Gott , « fuhr sie fort , indem sich ihre Augen füllten - » Armand , Du hast uns Fennimor so genau beschrieben , Du sahest ihr schönes Bild so oft bei Deinem armen Oheim , ich hatte Deine Worte so lebhaft aufgefaßt , daß ich kaum den lauten Schrei bezwang , wie ich in dem grünen Damastzelte des Bettes Fennimors schlafendes Engelsbild erblickte . « - » Lebend ? Einen lebenden Gegenstand ? « riefen Alle . - » Ja , lebend ! - Wenn die reinste Farbe , die der gesunde Schlaf auf unsere Wangen malt - wenn das Lächeln des halb geschlossenen Mundes - wenn der leichte Kinderathem , der jugendlich ihren Busen hob ; - wenn dies anders Lebenszeichen sind ! - Dabei der braune Lockenschmuck - die schmale , weiße Hand , die Du gerühmt ; - ach , Armand , « rief Lucile , in seinen Armen sich verbergend - » es war Fennimor ! Denn wen - wen würde Emmy Gray sonst bewachen , wie Wärterinnen an der Wiege des geliebten Kindes wachen ? « » Sonderbar - unbegreiflich ! « riefen Lucile ' s Anverwandte . Sie hatte von Niemandem Spott zu fürchten - Alle theilten ihre Bewegung . » Aber weiter - weiter ! « rief Armand , nun die tiefe ungewöhnliche Bewegung , die er in der letzten Zeit an ihr bemerkt , erklärt findend . » Sag ' , geliebte Lucile , geschah Dir auch nichts ? « - Sie an seinem Herzen haltend , konnte er sich kaum überzeugen , daß sie ohne Schaden davon gekommen sei . » Ich weiß nicht , « fuhr Lucile fort , das bewegte Gesicht erhebend - » wie lange ich , in dem schönen Anblicke verloren , so vor der Schlummernden stand . Da hob Emmy den im Schlafe niedergesunkenen Kopf in die Höhe , und obwol sie nicht erwachte , ergriff ich doch die Flucht und kam unbemerkt zurück . - Vergebt mir , daß ich es Euch verschwiegen , « setzte sie , fast flehend zu Armand emporblickend , hinzu . » Oft habe ich es versucht ; aber ich war beschämt über mich selbst , ich wollte Eure gute Meinung nicht verlieren , ich wollte besonders mich nicht Euren Neckereien aussetzen . « » Da nehmen Sie den Vorwurf hin ! « sagte Margot zu Leonce . » Ihre Neckereien sind es , die meine liebe Lucile zu dieser Heimlichkeit verführt haben ; ich hoffe , Sie bereuen ! « » Mehr , wie Sie denken ! « erwiederte Leonce , ernster , als der Vorwurf es verdiente . » Glauben Sie mir , theure Lucile , ich unterliege , wie Sie , dem Einflusse dieses Schlosses und dem Nachklingen seiner Begebenheiten , die Armand uns so lebhaft vorgetragen . Es ist mit dem Gedanken an Fennimor in meiner Brust ein unaussprechliches Gefühl von Sehnsucht und Schmerz erweckt . In solcher Stimmung übertreibt man leicht , wenn man nicht einzugestehen wagt , daß man ernster ist , als die günstigsten Umstände es rechtfertigen ; darum verzeiht mir Alle ! « » Nun , « lachte Margot - » hier ist ein förmliches Beichtesitzen - eine Demuth - ein Abbitten ; - nur mein Bekenntniß fehlt noch , daß ich eben so oft weinte , wie lachte und Euch das Erstere auch nicht sehen ließ . « » Es scheint mir , wir haben Alle Ursache , unsere Gäste willkommen zu heißen ; « hob jetzt Armand freundlich an ; - » ich habe mit meiner Erzählung Euch Allen den frohen Lebensmuth getrübt ! Unter unbefangenen Freunden , denen wir als Wirthe unsere Aufmerksamkeit schenken müssen , werden wir alle unsere eigne Natur wiederfinden . « » Nun hat Armand auch eine Sünde gegen uns gebeichtet , « rief Margot . - » Wir sind also Alle schuldig , und ich fange hiermit an und vergebe Allen ! « Freundlich blickte Jeder auf das reizende , feurige Mädchen , die , um sich den Blicken zu entziehen , durch die wilde Vegetation hindurch drang , die , über den Rand der Gallerie sich schleichend , nachgerade den ganzen Raum usurpirt hatte . Mechanisch folgten ihr die Andern , und plötzlich die Lage erkennend , rief Leonce : » Wissen Sie , meine Damen , daß wir vor dem Eudoxien-Thurm stehen ? « » Das habe ich gedacht , « entgegnete Lucile . - » Laßt uns denn näher gehen - sein Anblick wird doch von uns allen heimlich ersehnt ! « Schon rief Margot : » Ich bin an der Thür , und sie ist nur angelehnt ! « Armand hielt Lucile einen Augenblick zurück . Sein Herz trieb ihn , ihr im Geheim ein liebevoll tröstendes Wort zu sagen . Leonce eilte daher an ihnen vorüber , und trat hinter Margot in das Eudoxien-Gemach . Doch dauerte die herzliche Zwiesprache zwischen Lucile und Armand nicht lange . Ueberrascht blickten sie auf Leonce , der , aus dem Zimmer zurück auf den Marquis zustürzend , diesen mit Heftigkeit am Arme ergriff . » Armand , « rief er , während Todtenblässe und hohe Röthe sein schönes Gesicht abwechselnd überlief - » Armand , was kann das sein ? Sie - ihr Bild ! « - Er stammelte , er war gänzlich außer Fassung . » Was ist geschehen ? « rief Armand erschrocken - » was kann Dich so überraschen ? « » O kommt doch - kommt doch ! « tönte Margots helle Stimme aus dem Gemache . Schon flog Lucile der Richtung entgegen . Als sie die Thür aufstieß , stand Margot ganz vertieft in den Anblick eines lebensgroßen , weiblichen Bildes , und als Lucile davor hintrat , stieß sie mit einem Schreie der Ueberraschung die Worte aus : » Heiliger Gott , das ist sie ! « » Ja , in Wahrheit , « rief Armand , der schon hinter ihr stand ; - »