Gift der litterarischen Gesellschaftsstreberei schien ihm längst in alle Poren gedrungen und vergebens suchte er nach einem Gegengift . Und zuguterletzt - konnte er nun nicht , nachdem er durch jenes Meisterwerk einen obersten Platz errungen , durch eigene Werke sich weiter behaupten ? Konnte ihn nicht der edle Ehrgeiz , sich jenes Werkes und des dadurch errungenen Namens würdig zu machen , über sich selbst hinausheben ? Was nützte es denn dem Todten , wenn man der Wahrheit die Ehre gab und seinen ohnehin schon sicheren Nachruhm noch vermehrte ? Der große Dichter bedurfte desselben nicht und der Todte bedarf überhaupt nichts mehr . Nur der Lebende hat Recht . So mühte er sich ab , mit allerlei Sophismen sich über sein Vorhaben , über seine feige Schwäche hinwegzutäuschen . Mit jedem Tage wuchs die Schwierigkeit des Eingeständnisses . Würde man nicht fragen , warum er nicht sofort das Nothwendige gethan ? Würde man nicht seine plötzliche Abreise dann erst recht mißdeuten ? Würde nicht ein immer das Böse voraussetzender Verleumder wie z.B. Schmoller sich dann gar feierlich als Bluträcher des » todten Freundes « aufwerfen , indem er am Ende gar den unerklärlichen Selbstmord Leonharts mit dem litterarischen » Raub « zusammen brachte , der an ihm begangen ? Und ob denn überhaupt nicht Jemand in der » Meeresbraut « die unverkennbare Vaterschaft Leonharts herausspürte und demgemäß Vermuthungen losließ ? Die Phantasie spiegelt tausend Fährnisse vor , die hinterher nicht einmal kommen können . Wer etwas auf dem Herzen hat , glaubt , daß Jeder es ahne . Wie die Motte zur Kerze , fliegt ein überzartes Gewissen selbst immer der Sache näher und verplaudert sich selbst Denn der Mensch kann selten ein Geheimniß bewahren und bei sich behalten , alles muß heraus . Daher die heilsame Institution der Beichte - daher die wolthätige Macht der katholischen Kirche , welche dem Drang des Mittheilens entspricht , den man sonst verbeißen müßte . Bei diesem Gedanken an die katholische Kirche durchzuckte es den Einsamen . Wie hatte es ihn stets gepackt , wenn Leonhart das Leben eines Mönchs als wünschenswerthesten Seelenzustand pries ! Ach ja , ja . Wenn ihm nichts mehr übrig blieb , wenn das Leben ihm ganz zuwider , so konnte er sich ja flüchten in die klösterliche Stille , wo aller Hader schweigt und jede Versuchung endet . » Memento mori ! « zu murmeln wie der Trappist , dem nur dies eine Wort die ewig versiegelten Lippen erschließt - das mag nur Weltlinge erschrecken , die noch genarrt von den eiteln Gaben des Lebens . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Krastinik war , bald nachdem er wieder zu sich selbst gekommen , ins deutsche » Athenäum « geeilt , um dort Berliner Zeitungen zu lesen . Mit fieberhafter Aufregung durchstöberte er alte und neue Blätter . Und nicht umsonst für das Einzige , wonach er fahndete . Zehrten doch die Feuilletons aller Blätter noch immer in üppigen Notizen von dem seltsamen Selbstmord des jungen Dichters . Sogar zu Leitartikeler schwangen sich verschiedene Organe auf , um kräftig an diesem Fall das traurige Loos des deutschen Dichters zu erläutern . Obschon sie selbst im Leben ihn gänzlich todtgeschwiegen hatten , schleuderten solche edlen Leitartikeler jetzo Invectiven gegen die versumpfte Presse . Denn das schien , bald nachdem der Selbstmord Leonharts als breite Notiz überall aufgetischt und verrückte Motivirungen aufgetaucht , nunmehr endgültig festgestellt : daß der junge Dichter sich aus Verzweiflung über seine völlige Erfolglosigkeit und den Mangel jeglicher Anerkennung das Leben genommen habe . Wäre daran noch ein Zweifel gewesen , so wurde er ja bald gehoben durch ein posthumes Ereigniß . Was mußte Krastinik vernehmen ! Sofort nach Leonharts Ende , fiel sein Verleger über seine litterarische Hinterlassenschaft her , indem er einen Vertrag auf ein neues Werk des Verstorbenen producirte , auf welches er bereits eine Vorschußsumme gegeben . Dies neue Werk fand sich vor , überraschenderweise fast ganz vollendet . Ohne Besinnen setzte der rührige Verleger zwei Schnellpressen in Bewegung und publizirte mitten in dem Skandal binnen drei Tagen das Buch . Und welch ein Buch ! Das schnellebige Berlin hätte vielleicht auch diese Affaire in acht Tagen vergessen wie jede andere , aber diese Publikation verewigte den Skandal . » Der Schwur des Hannibal « , dramatische Dichtung . - Sobald er die erste Anzeige gelesen , stürzte Krastinik zu Trübner und kaufte das Buch . Gleichsam als Motto trug es an der Stirn die wildtrotzigen Verse : Ich glaubte nie die Mär , daß am Altar , Heimkehrend aus der Römerkriege Lager , Den Sohn er Rache schwören ließ - fürwahr , Nicht ähnlich dem verschlossenen Karthager ! Der junge Hannibal sah fort und fort Das Ringen seiner hohen Geistesahnen . Er ballte nur die Faust und sprach kein Wort : Man brauchte ihn zur Rache nicht zu mahnen . Er sah , wie alles nur gelenkt vom Schein , Wie jeder Wicht der Größe Keim verpfuschte , Wie jedes stillen Werthes Melodei ' n Der Kameraderie-Tamtam vertuschte . » Noch ahnet Ihr mich nicht , Ihr glatten Katzen , Aufsteht ein Rächer aus Hamilkars Geist . Den Löwen merkt man erst an seinen Tatzen , Wenn der Gereizte Euch in Stücke reißt . « » Ihr mögt mir Netze stellen , Gruben , Schlingen - Einst pack ' ich Euch , und wen erst packt der Leu - Ja , unerbittlich will ich sie vollbringen Die Rachepflicht , dem Schwure bleib ich treu . « » Du Stadt der Krämer und der seichten Possen , Ich schwör ' s bei der Semiten Gott , dem Bal : Einst kommt er wie der Blitz herabgeschossen Und reinigt Dich - der Schwur des Hannibal . « Das Buch fiel wie eine Bombe mitten in das Leben der Zeit hinein . Es sprengte gleichsam , vom Dach bis