Buch aus dem Auszug des Tisches , auf dem ihre Näharbeit lag . » Dies kleine Buch enthält die geoffenbarten Wahrheiten unserer heiligen Religion , wie die Kirche Christi , die vom heiligen Geist regiert und erleuchtet wird , sie lehrt . « Judith schlug das Büchlein auf und las auf der ersten Seite die Frage : » Wozu bist du auf Erden ? « - Und darunter die Antwort » Um Gott zu erkennen , ihn zu lieben , ihm zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen . « Judith machte das Buch zu und rief : » Damit ist alles gesagt ! dadurch erfährt man , was Wahrheit - was Liebe - was Glück ist . Und wahrlich , Signora ! das spricht der heilige Geist ! denn so lange die Welt steht , hat der Menschengeist so nicht gesprochen . « Sie steckte das Buch zu sich , nahm ihre Börse und sagte : » Signora , ich bin hier fremd ! Sie werden gewiß einige Notleidende kennen , denen man mit Gold helfen kann . Wollen Sie das tun ? « » Ich werde die Börse unserem Herrn Pfarrer bringen , « entgegnete Pasqualina ; » der versteht sich auf ' s Almosengeben und wird Sie in ein frommes Gebet einschließen . Ich werde ihn bitten , Maria della pace für Sie anzurufen , damit der unzerstörbare Friede des Glaubens Ihre Seele erfülle . « » Endlich , bitten Sie Ihren Sohn , daß er mir seinen Freund zusende , den jungen Geistlichen . « » Meinen Sie den Abbate , Don Cinthio ? « » Ich weiß seinen Namen nicht ! es ist ein hoher schlanker , blonder junger Mann « » Ganz recht ! mit einem engelhaften Ausdruck und einem fremden Accent - Don Cinthio ! « » Ich lasse also Don Cinthio zu mir bitten . « » Aber zu wem , Signora ? « » Zur Judith ! das Übrige weiß Ihr Sohn ! Und beten Sie für mich ! « Sie umarmte Pasqualina und eilte fort - fort zur Kirche Maria della pace ; doch nicht um Raphaels Sibyllen zu bewundern , sondern um zu überlegen , was sie gehört , und was sie zu tun habe . Was sie gehört ? o wie war das schön , lieblich , klar ! wie quoll das in ihre durstige Seele , als ein warmer Mairegen in sprödes Erdreich , als weiche Frühlingsluft um den starren Baum ! Welch ein Reichtum des Daseins , welche Fülle des Lebens tat sich vor ihr auf in dieser Liebe die von der Liebe Gottes entzündet - in dieser Wahrheit , die von dem Geist Gottes durchleuchtet - in diesem Glück das in der Vereinigung mit Gott gefunden wird . Das ist ' s ! das ist ' s ! das ist ' s ! frohlockte ihr Herz in einem Jubel , der nicht enden wollte . Und was sie zu tun habe ? .... o das war zuerst auch ganz einfach und leicht : die Taufe empfangen im Blut Jesu ! Aber dann ? Sie schauderte . Nicht weil sie ein Opfer zu bringen hatte ; denn es schien ihr kaum ein Opfer zu sein , einen Menschen aufzugeben , um Gott zu gewinnen . Aber weil sie nicht wußte , wie sie sich von Orest losmachen sollte . Sie hatte ihn so weit gebracht , daß er gleichsam einen Todessprung machen wollte , um zu ihrem Besitz zu gelangen - und nun sollte sie ihm Halt ! zurufen und sagen : Es ist aus und vorbei zwischen uns . Wie wird er das aufnehmen - jetzt , wo alles für ihn auf dem Spiele steht und wo er in einer Spannung und Aufgeregtheit sich befindet , wie der Spieler , über dessen ganzes Vermögen der nächste Würfelfall entscheidet . Und wenn es mich das Leben kostete , sagte Judith schaudernd zu sich selbst , ich kann nicht Gräfin Windeck werden - und ich muß mich von Orests Seite auf alles gefaßt machen . O nur erst die Taufe ! die Taufe , daß mich die heiligmachende Gnade zu einem Kinde der Kirche , einer Tochter Gottes und Erbin des Himmelreiches mache : dann ist meine Seele gerettet ! und bringt Orest mich um ' s Leben , wie ich das verdient habe , so weiß ich doch , daß ich im Blut Jesu von meinen Sünden gereinigt und eine erlöste und für die Ewigkeit gerettete Seele bin . Wie hat jene große Büßerin Thais gebetet ? O du , der du mich erschaffen hast , erbarme dich meiner ! Ihr Herz brach in Tränen und mehrmals wiederholte sie : Erbarme dich meiner ! Ihr ganzes Leben zog an ihrem inneren Auge vorüber . Was sah sie ? kalte Selbstsucht ! kalten Hochmut ! Nie habe ich etwas anderes geliebt , als mich selbst - oder anderes .... meinetwegen ! wimmerte sie leise ; nie ein Opfer gebracht , nie fremdes Glück höher angeschlagen als das meine ! Vor dem Altar des heiligsten Sakramentes war sie auf die Knie gesunken . Da lag sie auf dem Marmorboden und hob weinend ihre Hände empor und streckte die Arme aus zum Tabernakel und seufzte : Wohnst du da , du Gott der ewigen Wahrheit und der ewigen Liebe , so erbarme dich meiner und laß mich dich finden denn ich verschmachte nach Liebe und Wahrheit , und weiß nicht , wo auf Erden ich sie suchen könnte , als bei dir . Niemand störte die Beterin ; niemand sah hin zu ihr . Der warmherzige Südländer begreift , daß die Andacht ebenso gut wie jede andere lebhafte Empfindung - ihre Sprache ihren Ausdruck , ihre Geberden habe . Ein junger Geistlicher , der häufig vor diesem Altar sein Brevier betete , zog sich leise zurück . Er glaubte Judiths Gestalt trotz ihres einfachen Anzuges zu erkennen . Ihr Gesicht war verschleiert . Vor dem Mutter-Gottesaltar kniete