darüber aus Großmuth und Schonung gegen ihre frühere Wohlthäterin . Vermittelnde meinten , daß die Geheimräthin ihr Verhältniß zu Walter van Asten begünstigt , daß sie ungehalten geworden , weil Adelheid kalt gegen ihn geworden ; das habe Beide auseinander gerissen . Aber krank konnte sie doch darum nicht sein ; nicht aus Verdruß , daß sie die Liebe einer Frau eingebüßt , welche sie nie geliebt , noch Wohlthaten , welche ihr stets drückend gewesen . Genoß sie doch jetzt die volle Liebe und Wohlthaten der liebenswürdigen Fürstin in ganz anderm Maße . Also musste eine andere Liebe ihrem kranken , unbeschreiblichen Wesen zu Grunde liegen . Und hier war das Feld der Vermuthungen für die Feineren . Sie hätte Dem ihre Neigung zugewandt , der sie als Lehrer rasch und glücklich in ein höheres geistiges Leben geführt . Es war eine reine uneingeschränkte Neigung geblieben , welche sie , von Bewunderung und Dankbarkeit erwärmt oder getäuscht , für Liebe gehalten , bis - ein Anderer erschien , für den ihr Herz anders schlug . Sie war krank geworden , wirklich körperlich leidend , unter Gefühlen , die sie vergebens zu unterdrücken versucht . Da war - es musste eine Krisis eingetreten sein , die mit einer äußeren Begebenheit in Verbindung stand . Sie war in Folge derselben in ein anderes gastliches Haus übergesiedelt . So weit war den Eingeweihten alles klar . Sie kannten auch den Namen des Zauberers , ihn selbst . Hier aber schoß ein neues Räthsel auf , eine neue Sphinx lagerte sich vor dem Portikus , der in die Salons der Fürstin führte . Louis Bovillard hatte Zutritt . Die Fürstin , die um Alles wissen musste , nahm ihn , wenn nicht mit Auszeichnung , doch mit zuvorkommender Theilnahme und Güte auf . Er , bis da ein wüstes Genie , das man verloren gab , vermieden , wenn nicht gar ausgestoßen aus der Gesellschaft , ward von ihr nicht nur zu den kleinen Cirkeln und Partien gezogen , sie schien die Fahne über ihn schwenken zu wollen , wenn sie die höchsten und ehrenwerthesten Personen in ihr Haus geladen hatte . Und er ging aufrecht und stolz umher , unbekümmert um Die , welche ihn scheuten und hassten ; Denen mit ironischem Mitleid sich nähernd , welche vor seiner Berührung erschraken . Bis auf eine feinere Toilette , eine gentilere Haltung schien er hier derselbe Louis Bovillard , auf den man einst auf der Straße mit Fingern zeigte ; dieselche Nonchalance , derselbe kaustische Witz , mit bittern Sottisen , mit einem beißenden und vernichtenden Urtheil , derselbe Uebermuth und dieselbe Rücksichtslosigkeit gegen Die , um welche die Gesellschaft sich ehrerbietig gruppirte . Nur wenn Eine erschien , war er ein Anderer . Sein Uebermuth war gebrochen , sein Witz stockte , seine glühenden Augen hafteten auf ihr . Er konnte dem flüchtigen Beobachter , wenn er sie dann wieder zu Boden sinken ließ , wie ein verlegener , junger Mensch bedünken , der zum ersten Mal in eine Gesellschaft tritt . Und doch war Louis Bovillard kein Räthsel . Aber sie , die Eine , welche diese Wirkung auf den tolldreisten Wüstling geübt ! Liebte sie ihn , sie , die so ruhig und kalt ihm entgegentrat , wie jedem andern gleichgültigen Gast , seine Verbeugung mit leichter Grazie erwidernd , um nach einigen gewechselten Worten über Wärme und Kälte , Wetter und Wind , Anderen entgegen zu eilen ? Wie war sie da erfreut , schüttelte die Hände , embrassirte die unbedeutendsten und unangenehmen Damen wie nur theure Jugendfreundinnen . Nur daß sie , plötzlich in Gedanken versunken , auf ihre Ansprache zerstreut antwortete . Sie musste nicht recht zugehört haben , sie verwechselte die Personen . » Eine verzogene kleine Glücksprinzessin , « hatte da wohl eine vornehme Dame geäußert , die auf specielle Aufmerksamkeit Anspruch machte . - » Sie ist wohl destinirt , immer die Interessante zu spielen , « entgegnete eine Andere . - » Sie ist krank , und kränker , als wir denken , « sagte ein Arzt , der berühmte Doktor Marcus Herz , welcher sie seit einiger Zeit aufmerksam zu beobachten schien . Auf die Frage , was ihr fehle ? entgegnete er : » Was unserm Staate fehlt , eine heftige Krisis , damit die Krankheit herauskommt . « - » Welche Krankheit ? « - » Die schwerste , die , welche man vor sich selbst verbirgt . « Auch die Baronin Eitelbach betrachtete Adelheid als eine Kranke ; Adelheid litt an der Krankheit , in deren Ueberwindungsstadium sie sich selbst befand . » Liebe Seele , « hatte sie gesagt , » ich kenne ja das . Sie sind verliebt und wollen sich ' s nicht eingestehen . « Adelheid war aufgefahren : Sei es denn Zeit , um zu lieben , wo man nur hassen müsse ? Sie hatte von der Ehre und Noth des Vaterlandes gesprochen , warm , wie es aus dem Herzen kam , in solchen Augenblicken dürfe der Mensch nicht an sich denken . Aber sie erschrak über ihre eigenen Worte . Es war eine Rede , geborgt aus einer anderen Stimmung , denn sie hatte ja eben nicht an das Vaterland , sie hatte nur an sich gedacht : wie sie dort im kurzen Röckchen unter den Platanen gespielt , unter den Brombeersträuchern Hütten gebaut , der kleine grüne Fleck hinter den verkümmerten Tannen war eine Wüste gewesen , die für sie kein Ende hatte . Das Wort Waldeinsamkeit war noch nicht ein Gemeingut , aber sie hatte die Ahnung und den Begriff . Und dann - durch dieselbe Allee war sie später gefahren , und wenn sie an die forschenden Blicke der Neugierigen dachte , die sie jetzt erst verstand , schoß das Blut ihr zu Kopf ! Aber auch die Obristin Malchen und ihre Nichten verschwanden wieder wie neckende Spukgeister hinter den Gesträuchen , in denen die Sonne ihr funkelndes Gold