vollkommenen Widerspruch stehenden Wesens . Verzeihen Sie ! sagte sie nach einer Weile , wo ich das gefürchtete Anliegen erwartete , verzeihen Sie , in diesem Hause ist eine Leiche ? ... Ja , sagte ich , eine junge Frau , die an einem Herzfehler starb ! ... Sind die Leute wohlhabend ? ... Sehr arm ! war meine Antwort ... Würde der Mann gestatten , wenn ich ihm zwei Thaler schenkte - ... Sie stockte ... Gestatten ? Was ? fragt ' ich erstaunt ... Mutter Viarda lächelte seltsam ... Sie werden mich für eine Närrin erklären , begann sie aufs neue , aber ich muß Ihnen gestehen , daß ich eine - Liebhaberei habe , die keine andere ist als die , - Todte zu schmücken ! ... Wie ? sagte ich und zog mich erschrocken zurück ; ich glaubte mit einer Verrückten zu reden ... Sie sind erstaunt , fuhr mein Besuch fort , Sie zweifeln an meinem Verstande , und doch bitt ' ich Sie wirklich , führen Sie mich zu dem Manne und erlauben Sie mir , seine Frau so zu schmücken , wie ich ein ganz unwiderstehliches Verlangen trage , wenn ich irgendwo eine Leiche sehe ... So traurig die Veranlassung dieser Bitte war , ich mußte doch über sie lächeln ... Da Sie zu Ihrem Liebeswerk noch zwei Thaler dazugeben wollen , sagte ich , so will ich mit dem Manne reden ... Ich ging in der Dunkelheit die Stiege hinunter und fand , den armen Handwerker mit seinen Kindern um die schon im Sarge befindliche , nur mit einem einfachen weißen Hemde bekleidete Leiche seiner Frau , der Mutter seiner trauernden Kinder ... Mein Anerbieten konnte als ein Werk der Barmherzigkeit gelten und die Annahme fand keinen Anstand ... Ich kehrte zu meiner Auftraggeberin zurück und begleitete sie hinunter ... Mit allen Zeichen der Theilnahme trat sie an den Sarg , fuhr mit der Hand über die kalte Stirn und sagte dann : Hier , lieber Mann , da sind zwei Thaler , aber lassen Sie mich mit der Leiche allein ! .. Der Mann ging arglos , wenn auch überrascht , mit den Kindern auf den Vorplatz ... ich wollte bleiben ... Auch Sie , Herr Neumeister ! sagte sie ( ich führte damals noch meinen alten Namen ) ... Als ich zögerte und etwas befürchtete , das nicht in der Ordnung war , sagte sie : Herr Neumeister , wenn Sie schweigen und mich nicht stören wollen , können Sie bleiben ... Ich blieb und sah voll Grauen , was die Darstellerin der Zauberinnen , Hexen und Zigeunermütter begann ... Sie stellte einen Beutel , den sie unter ihrem Mantel verborgen hatte , zur Erde , zog eine Anzahl frischer Blumen hervor , legte sie der Leiche auf die Brust , in die Hände , ums Haupt . Dann ergriff sie ein kleines Döschen , das ich sofort als Schminktopf erkannte , tupfte hinein mit etwas Baumwolle und schminkte die Wangen der Leiche , daß sie wie volles blühendes Leben aussahen ... Jetzt , meines Grauens und meiner Ausrufungen nicht achtend , ergriff sie gierig die kleine zinnerne Lampe und beleuchtete ihr Werk ... es war ein Anblick , das Haar sträuben zu machen ... Sie redete mit der von ihr geschminkten Leiche und wie mit einem ihr bekannten Wesen , redete voll Theilnahme , voll Herzlichkeit ; beklagte die Leiden derselben , tröstete sie , eröffnete ihr ein Reich der seligsten Hoffnungen und ging zuletzt von dannen , wie wenn ihr ganzes Sein sich einmal aufgelöst hätte wieder in Andacht , Poesie und längstentbehrter Liebe ... ich sah sie dahinschreiten wie ein Gespenst ... Als ich allein war , bekämpfte ich mein Grauen , tauchte den Finger in das Oel der Lampe und entfernte die trügerische Lüge des Lebens von den todten Wangen ... Der Gatte und die Kinder kamen zurück ... sie fanden nur die Blumen und stockend erzählte ich , der Alten wäre es ein Bedürfniß , in dieser Art stille Liebesopfer zu vollziehen ... Diese Frau , mit der ich täglich verkehren mußte , konnte ich nie mehr ansehen , schwieg auch von dem Vorgefallenen zu jedermann , bis ich von andern erfuhr , daß diese Manie allgemein an ihr bekannt war und daß sie , um sie zu befriedigen und vor den Folgen ihres dadurch erlangten Rufes , der sie die Leichenschminkerin nannte , sicher zu sein , schon seit Jahren ein traurig irrendes Wanderleben führte . « Oft hatte Lucinde diese Stelle gelesen ... mit Lachen sogar ... heute erschien sie ihr in einem seltsam andern Lichte ... Sie überschlug jedoch einige Betrachtungen über das was man ein Leichenschminken in der Geschichte nennen könnte , und fuhr fort : » Wie mich dann diese Erfahrung auch wieder zurückversetzt hat in meine erste Erziehung zum Priester , in die klösterliche Einsamkeit meines Jugendlebens im Convict ! Ja , wer nennt euch alle , ihr Verirrungen , die unausbleiblich sind , wenn man die Grundnatur des Menschen eine verdorbene nennt und das Leben daran gesetzt wissen will , diese Natur zu bekämpfen , auszurotten und mit einer geläuterten , einem Kleide voll Glanz und Durchsichtigkeit zu vertauschen ! Wenn dich dein Auge ärgert , reiß es aus ! war Jahrtausenden und ist noch jetzt Millionen nicht im Bilde gesprochen ! Wirklich reißen sie sich - und andern den edelsten Theil des schönen menschlichen Baues aus ! In dem protestantischen Wesen findet die Lehre von der Erbsünde doch , wenigstens nur noch im allgemeinen eine Pflege ; aber bei uns , den Treugebliebenen , uns , den in duldender Ergebung das große geschichtliche Vermächtniß Forttragenden , bei uns ist darauf die ganze Heilslehre begründet und der Teufel eine Macht , die man schon von dem Kinde wegbläst und wegkreuzigt , wenn es getauft wird . Jeden ruhig prüfenden Seelenarzt frag ' ich , wie er es nennt , wenn das Mistrauen und der Haß vor der eigenen