nach ihm hin , und wie sie die Augen zu ihm erhob , wie ihre Blicke sich so nahe begegneten und trafen , fuhr ihm ein elektrischer Strahl durch den ganzen Körper . Das Blut wallte , wie nie zuvor im Leben , heiß in ihm auf , stieg ihm in schnellem Fluge in die Wangen , und er wußte zuversichtlich , daß es Hildegard gerade so empfinden müsse , daß sie , obschon sie ihr Haupt gleich wieder auf ihre Arbeit niedersenkte , erglühe und erbebe , wie er selbst . Er hatte Mühe , ihre röthlichen Locken , die ihr über den schlanken Rücken bis zum Gürtel niederflossen und die er , ohne daß sie es bemerkte , mit vorsichtiger Hand berühren konnte , nicht an seine Lippen zu drücken ; er hielt sich jedoch zurück . Es war ihm so glücklich und so still ums Herz , wie in einem der Träume , in denen wir Wunder erleben , ohne uns über sie zu wundern , in denen wir unser märchenhaftes Glück ganz natürlich finden und in denen eine dunkle Ahnung uns doch von jedem selbstständigen Wollen und Thun zurückhält , weil wir durch jedes Regen oder Handeln den wohlthätigen Zauber , der uns umfängt , zu zerstören befürchten . Er hörte es , wie die Gräfin der jüngeren Tochter die Weisung gab , ihr das Buch von ihrem Arbeitstische zu holen , er sah , wie das vierzehnjährige rosige Mädchen sich erhob , und er kannte das Buch in seinem Einbande von blaßblauem Moirée . Es waren Novalis ' Gedichte , seine Hymnen an die Nacht . Des früh verstorbenen Dichters Mutter , eine nahe Anverwandte der Gräfin , hatte sie ihr verehrt , sie gehörten zu den Lieblingspoesien des Hauses . Man war von jeher gewohnt gewesen , etwas zu lesen , wenn Renatus kam . Eine Reihe von erhabenen Dichtwerken , von schönen Gedanken war auf diese Weise ihm und Hildegard gemeinsam zu eigen geworden , und jetzt , da man das Bekannte abermals mit einander durchging , um es der jüngeren Schwester zugänglich zu machen , genoß man es auf ' s Neue mit steigender Erkenntniß . Aber heute hatte Cäcilie schon eine geraume Zeit gelesen , ohne daß Renatus mehr als den sanften Schall ihrer Stimme vernommen hätte . Endlich trafen auch die Worte sein Ohr : » Du Nachtbegeistrung , Schlummer des Himmels kamst über mich ! « so las sie . » Die Gegend hob sich sacht empor , über der Gegend schwebte mein entbundener , neugeborener Geist . Zur Staubwolke wurde der Hügel , durch die Wolke sah ich die verklärten Züge der Geliebten . In ihren Augen ruhte die Ewigkeit ; ich faßte ihre Hände , und die Thränen wurden ein funkelndes , unzerreißliches Band . Jahrtausende zogen abwärts in die Ferne , wie Ungewitter . An ihrem Halse weint ' ich dem neuen Leben entzückende Thränen . Es war der erste , einzige Traum , und erst seitdem fühl ' ich ewigen unwandelbaren Glauben an den Himmel der Nacht und sein Licht , die Geliebte ! « Renatus konnte die Fülle seiner Empfindung nicht bemeistern . Er stand auf und trat an das Fenster . » Unwandelbaren Glauben an den Himmel der Nacht und sein Licht , die Geliebte ! « wiederhallte es in seiner Seele . Der Mond schwamm wie ein goldener Kahn durch das helle Gewölk , der Jüngling meinte noch keine solche Nacht erlebt zu haben . Auch Hildegard hatte sich erhoben und sich zu ihm gesellt . Sie fragte ihn , wonach er ausschaue . Aber statt der Antwort legte er seine Hand auf die ihrige , die auf dem Fensterkissen ruhte . So blieben sie stehen in stillem Glücke , bis Cäcilie ihnen zurief , ob sie denn nicht wiederkommen würden , und die Gräfin ihnen den Vorschlag machte , etwas zu singen , wenn sie nicht mehr lesen möchten . Sie waren dazu bereit , denn ihre Stimmen paßten wohl zusammen und waren mit einander eingeübt . Hildegard öffnete das Clavier , Renatus suchte das Notenheft aus und wählte ein Matthisson ' sches Lied . Die Gräfin übernahm die Begleitung des zweistimmigen Gesanges . Hildegard hub an : Auf ewig dein ! Wenn Berg und Meere trennen , Wenn Stürme dräu ' n , Wenn Weste säuseln oder Wüsten brennen : Auf ewig dein ! fiel die schöne , kräftige Stimme des Jünglings ein . - Beim Kerzenglanz im stolzen Marmorsaale , Beim Silberschein Des Abendmonds im stillen Hirtenthale : Auf ewig dein ! Senkt einst mein Genius die Fackel nieder , Mich zu befrei ' n , Dann hallt ' s noch im gebrochnen Herzen wieder : Auf ewig dein ! Sie hatten das Lied schon oft gesungen , und doch erschien es beiden heute so neu , als hätte der Augenblick es eben erst in ihnen selbst erzeugt ; auch die Gräfin rührte es mehr als sonst , und sie belobte die Beiden . Inzwischen war es spät geworden , und Renatus sagte , daß er gehen müsse . Cäcilie wollte ihn zu bleiben bewegen , aber er ließ sich nicht zum längeren Verweilen bestimmen , und Hildegard nöthigte ihn auch nicht dazu . Ihre Herzen waren voll zum Ueberfließen . Als sie ihm das Geleite gab , küßte er ihr die Hand . Er hatte sie sonst oftmals umarmt , und sie hatte es ihm nie verwehrt . Heute hätte er das nicht vermocht ; denn heute hatte er es empfunden : er liebte Hildegard ! Sechstes Capitel Die Jahreszeit des Gartensaales war lange vorüber , und selbst der Besuch des Denkmals hatte seit Monaten aufgehört . Der Nordwind schüttelte die großen Tannen , die das Monument umstanden , daß der Schnee von ihren breiten Aesten in schweren , verstiebenden Flocken herniederfiel , und es war noch nicht lange nach vier Uhr , als Seba von dem Fenster ihres Wohnzimmers schon den Sonnenuntergang über ihren Lieblingsbäumen am Parke