dächte . Ich machte ihn vergeblich darauf aufmerksam , daß unsere Verwandschaft mit Herrn St. Julien so entfernt sei , daß sie kaum diesen Namen verdiene , und wenn wir auch ganz nahe Verwandte wären , so bleibe er ja doch immer Herr seines Vermögens und könne es zuwenden , Wem er wolle . Ich hoffe , erwiederte Lamberti , Camillo wird Mittel für alles dieß finden . Um ihn zu besänftigen sagte ich , der gute alte Mann bewies uns und besonders den Kindern so viel Wohlwollen , daß er sie gewiß nicht übergehen wird , wenn er auch sein Hauptvermögen seinem adoptirten Sohne zuwendet . O ! diese reichen Bürger , antwortete mir Lamberti hierauf mit Bitterkeit , entziehen dem alles Wohlwollen , der ein wenig dreist von ihrem Ueberfluß fordert . Aber wir sind Herrn St. Julien ja nie zur Last gefallen , bemerkte ich . Sprich nicht über Dinge , die Du nicht beurtheilen kannst , sagte Lamberti rauh und verließ mich , um an Camillo zu schreiben , der schon Officier geworden war und gemeldet hatte , daß auch seine Brüder dieselbe Auszeichnung in Kurzem zu erwarten hätten . Als Lamberti seinen Brief abgesendet hatte , verließ er mich , um wieder eine seiner gewöhnlichen Reisen anzutreten , die mich , ich konnte mir nicht erklären weßhalb , zu beunruhigen anfingen , und ich blieb mit Lucretia ganz allein . Nach einigen Tagen in der Dämmerung des Abends hielt ein unbekannter Gebirgsbewohner mit einem kleinen mit Maulthieren bespannten Wagen vor unserer Thür , und als wir heraustraten , sahen wir mit Entsetzen das todtenbleiche Antlitz Lambertis . Er hemmte durch einen Wink den Schrei , der unsern Lippen entfliehen wollte . Macht keinen unnützen Lärm , sagte er leise , helft mir in ' s Haus . Der Fuhrmann stand uns bei , den Schwerverwundeten hineinzutragen , und als wir ihn auf ' s Bett in eine bequeme Lage gebracht hatten , eilte , ohne ein Wort weiter zu sprechen , der Fuhrmann mit seinem Wagen davon . Der Anblick der dringenden Gefahr hemmte meine Klagen und Thränen , und ich wollte einen Wundarzt rufen . Laß das , sagte Lamberti , es ist überflüßig , ich fühle , ich sterbe , laß mir , Lucretia , unsern Pater rufen . Lucretia eilte den Geistlichen herbei zu rufen , und wenige Stunden darauf gab Lamberti seinen Geist auf , nachdem er mich vorher dringend ermahnt hatte , alle Papiere , die ich finden würde , zu verbrennen , weil sie mir zu nichts helfen , sondern mich nur in Verlegenheit bringen und auf sein Andenken Schande häufen könnten . Ich versprach dieß , aber im Schmerze über das Verscheiden meines Gatten dachte ich nicht daran , bis mich der Geistliche ernsthaft erinnerte , den letzten Willen des Verstorbenen zu erfüllen . Ich ging also an dieß Geschäft , während der Geistliche und Lucretia alles zur Beerdigung Nöthige besorgten , und als ich die Papiere verbrennen wollte , belehrte mich ein zufälliger Blick darauf , daß diese Briefe sämmtlich in Zeichen geschrieben waren , die ich nicht zu enträthseln verstand . Ein einziger italienisch geschriebener Brief fiel mir in die Hände . Er war von Herrn St. Julien , und das zärtliche Andenken , das ich dem wohlwollenden Manne bewahrt hatte , vermochte mich einen Blick darauf zu werfen . Gleich nach den ersten Worten , die ich las , war meine Aufmerksamkeit schmerzlich gefesselt . Dieser Brief war kurz nach Herrn St. Juliens Besuch bei uns , nach seiner Rückkehr in sein Vaterland , an Lamberti gerichtet . Er schrieb ihm darin , daß er trotz der Dunkelheit der Nacht sehr wohl die Räuber erkannt habe , die ihm im Einverständnisse mit dem Postillon sein Geld und seine Juwelen in der Lamberti unfehlbar bekannten Bergschlucht abgenommen hätten , daß er es wie eine Gnade des Himmels betrachten müsse , daß er in diesem furchtbaren Augenblicke so viel kalte Ueberlegung gehabt hätte , einzusehen , daß er dieß Erkennen nicht verrathen dürfe , weil sonst das blanke Eisen , mit dem der junge Bösewicht ihn fortwährend bedroht habe , sich unfehlbar in sein Herz gesenkt haben würde , um ihm den Verrath unmöglich zu machen . Ich will die Gerichte nicht zur Rache anrufen , schloß der Brief , aber nur noch bemerken , daß diejenigen , die sich auf Gefahr meines Lebens einen Theil meines Eigenthums angemaßt haben , nie mehr das Geringste von mir erwarten dürfen und sich also jede Reise zu mir ersparen können , weil ich keine Schlange in meinem Busen erwärmen und keinen Räuber in mein Haus nehmen werde . Ein schreckliches Licht ging mir in diesem Augenblicke auf , und der Geistliche fand mich in Thränen gebadet , den unglücklichen Brief in der Hand . Er nahm ihn , sah ihn flüchtig durch und warf ihn zu den übrigen in ' s Feuer . Euer Gatte , sagte er mir dann , hat mir gebeichtet und die Vergebung seiner Sünden empfangen ; schadet Euch nun nicht selbst und thut , wie er weislich rieth , denn Ihr müßt in Kurzen eine Haussuchung besorgen , da ihn die Obrigkeit auf die Angabe einiger Genossen vielleicht für das Haupt der Räuber halten wird , die die Gebirge unsicher machen , und deßhalb ist es gut , wenn nichts gefunden wird , was diese Meinung bestätigen könnte . Ich war zu sehr durch schmerzliche Empfindungen betäubt , als daß ich diesen Rath hätte befolgen können . Der Geistliche also verbrannte selbst alles noch Uebrige , ohne noch einen Blick darauf zu werfen , und eilte mit Lambertis Beerdigung , die so feierlich als möglich vollzogen wurde . Wenige Tage danach rückten Soldaten , von Gerichtspersonen begleitet , in den Ort unseres Aufenthalts ein . Die verlassenen Häuser der Lamberti ergebenen Nachbarn wurden durchsucht und auch das unsrige . Da aber gar nichts Verdächtiges gefunden wurde , und meine und Lucretiens Unschuld einleuchtend war