Ohrnerv der Eitelkeit nicht ertragen kann ! Du willst ganz so sein , wie sie ' s wollen ! Todt ! Du willst beten wie sie , denken wie sie , ihre Reden bewundern , ihre Einfälle überraschend finden ! Tuschelt dir die Frömmigkeit der Commerzienräthin eines Tages ins Ohr : Liebste , ich habe einen Sack gekauft , kommen Sie , wir bestreuen das Haupt mit Asche und beten in den Sack hinein ! ... auch das thu ' ich ! Will Johanna , daß ich an dem kleinen Professor extraordinarius die kleinen Nägel seiner Finger bewundere , ich thu ' es ! Ich will leben wie die Wanderer in den Schneealpen sich zu unterreden aufhören , wenn sie hoch oben hinaufkommen und fürchten müssen , durch ein zu scharf ausgesprochenes Wort die tödliche Lavine zu wecken ! Dann bei der zweiten Toilette der Commerzienräthin und Johannens , bei dem nur Putz und Vergnügen erörternden Besuche der Frau Procurator Nück , bei dem Geflüster über die immer enger und enger sich schließende gefahrvolle Einheit des Ehepaars im zweiten Stock , bei dem gerühmten Behagen an der Ruhe im Hause , seit Piter nicht anwesend , bei den Mittheilungen über die Hauptmännin von Buschbeck , ihren Tod , ihre Frömmigkeit , ihr Testament an den Bruder Hubertus im Kloster Himmelpfort und die fehlenden Werthpapiere , diese Kapitalien , die sie als Kind so angestaunt hatte , weil sie ihr wirklich » rings auf den Feldern zu liegen « schienen - zu allem schwieg sie , ergänzte nichts , berichtigte nichts ; sie wollte alles in sich verschließen und nur - ihre Zeit abwarten . Gegen Abend war auch Treudchen auf einen Sprung gekommen und erzählte vom Kloster , wohin sie wirklich gegangen war ihren Geschwistern zu Lieb . Wie hatte man sie gefeiert ! Selbst mit ihren Geschwistern hatte man sie überrascht , die aus dem Waisenhause waren abgeholt worden ! Alle hatten Geschenke bekommen ! Von Cajetan Rother , dem ehrwürdigen Beichtvater der Schwestern , für den das Sprachgitter nicht vorhanden war , hatte sie selbst ein zierliches Büchlein mit goldenem Schnitt empfangen , das Leben einiger besonders vorzüglicher Heiligen und Heiliginnen darstellend ... Die Kinder trugen eine Last Confect mit sich heim , wie dergleichen auch nur in Klöstern gebacken wird ... Sie zeigte ein von Schwester Beate erhaltenes Nadelkissen in Form eines Ostereis , ganz von Seide , vergoldet und in jenem Geschmack , der so eigenthümlich der frommen Kunstfertigkeit hinter Klostermauern angehört ... Schwester Therese hatte dann vorgelesen , Marienlieder , deren einige man im Chore gesungen im Refectorium , vor und nach - dem Kaffee - und dieser Kaffee wäre so gewesen , wie nur je einer in der Dechanei zu Kocher am Fall , wenn etwa der Geburtstag des die » lieben Freundinnen « bereisenden Fräuleins von Minnerich oder der Frau Majorin Schulzendorf gefeiert wurde oder eine jener Kindergesellschaften , zu denen der gute Dechant ( früher , ehe der Geist der Kirche so streng wurde ) alle kleinen Kinder in Kocher am Fall ordentlich durch Visitenkärtchen einzuladen pflegte . Die frohen Mittheilungen kamen dann auch hier , auf Veranlassung der Dechanei , bei dem Morde der Frau Hauptmännin wieder an , bis dann Treudchen zu Madame Delring , ihrer nachsichtigen Herrin , wieder hinaufsprang ... Am Abend war auch die zweite , wie es schien quecksilberne Tochter der Commerzienräthin , Frau Procurator Nück , wieder erschienen , eine kinderlose , nur dem Putz und ihrer Eitelkeit lebende Frau . Lucinde hatte sich sogleich ihr Herz gewonnen durch einige Bemerkungen über ein neues Kleid , das sie trug . Sie war gestern im Theater gewesen und häufte das Allernachtheiligste auf die Darstellerin der Frau von Waldhüll und die kleinen » Fratzen « , die Lucinde so gern wiedergesehen hätte , wenn sie nicht das System gehabt , auch bei Genüssen des Gemüths , sie sich versagend , zu sprechen : » Wozu ? « Das war das kalte Wort , das ihr eigen geworden , mehr Worte eines herben Behagens am Entbehren und der Selbstqual als der Herzlosigkeit . Im Geiste Serlo ' s hätte sie der Frau Procurator sagen mögen : » Liebste Frau , wäre das Haus voll gewesen , so hätte Ihnen alles gefallen ! Da es aber leer war , übertrug sich Ihre Verstimmung über die geringe Bewunderung Ihrer Toilette auf die Leistungen der Mutter , der Töchter , auf alles ... « Sie behielt das , wie jedes dergleichen , zurück , horchte nur dem Gespräch , bei welchem auch Benno genannt wurde , » meines Mannes bester Arbeiter « , der » von ihm nach dem Hüneneck geschickt worden ist « ... und auch den Reiz , Benno ' s Weise gegen den Schein eines Sich-so-nurschicken-lassens zu befreien , unterdrückte sie ... Sie sagte nur immer ihren Leibspruch , ein Wort des heiligen Augustinus : Trahimur ! Trahimur ! 1 Um sich zu beruhigen , hatte sie einmal wieder in Serlo ' s Papieren zu lesen angefangen und hatte auch wieder aufgehört ... Endlich begann sie aufs neue : » Ist es denn möglich « , schrieb Serlo einst vor Jahren , » was ich gestern erleben mußte ! ... Eine junge Frau war in dem Hause , wo ich wohne , gestorben und sollte heute in der Frühe beerdigt werden ... Eine alte Schauspielerin , die zu unserer Truppe gehört , klopfte , wie ich schon im Bette liege , an meine Thür , nennt ihren Namen und wünscht mich zu sprechen . Ich staune und fürchte - eine Anleihe . Nachdem ich mich angekleidet , öffne ich die Thür und in ihrem besten , elegantesten Anzug erschien die Darstellerin - der Zigeunermütter und Hexen mit einer augenblinzelnden und doch beklommenen Artigkeit . Nie hatt ' ich mit ihr viel Worte gewechselt und erstaunen mußt ' ich über die Wahl ihrer Ausdrücke , die Artigkeit ihres Benehmens , die Feinheit ihres ganzen , mit ihrem Rollenfache im