wenn sie nicht nur seine Spielgenossen , sondern als wenn sie wirklich seine Schwestern wären . Neben der ausgesuchten Behaglichkeit in Seba ' s Gartensaal , neben der auffallend modischen und glänzenden Einrichtung seines Oheims erschien dem jungen Manne die Wohnung der Gräfin heute zum ersten Male ärmlich . Er sah , was ihn bisher nicht angefochten hatte , daß ihre Zimmer nur schlicht getüncht , daß ihre Möbel alt und abgenutzt waren , daß nur zwei Kerzen den Raum erhellten . Sie leuchteten jedoch genugsam , das schöne , über dem Sopha hängende Bild der jung verstorbenen , allgeliebten Königin Louise zu erkennen , das diese selbst der Gräfin einst geschenkt hatte ; sie reichten hin , die Büste des bei Saalfeld gebliebenen geistreichen Prinzen Louis Ferdinand betrachten zu lassen , der ein Freund des Grafen und Cäciliens Pathe gewesen war , und der ihr zur Erinnerung an die Schutzheilige der Musik , der Kunst , die er mit Meisterschaft beherrschte , eben den Namen Cäcilie gegeben hatte ; und sie hatten Licht genug , das edle in weiße Schleier gehüllte Antlitz der Mutter und das schöne , blonde Haar der beiden Töchter mild zu umspielen . Innerlich verwirrt war Renatus vor dem Hause angelangt ; aber er wurde ruhiger in dem trauten Kreise , in dem gewohnten lieben Raume . Die halbe Dämmerung , die weißen Fenstervorhänge , durch die der Mond hinein schien , daß sein Schimmer den ganzen Fußboden streifenweise erhellte , der Duft des Reseda von den wohlgepflegten Stöcken am Fenster thaten ihm wohl . Ach , bei Ihnen ist ' s gut ! sagte er , unwillkürlich aus tiefer Brust aufathmend , als er der Gräfin die Hand geküßt und zwischen den beiden Schwestern seinen gewohnten Platz am Tische eingenommen hatte . Man lachte über diesen Ausruf ; er sollte sagen , wie er darauf gekommen sei , ihn eben in dieser fast feierlichen Weise zu thun , und er ward dabei inne , daß ihm heute ganz anders als sonst in der Gegenwart dieser Frauen zu Muthe sei . Es kam ihm vor , als sei er , wer weiß wie lange von diesem Raume und von diesen lieben Menschen entfernt gewesen , als habe er sie nie so gut gekannt , als eben jetzt , und doch wieder , als habe er ihnen ein Unrecht abzubitten . Die würdige Erscheinung der Gräfin , ihre keusche , matronenhafte Tracht - Renatus hatte sie , seit er sie kannte , nie anders als in weißer oder schwarzer Kleidung gesehen - dünkten ihm so schön , da er eben erst neben der geschminkten Haushälterin seines Oheims gesessen hatte . Die Bilder der königlichen Familie sprachen ihn wie Schutzgötter des Hauses an und es freute ihn , daß er sein Auge frei zu ihnen erheben durfte , daß keiner seiner Gedanken sich durch die verführerischen Auseinandersetzungen seines Oheims von ihnen und ihrem Dienste hatte abwendig machen lassen . Nur an der Gräfin und an diesen Mädchen hatte er sich versündigt . Sie hatte er so eben noch selbstsüchtiger Absichten , berechneter Plane fähig gehalten ; denn die von seinem Oheim in ihm erweckte Vorstellung , daß die Mutter oder Hildegard selber darauf ausgegangen sein könnten , ihn unmerklich zu einer Heirath mit der Letzteren zu bewegen , hatte ihn widerwärtig berührt und ihm einen Schatten auf das reine , herzliche Verhältniß geworfen , in welchem er , seit er sich zurückerinnern konnte , zu diesen ihm so theuren Freunden gestanden hatte . Jetzt schämte er sich seines Zweifels an ihnen , und daneben dachte er zum ersten Male daran , wie im Grunde gar nichts natürlicher sei , ja , wie es sich eigentlich von selbst verstehe , daß er die Gefährtin seiner Kindheit , daß er Hildegard einst zu seiner Gattin wähle . Sie hatten oft genug als Kinder Mann und Frau gespielt , sich immer auf das beste vertragen , sie waren nur um anderthalb Jahre , die Hildegard vor ihm voraus hatte , im Alter von einander getrennt . Ihr Name , ihre Familienverbindungen waren den seinigen ebenbürtig , sie war katholisch , wie er , Vittoria hatte die Rhoden ' s gern , ein künftiges Zusammenleben der beiden Familien bot also gar keine Schwierigkeiten , und - darin hatte sein Onkel Recht - das einst so blühende Arten ' sche Geschlecht war jetzt wirklich nur auf ihn und seinen kleinen Bruder gestellt . Es war nothwendig , es war unerläßlich , daß Renatus sich früh verheirathete . Je mehr er darüber nachdachte , um so wahrscheinlicher dünkte es ihn , daß auch seinem Vater eine Verbindung zwischen ihm und Hildegard willkommen sein würde , denn sowohl der Freiherr als der Caplan hatten ihn beständig zu dem Umgange mit den Rhoden ' s angehalten ; und nun er sich im Geiste die Sache überlegt , fand er , daß ihm selbst , wenn er sich seine Zukunft und seine einstige Ehe vorgestellt , immer mehr oder weniger deutlich Hildegardens Bild vor der Seele geschwebt hatte . Die Mißstimmung , in welcher er bei den Freunden angelangt war , schwand vor diesen Gedanken völlig hin , eine außerordentlich sanfte Empfindung trat an ihre Stelle . Er fühlte kein leidenschaftliches Verlangen , er hegte keinen neuen , lebhaften Wunsch , er sehnte die Zukunft und eine Aenderung der jetzigen Verhältnisse nicht einmal herbei . Er war zufrieden wie Einer , der einen wohl begründeten , gesicherten Besitz in ruhigem Lichte vor sich ausgebreitet sieht , aber er rückte unwillkürlich seinen Stuhl näher an Hildegard heran , als er es sonst gethan hatte , und seinen Arm auf die Lehne ihres Sessels gelegt , beugte er sich zu ihr hinüber , ihren fleißigen Händen zuzusehen , wie sie mit sicherem Finger die Blumen in den weißen Musselin einstickte , welcher zum Gesellschaftskleide der Mutter dienen sollte . Er hatte ihr selbst das Muster dazu aufgezeichnet . Hildegard , von seinem Athem warm berührt , wendete sich