, die ich niemahls an ihr bemerkt hatte , riß sie das Kind an ihr Herz , und bedeckte es mit Thränen und mit zahllosen Küssen . » Ach wenn Sie doch auch so Eins hätten « - sagte das junge Weib ; und winkte dem Knaben , der sich los machen wollte , zu bleiben . » Nimmermehr ! nimmermehr ! « - rief Marie laut weinend . Der Knabe floh in die Arme seiner Mutter , und ich in den nahen Wald ; als wollte ich der rächenden Natur entfliehen . - Von Heinrichs Hand So weit schrieb mein unglücklicher Freund ; als eine gefährliche Krankheit ihm auf lange Zeit jede Geistesanstrengung unmöglich machte . Zwar fanden wir noch manche abgerissene Aufsätze von seiner Hand ; welche uns überzeugten : daß er ein sechstes Buch den vorhergehenden fünfen habe hinzufügen wollen . Aber theils waren sie so unleserlich geschrieben , daß es unmöglich schien , einen vollständigen Sinn heraus zu bringen ; theils verrieth das Wenige was wir entziffern konnten , eine so ungerechte Strenge gegen sich selbst : daß wir uns an seiner Asche versündigen würden , wenn wir es mittheilen wollten . Aber wenn er seine Verirrungen schilderte ; so fordern uns Dankbarkeit und Gerechtigkeit auf : seine Rückkehr zur Tugend , und seinen Edelmuth nicht zu verschweigen . Wo die Wahrheit so schön , und so rührend ist , da kann man des Schmuckes entbehren . - Dieser Gedanke giebt mir Muth den Faden seiner Geschichte wieder aufzunehmen . Mariens Geheimniß war verrathen - und mein unglücklicher Freund trug die Hölle in seinen Busen . - Er hatte in Stunden der innigsten Vertraulichkeit meiner Neigung zu ihr erwähnt , und wenn Marie jetzt bey meinem Namen erröthete ; so gesellten sich alle Qualen der Eifersucht zu den Martern der Selbstverachtung , und der trostlosen Verzweiflung . - Er ward krank , glaubte sein Ende nahe , und konnte - was auch sein Herz dabey leiden mogte - die Begierde nicht unterdrücken , mich noch einmal zu umarmen . Ich sah Marie wieder - aber ich hatte mit ihm an einer Brust gelegen , - ich hatte so Manches für ihn , und mit ihm gelitten - ich konnte jetzt nur Sinn für seinen Verlust haben . Doch er sollte für dieses Mal uns noch erhalten werden . Der Arzt rieth zu einer Veränderung des Aufenthalts , wir wählten Berlin , und Marie begleitete uns . Ach wer konnte ahnen was seiner dort wartete ! - Schon glaubten wir ihn völlig wieder hergestellt . Mariens unnachahmliche Sorgfalt , und ihr seelenerschütterndes Leiden bey seiner Gefahr , schien alle Spuren der Eifersucht aus seinem Herzen vertilgt zu haben . Zwey Mal wollte ich mich von ihm trennen , aber er beschwor mich , ihn nicht mehr zu verlassen . So durch die reinste und zärtlichste Freundschaft vereinigt ; sahen wir einer heitern Zukunft entgegen . Marie lebte nur in ihrem Gustav - hatte Alles vergessen , was ihr vormahls noch wünschenswürdig schien , und meine Empfindung gegen sie waren mit einer so tiefen Achtung verbunden : daß wir alle unsre Ruhe für immer gesichert glaubten . Aber mein unglücklicher Freund konnte seinem Schicksale nicht entgehen . Ein Fremder , der ihm empfohlen und mit seinem Gemüthszustande unbekannt war , verleitete ihn , nachdem sie von mehrern Merkwürdigkeiten der Stadt zurückkamen , die Charite zu besuchen . Hier fand er Röschen , das bejammernswürdige Mädchen , deren Unschuld er vormahls geraubt hatte , in dem qualvollsten und schauderhaftesten Zustande . Sie war völlig unkenntlich , aber ein Schrey des Entsetzens verrieth sie . - Man brachte meinen unglücklichen Freund , ohne Bewußtseyn , in Mariens Zimmer , und mehrere Tage vergingen , ehe wir hoffen konnten , daß er es jemahls wieder erhalten würde . Endlich erkannte er mich , und - - - doch es ist mir unmöglich die Leiden dieser schönen , gefallenen Menschenseele zu schildern . - Ach wir litten selbst zu viel - wir verloren die Fähigkeit zu beobachten . Aber mit einem Male schien eine neue Lebenskraft ihn zu erfüllen . Er erhob sich ohne alle Hülfe von seinem Lager - sein Auge glänzte , seine Lippen bewegten sich , ein großer Entschluß schien plötzlich in seiner Seele zu reifen . Er befahl seinen Wagen bereit zu halten , und kündigte uns an : daß er bis zum Ende des Sommers auf eins seiner benachbarten Güter gehen würde . Mariens wiederholte Bitten ihn zu begleiten , waren vergeblich . Er behauptete : nur durch eine gänzliche Abgeschiedenheit von Allem was er liebe , geheilt werden zu können . Der Arzt trat auf seine Seite , und so blieben wir das Herz voll schmerzhafter Ahnung zurück . Schon war die bestimmte Zeit vorüber , und noch hatten wir ihn nicht gesehen . - Marie war entschlossen , auf die Gefahr seines Unwillens , ihm zu folgen , als der Arzt ihr entdeckte : daß Gustav daran arbeite , sich für immer von ihr trennen zu lassen . Er halte sich ihrer nicht würdig , und die Sache würde vielleicht schon entschieden seyn , wenn er sie nicht übernommen , und Gustav auf diese wohlthätige Weise getäuscht hatte . Er hoffte , daß eine kurze Trennung hinreichen würde ihn vor allen ähnlichen Gedanken zu bewahren . Jetzt flog Marie zu meinem unglücklichen Freunde ; aber sie kam zu spät . - Ein Nervenfieber hatte ihn aufs Krankenlager geworfen , und wir sahen bald , daß alle Hoffnung dahin sey . Mit einem Blick der höchsten Liebe legte er Mariens Hand in die meinige , und verschied in unsern Armen . - Sechs Söhne und vier Töchter blühen um uns auf ; aber ihr Lächeln hat die Erinnerung seiner Leiden nicht in unserm Herzen vertilgen können . Die theuren , geliebten Kinder ! sie haben sein Grab mit Rosen bepflanzt , und kennen ihn unter den Namen des unglücklichen Freundes . Mein ältester Sohn , ein