« rief Orest vorwurfsvoll . » Man liebt wie man kann ! « sagte sie kühl . » Sei es ! liebe mich wie Du kannst ... aber liebe mich , Judith ! « rief Orest zu ihren Füßen sinkend . » O , ich fange wirklich an , Sie zu lieben ! « sagte sie mit einem so eigentümlichen Ausdruck , daß Orest sich über deren innerste Bedeutung täuschte und jubelnd rief : » Dann werde ich selig sein . « » Ich habe vor einiger Zeit mit einem Geistlichen hinsichtlich meiner Taufe gesprochen ; « nahm Judith das Wort , um alle Liebesbeteuerungen abzuschneiden , die auf Orest ' s Lippen schwebten . » Jetzt , da meine Verpflichtungen an hiesiger Oper zu Ende sind , will ich mich etwas gründlicher mit der Lehre beschäftigen , der ich mich zuwende . « » Nur nicht zu viel ! « rief Orest . » Die Hauptlehre in allen Religionen ist die : Gott ist die Liebe . Das muß man festhalten und alles , was dem widerspricht - wegwerfen . « » Ja , « sagte Judith ernst , » so habe auch ich den Kern des Christentums verstanden . « » Und bleib ' dabei , Geliebte ! laß Dich nicht ein auf dogmatische Auseinandersetzungen , auf scholastische Erklärungen , welche dieser einfachen , verständlichen , unserem Begriff vom höchsten Wesen entsprechenden Lehre , eine teils übertriebene , teils verkehrte Anwendung geben möchten , um die Gewissen in ängstlicher Abhängigkeit zu halten ! Gott ist die Liebe : damit kommt man durch die Welt . « » Aber wohin ? « fragte Judith gedankenvoll und ihr Sinn flog weit hinweg über die Staubeswelt . » Wohin ? « rief Orest , sie mißverstehend . » Nun , zum Ziel ! zum Glück .... zum Glück der Liebe . « » Das ist ein großes Wort ! « sagte sie : » Glück der Liebe - unser Ziel ! « So sprach jeder von seinem Standpunkt aus und keiner verstand den anderen . Es war eine Kluft zwischen ihnen aufgetan . Am Abend fand sich bei Judith mit einigen anderen Personen auch der Marquis d ' Avallon ein , der sie in der Villa Diodati besucht hatte . » Das ist ja die verkehrte Welt , nach dem Karneval in Rom einzutreffen ! « sagte Judith ihn begrüßend . » Dann hab ' ich ja ganz absichtslos etwas sehr Passendes getan , « entgegnete er ; » Verkehrtes schickt sich in unsere verkehrte Welt ! Geschieht einmal etwas Vernünftiges , so findet es keinen Platz , keinen Anklang , keine Heimat , keine Sympathie . « » Ah , Sie haben gewiß etwas enorm Vernünftiges getan , seit wir uns am Genfersee sahen , Herr Marquis ! « rief Judith lächelnd . » Dies Glück .... oder Unglück hatte ich nicht , Signora ; aber ich hab ' inzwischen jemand gesehen , der es hatte und der mir allerdings interessanter war , als die höchst interessanten Ruinen römischer Baukunst im südlichen Frankreich , die ich so eben studiert habe , um sie mit den Ruinen Roms zu vergleichen . « » Abermals eine Verkehrtheit ! « warf Judith ein . » Rousseau vergaß die Huldin seines Herzens über dem Pont du Gard : Marquis d ' Avallon vergißt den Pont du Gard über ? .... « » Über einen unbeschuhten Karmeliten , Signora . « Ein herzliches Gelächter antwortete von allen Seiten dem Marquis . » Dies ist beispiellos in der Geschichte der Menschheit ! « sagte Madame Miranes . » Wenn es eine Karmelitesse wäre ! « rief Orest . » So wäre das freilich keine Verkehrtheit , « sagte der Marquis . » Aber es ist nun einmal ein Karmelit ! und sollten Sie , Signora , nie etwas von diesem Pater Augustin vom heiligen Sakrament gehört haben ? « » Keine Silbe ! und weshalb denn ich ? « sagte sie erstaunt . » Als auf der Sonnenhöhe der Berühmtheit Liszt in Europa seine Kunstreisen machte , begleitete ihn zuweilen ein junger Mensch von brillantem musikalischen Talent , der Herrmann hieß . « » Ich erinnere mich seiner aus Paris ! « rief Madame Miranes . » Ja , ja ! Herrmann ! ein junges , ziemlich insolentes Bürschlein , aber ein Lieblingsschüler Liszt ' s , wegen seines eminenten Talents ! « » Mit seinem vollen Namen hieß er Herrmann Cohen und war der Sohn eines jüdischen Kaufmanns aus Hamburg , « sagte der Marquis . » Er - und der unbeschuhte Karmelit , Pater Augustin vom heiligen Sakrament , sind eine und dieselbe Person ; und ich hörte ihn in Bordeaux predigen . Er machte einen merkwürdigen Eindruck auf all ' seine Zuhörer . Er stellte in seiner Predigt , die er am Tage der Bekehrung des Apostels Paulus hielt , viel lebendiger noch durch sich selbst , als durch seine feurigen und beredten Worte die Bekehrung des Saulus zum Paulus dar . Zum Zeichen seiner Macht über die widerstrebendsten Geister unter den Kindern Israels stellt Gott solche Menschen wie Denksteine in der Welt auf . Welch eine übermenschliche Seelenstärke und Liebe zur Tugend gehört dazu , um einen Menschen aus dem ungebundenen Rausch eines glänzenden , vielfach bewegten Lebens in den Habit und die Zelle des Karmeliten zu führen . « » Was muß Gott sein .... für die , die ihn lieben ! « sagte Judith . » Das ist ' s ! « rief der Marquis überrascht . » Signora , Sie verstehen alles .... wie eine gewiegte Katholikin ! « » Es gibt nun einmal solche Menschen , die ihre Freuden da finden , wo wir verzweifeln müßten , « sagte Orest . » Ich habe ja ein solches Beispiel an meiner Cousine erlebt . Ein bildschönes , liebenswürdiges Mädchen begräbt sich bei zweiundzwanzig Jahren im Kloster der Karmelitessen . Man faßt , man begreift so etwas gar nicht .