den letzten Strahlen die bleiche Wange der Kranken . Vor ihr stand ein offnes Kästchen , in welchem sie beschäftigt war Briefe zu ordnen . Helfen Sie mir , sagte sie lächelnd , meine Liebe zu Grabe tragen . Diesen Schatz will ich in die Erde versenken , damit kommende Geschlechter sehen , wie geschickt man einst heimlich zu morden wußte . Nein , fuhr sie nach einer Weile fort , Niemand ward je so unerhört betrogen ! Lesen Sie , ich bitte Sie , lesen Sie diese beiden Briefe , sie sind um wenige Tage aus einander . Ach Gott , ich müßte Ihnen wohl mehr sagen ! nun ja - Sie wissen , ich liebte - ein Strom von Thränen benetzte ihr Gesicht ; ach , ich habe ihn unbeschreiblich geliebt , sagte sie wehmüthig ; unbeschreiblich ! Wenn ich der ersten süßen Regungen gedenke , wie alles so friedlich war und die bescheidnen Wünsche mich in selige Träume wiegten , und wie dann plötzlich alles die Gränzen überschritt und die gewichtige Leidenschaft die heiligsten Bande zerriß ! Rodrich war in der peinlichsten Lage . Diesen Beweis ihres Vertrauens hätte er gerade heute gern entbehrt , und