ihn mit einem Körper , woran alles zu seinem bequemsten Gebrauch und Nutzen aufs künstlichste eingerichtet ist , versehen ; und damit er im Stande sey , alle möglichen Vortheile aus der Natur der Dinge zu ziehen , hat sie ihm die Vernunft mitgetheilt , um ihre Eigenschaften und Beziehungen auf ihn zu erkennen und sie zu dem , was sie seyn sollen , zu Mitteln seines eigenen Zwecks zu machen . Aber seine Vernunft dringt nicht so tief in den Zusammenhang der Dinge , daß sie ihm auch ihre künftigen Verknüpfungen und den Nachtheil , der seinen Unternehmungen dadurch zuwachsen kann , hinlänglich zu enthüllen vermochte . Sie zeigt ihm wohl , wo , wann und wie er handeln soll ; aber die Folgen und der Ausgang seines Thuns und Lassens bleiben meistens ungewiß . Sollten die Götter für ihren Liebling nicht besser gesorgt haben , als ihn ohne alle Gewähr und auf bloßes Gerathewohl im Dunkel der Zukunft umher tappen zu lassen ? Allerdings ! sie selbst kommen der Unzulänglichkeit seiner Vernunft zu Hülfe , und entschleiern , so weit sie es ihm nöthig oder zuträglich finden , durch Orakel , Träume und Vorbedeutungen die Zukunft vor ihm . Da es also in seiner Macht steht , sich auf diesem Wege über den Ausgang seiner Unternehmungen zu unterrichten , so wäre es eben so thöricht und gottlos , diesen ihm angebotenen Beistand der Götter zu verachten , als es thöricht und vermessen wäre , wenn er in Dingen , worin seine Vernunft ihm hinlängliches Licht geben kann , zu Orakeln und Divinationen seine Zuflucht nehmen wollte . « Was meinst du , Kleonidas , sollte ein Mann von sehr lebhaftem Geiste , der so räsonnirt , nicht unvermerkt dahin gelangen können , das divinatorische Vermögen der Vernunft , das in höherm oder geringerm Grade allen Menschen beiwohnt , zumal das dunkle Vorgefühl eines Uebels , welches uns oder andere unter gewissen Umständen und Anscheinungen treffen könnte , für einen Wink der Gottheit , eine seinem Innern zuflüsternde dämonische Stimme , zu halten , und wenn etwa der Erfolg zufälligerweise einem solchen vermeinten Wink entsprochen hätte , sich in seiner Einbildung dergestalt zu bestärken , daß was vielleicht anfangs eine bloße Vermuthung war , ihm endlich zur Gewißheit würde ; und dieß um so leichter , wenn er , wie Sokrates , sich angewöhnt hätte , von der Gottheit , nach morgenländischer Weise , bei allen Gelegenheiten so zu reden , als ob sie die unmittelbare Ursache aller natürlichen und menschlichen Dinge sey ? Doch bin ich nicht selbst ein Thor , dich und mich mit einer Sache dieser Art so lange aufzuhalten ? muß denn an einem so ungewöhnlichen Manne wie Sokrates , alles so begreiflich wie an einem Alltagsmenschen seyn ? Die neuesten Berichte , die ich aus Cyrene erhalte , lassen mich ohne Dämonion voraussehen , daß Ariston , durch das Uebergewicht , das ihm seine eigennützige Freigebigkeit bei der zahlreichsten und handfestesten Volksclasse verschafft , vermuthlich in kurzem den Sieg über seine Nebenbuhler davon tragen , und es in seine Gewalt bekommen wird , der Republik eine neue Gestalt zu geben . Ob auch eine bessere ? - das liegt im Schooße der Götter . Immer finde ich , daß deine Familie nicht übel gethan hat , sich , wie du mir meldest , noch in Zeiten und mit guter Art an die Partei anzuschließen , die , allen Anscheinungen nach , das Spiel gewinnen wird . Wenn man keine Hoffnung hat , etwas fürs Allgemeine ausrichten zu können , so gebietet die Klugheit , wenigstens für sich selbst zu sorgen . Aber sollte denn wirklich für die Republik nichts mehr zu thun seyn ? Ich fürchte , nein ! und sehe , bei der allgemeinen Verderbniß unsrer Sitten , es noch für ein Glück an , daß es keine energischen Seelen unter uns gibt , die uns den schnell verlodernden Enthusiasmus für Freiheit und Gleichheit , unter dessen Gewalt wir gar bald zusammensänken , mit schrecklichen Krämpfen und Zuckungen büßen lassen würden . In unsrer Lage wäre vielleicht das schlimmste was begegnen könnte , wenn die demokratische Partei Mittel fände , sich der Zügel zu bemächtigen . Indessen , da der Ausgang bürgerlicher Unruhen immer ungewiß ist , rathe ich dir und deinen Freunden , es mit keiner Partei ganz zu verderben , und keine so eifrig zu nehmen , daß ihre Niederlage auch euern Untergang nach sich ziehen müßte . 11. An Demokles . So ist sie denn endlich geborsten , die Gewitterwolke , die wir schon so lange über unser ungewahrsames Vaterland herhangen sahen ! Jetzt , lieber Demokles , darf ich dir doch wohl bekennen , daß die Besorgniß , in eine von den Factionen , die einander dermalen in den Haaren liegen , wider Willen hineingezogen zu werden , ein Hauptgrund war , meine Reise nach Griechenland zu beschleunigen . Dächte mein Verwandter Ariston wie ich , oder hätten meine Vorstellungen Eingang bei ihm gefunden , so möchte sich unsre Regierung noch lange zwischen Oligarchie und Demokratie hin und her geschaukelt haben , ohne daß die öffentliche Ruhe viel dabei gelitten hätte . Aber seine hohe Meinung von sich selbst , die zehn Jahre die er älter ist als ich , das Unglück zu früh zum Besitz eines beinahe fürstlichen Vermögens gekommen zu seyn , und der Hof von Schmeichlern und Parasiten , wovon er überall umgeben ist , standen immer zwischen ihm und mir . Die Republik hat nun einmal den Grad der Verderbniß erreicht , der eine Veränderung ihrer Regierungsform unvermeidlich macht ; unter den drei oder vier Nebenbuhlern , die sich um die schöne Basileia70 bewerben , muß sie ( wie es scheint ) am Ende doch Einem zu Theil werden ; und da einer so viel Recht an sie hat als der andere , warum sollte der eitle und ehrsüchtige Ariston sie einem andern überlassen , ohne wenigstens zu versuchen , wie weit er es durch