des andern Ufers betrachten konnte , deren kahle Kronen sich scharf und klar gegen das helle Gelbroth des kalten Winterhimmels abzeichneten . Aber sie hatte heute keine rechte Ruhe . Sie stand von Zeit zu Zeit von ihrem Sessel auf , sah zu , ob das Feuer in dem Ofen des Nebenzimmers brenne , dann wieder trat sie , von dem fernen Rollen eines Wagens gelockt , in der vorderen Stube an das Fenster , bis ihr Auge auf den Zeiger der Uhr fiel und sie belehrte , daß ihre ungeduldige Erwartung eine vorzeitige und ihr Wünschen nicht im Stande sei , den Lauf der Stunden zu beflügeln . Davide saß schreibend an dem Tische , an welchem sich endlich auch Seba mit einem Buche niederließ ; indeß sie merkte bald , daß ihre Gedanken sich nicht sammeln lassen wollten . Sie legte das Buch also wieder zur Seite und nahm eine Näharbeit zur Hand . Aber selbst diese Beschäftigung erwies sich heute zu ihrer Beruhigung nicht wirksam , und die klaren , klugen Augen auf sie gerichtet , blickte Davide die Tante , wie sie ihre Cousine bei dem zwischen ihnen obwaltenden Altersunterschiede zu nennen gewohnt war , eine Weile mit sinnendem Lächeln an . Als Seba das gewahrte , fragte sie , was Davide denke . Das junge Mädchen antwortete nicht gleich , sondern zeichnete spielend allerlei Figuren auf ein Blatt Papier , das vor ihr lag , und erst als Seba ihre Frage wiederholte , erwiederte sie zögernd und verlegen : Ich möchte nur wissen , liebe Tante , ob Du auch so ungeduldig sein würdest , wenn Du meine Ankunft zu erwarten hättest ? Zweifelst Du daran ? Davide legte die Feder nieder , stützte den hübschen Kopf mit beiden Händen und sagte darauf : Ja , das thue ich ! So muß ich Dir wiederholen , was ich Dir neulich schon bemerkte , daß Du Anlage zur Eifersucht hast und daß Eifersucht die Schwester des Neides und eine häßliche Gewohnheit ist ! Seba hatte das scherzend gesprochen , aber Davide nahm es nicht so auf . Sie wurde vielmehr ganz ernsthaft und versicherte mit einer unverkennbaren Selbstüberwindung , daß die Tante ihr Unrecht thue . Es ist nicht , meinte sie , daß ich Andern Deine Liebe nicht gönne , sondern nur , daß ich gleich wie eine Fremde , wie eine Ausgestoßene bin , wenn Ihr beisammen seid . Du hast ja sonst keine Geheimnisse mit andern Leuten ! Du sprichst mit ihnen offen und unumwunden , auch wenn ich dabei bin , fragst sie nach ihren Eltern und Geschwistern , und nur mit ihm wird eine Ausnahme gemacht ! Er ist wie ein Kind vom Hause , der Onkel und Du , Ihr liebt ihn , als gehörte er zu Euch ; Ihr nennt ihn Du , er nennt Dich eben so , und er ist doch kein Verwandter von uns , sondern nur ein Fremder ! Er geht mit mir , gleich seit er zum ersten Male zu uns kam , wie ein älterer Bruder um , er lobt mich und tadelt mich , als hätte er ein Recht dazu - Du findest das auch ganz in der Ordnung , und ich habe gewiß nichts dagegen , denn er ist ja so klug und so gut ! Aber so oft ich , seit ich über dergleichen Dinge nachdenke , ihn oder Dich in den letzten Jahren gefragt habe , wo er denn eigentlich her ist , wer seine Eltern sind , wie wir mit einander zusammen hangen , seid Ihr mir beide ausgewichen ! Keineswegs ! Ich habe Dir vielmehr sehr bestimmt gesagt , erinnerte Seba , daß Du ihn an seine Kindheit nicht erinnern mögest , weil sie nicht glücklich gewesen ist , und daß Du ihn aus demselben Grunde nicht um seine Familienverhältnisse befragen sollst . Er hat seine Mutter früh verloren . So ist es ja auch mir ergangen ! wendete Davide mit jener dreisten Beharrlichkeit ein , welche der Jugend niemals fehlt , wo sie durch Erforschung eines ihr verborgen Gehaltenen ihren Willen durchzusetzen und sich das Recht einer Mitwissenschaft zu erkaufen für nöthig hält . Ich habe meine arme Mutter auch früh verloren , aber ich habe es eben deshalb gern , wenn Du mir von ihr erzählst , oder wenn sonst Jemand , der sie gekannt hat , zu mir von ihr redet ! Mit Baron Renatus ist es eben so ; nur mit diesem Herrn Tremann soll es anders sein , nur mit ihm machst Du eine Ausnahme , und statt daß ich mich freuen sollte , wenn er kommt , denke ich also immer nur daran , daß Ihr mich noch wie ein kleines Kind behandelt und daß ich nicht einmal weiß , woher er stammt , den Du doch von allen Menschen , den Vater ausgenommen , am liebsten hast ! Der gereizte Ton in ihren Worten befremdete Seba . Es war das erste Mal , daß sie ihn an ihrer Pflegetochter zu beobachten hatte , und sie wußte sich die Quelle , aus welcher er entspringen konnte , nicht gleich zu erklären . Bloße Neugier konnte es nicht sein , die würde sich leichter und heiterer geäußert haben ; an die Eifersucht , mit welcher sie Davide so eben geneckt hatte , glaubte Seba eben so wenig ernsthaft ; aber wie man an einem reinen Spiegel keine Trübung dulden mag , lag es ihr daran , in des jungen Mädchens Seele keinen Zweifel und kein Mißtrauen aufkommen zu lassen , und sanft , wie es ihre Weise war , sagte sie : Du bist nicht offen mit mir , Davide ; Du sprichst dich in einen Zorn hinein , den Du vernünftiger Weise gar nicht fühlen kannst , und zeigst mir ein Mißtrauen , das noch weit thörichter ist , als jener Zorn . Du machst mir den Vorwurf , Dir etwas zu hinterhalten , was ich Dir möglicher Weise hinterhalten muß