erwehren .. Und dann andrerseits .. ihm wurde alles auf einen Schlag klar . Die Beiden in Norwegen , Rother auch .. Hönevoß .. am selben Tage .. Rothers Brief .. das Datum stimmte .. hier konnte ein Blinder den Zusammenhang erkennen . Rother ' s lustiger Brief beabsichtigte nur eine heroische Täuschung . Seine seltsame Todesart , die man ja ohnehin kaum als Zufall deuten konnte , offenbarte sich zweifellos als Selbstmord . Er hatte den Zustand wehrloser Liebesberaubung nicht ertragen , nicht dem Glück des Andern , das ihm gebührte , zuschauen wollen . Und wohl noch mehr . Wie Rother ' s sensitive zarte Natur es verlangte , mochte er nicht das Glück Kathi ' s vernichten . Wußte er doch , daß Krastinik in Berlin und , wenn er selbst dorthin zurückkehrte , ein Skandal unvermeidlich war . So starb er denn für seine Liebe , ein ideologischer Querkopf , und endete , wie sein seelischer Organismus es bedingte , unglücklich und edel bis zum letzten Athemzug . Dem Grafen traten unwillkührlich Thränen in die Augen . Ein unbeschreibliches Mitleid ergriff ihn für dies Opfer erotischer Hingebung , ein Mitleid , das zugleich den gerechten Zorn hinwegschwemmte , der ihm gleichsam Blutrache gegen die Schuldige gebot . War sie denn eigentlich schuldig ? Sollte er nun auch sie vernichten ? War es nicht genug mit einem Opfer ? Aber was thun ! Mußte nicht irgend eine Katastrophe sich vorbereiten , wenn er nun wirklich in ihren Bannkreis trat ? Und wie das vermeiden ? War er nicht jetzt eine berühmte Persönlichkeit , dessen Bild in den Schaufenstern hing ? Mußte sie nicht schon auf seinen Namen stoßen , wenn sie eine Zeitung aufschlug ? Sie liebte doch wohl ihren Mann und der hatte sie doch nur heirathen können , weil sonst keinerlei Beweis gegen ihre Unbescholtenheit vorlag . Und nun den lebenden Zeugen des Gegentheils vor Augen - - wie sollte das enden ? Entweder verbrachte sie ihr Leben in ewiger Angst , die auch sie zum Selbstmord treiben konnte - möglich ist ja alles . Oder sie verfuhr aggressiv und suchte ihn auf die eine oder andere Weise unschädlich zu machen - möglich ist ja alles . Die Rache und die Feindschaft eines gefährdeten Weibes findet ja tausend Mittel . Oder es passirte gar das Schlimmste : Sie liebte ihn immer noch und die alte Flamme loderte wieder auf , on revient toujours á ses premiers amours , besonders eine Frau - möglich ist ja alles . Wie aus diesem Labyrinth sich herauswinden ! Da war guter Rath theuer . Vielleicht wußte Einer Rath : Leonhart . Morgen würden sie sich ja bestimmt sehn . Aber der Morgen kam und unter dem Stoß conventioneller Gratulationsbriefe brachte die Post keine Zeile von der Hand des Nächstbetheiligten . Was in aller Welt bedeutete das ! Krastinik überwand seine falsche Scham und tunkte eben die Feder ein , um den Freund per Rohrpostkarte zu sich zu bitten , als ihm der Polizeilieutnant des Reviers gemeldet wurde . Ueberrascht fragte er nach dessen Begehr . Der Beamte fragte verbindlich , aber ohne Umschweif zur Sache kommend , ob er nicht mit dem » Schriftsteller Leonhart « befreundet . » Intim . « Ja , so habe er gehört . Wann er ihn zuletzt gesehn habe ? » Vor drei Tagen . « Ob ihm nicht eine tiefe Verstimmung desselben aufgefallen sei ? » Nur wie immer . Leonhart besitzt eine melancholisch-cholerische Gemüthsart . « » Jaja , Gemüthsart ! Gemüthskrankheit darf man da wohl sagen . Litt er nicht an irgend einem körperlichen Leiden ? « » Nicht daß ich wüßte ! « » Oder an Familienkummer ? « » Er hat keine Verwandten . « » Oder an unglücklicher Liebe ? « » Keine Spur . « » Oder an finanziellen Sorgen ? « » Noch weniger . « » Also wohl an sogenanntem Weltschmerz ? « » Ja , wenn man will . Doch nicht in krankhaftem Grade , sondern mehr als tiefempfindender und denkender Kopf . « » Aber ihn drückte doch wohl irgend ein besonderer Gram oder Aerger oder sonst ' was Guts ? « Der Beamte fing offenbar an ärgerlich zu werden über die Fruchtlosigkeit dieses Verhörs . » Nun - ja ! « gestand Krastinik zögernd . » Zweifellos . Der Kummer über den Mangel an Anerkennung . « » Aha , verkanntes Genie ! Dacht ' ich mir ! « » Doch nicht so verkannt wie Sie vielleicht meinen . Nur entspricht sein äußerer Erfolg in keiner Weise seinen Ansprüchen . « » Aha , Größenwahn ! « » Auch nicht eigentlich Größenwahn , « parirte Jener mit leisem Lächeln . » Denn er ist ja völlig berechtigt zu verlangen .. kurz , der Aerger über die litterarischen Verhältnisse fraß an ihm . « » Also Berufsstörung . Unannehmlichkeiten im Berufsleben ! « notirte der Polizeilieutnant mit wichtiger Amtsmiene , als sei er nun mit dieser technischen Phrase dem betreffenden Untersuchungsparagraphen auf die Spur gekommen . Krastinik konnte sich kaum enthalten , laut aufzulachen . » Von Berufsleben kann eigentlich keine Rede sein . Das Schaffen eines Dichters ist ja kein Beruf . Doch haben sich schon öfters Dichter , um ähnlichen Kummers willen , eine Kugel vor den Kopf geschossen . « » Da haben wir ' s ! Selbstmord , Fall Heinrich von Kleist . Kennen wir . Dichter-Wahnsinn . Fall Albert Lindner , Selbstmord oder Irrenhaus . Ich sag ' s ja : Größenwahn und nichts Anders . - Verzeihen Herr Graf daß ich Sie so belästige . Ihre Informationen waren von entscheidendem Werth . « » Ja , aber .. « Krastinik kam erst jetzt zur Besinnung nach diesem jähen Sturzbad . » Darf ich fragen , warum ich Ihnen diese Frage beantworten , mußte ? « » Nochmals Verzeihung , Herr Graf . Sie wurden eben als der nächste Umgang des Herrn bezeichnet , schon als er