» starken Mannes « Kind in das alte Haus der Vitzewitze kommen solle , aber dann schwand aller Spott wieder , und die nächstliegende Not gewann allein Gewalt in seinem Herzen , die Not um den einzigen Sohn . » Wie rette ich ihn ? « Und es war , als ob er vor sich selber ein Gelübde täte : » Gott , ich lege jeden Stolz zu deinen Füßen ; demütige mich , ich will stillhalten ; alles , alles ; nur erhalte mir ihn . « Renate , während Berndt auf und ab geschritten war , war ihm mit den Augen gefolgt . Sie wußte genau , was in seiner Seele vorging , und sagte jetzt : » Bitte , Papa , sage mir alles . Was ist es mit ihm ? Verschweige mir nichts ! « Er nahm ihre Hand . » Ich habe dir nichts verschwiegen , Kind . Dunkel und Ungewißheit ist alles . Ich weiß nicht mehr als du . Aber eines weiß ich nur zu gut : wir müssen alles fürchten , alles , auch wenn in diesem Augenblicke Gottes Sonne noch über ihm scheint . Mit den Waffen in der Hand gefangen ! Sie werden ihn vors Kriegsgericht bringen , und ... « » Wie kam es ? « unterbrach ihn Renate . » Sprich , ich möchte von ihm hören , mich an etwas aufrichten , und wenn es an nichts anderem wäre als an dem eitlen Troste getaner Pflicht oder bewiesenen Mutes . « » Und diesen Trost kann ich dir gewähren . Es war ein Handgemenge ; sie hatten Othegraven umzingelt , und wir wollten ihn frei machen . So ging es hinein in den Knäuel . Als wir wieder heraus waren , fehlte Lewin . Anfangs hofften wir noch , denn es fehlten viele , die sich nach und nach wieder zu uns fanden ; aber Lewin blieb aus . Kein Zweifel , er ist gefangen . « » Und was tun wir ? « » Was uns allein noch bleibt : Gottes Barmherzigkeit anrufen . Mögen ihm alle guten Engel zur Seite stehen ! Wir können nichts mehr . « Und damit verließ er das Zimmer und ging in sein Cabinet hinüber . Hier war es kalt und unwirsch . Jeetze hatte zu heizen vergessen ; dazu lag Staub auf Tisch und Stühlen . Aber Berndt sah es nicht oder glitt gleichgiltig mit dem Auge darüber hin , während er doch in dem Widerstreit , der in solchen Momenten unsere Seele zu füllen pflegt , seinen Sinn auf andere , fast noch gleichgiltigere Dinge richtete . Er sah , daß an dem Schlüsselbrett die Schlüssel falsch hingen , und begann nun alles nach Nummer und Reihe zu ordnen . Dann schritt er auf das Fenster zu und starrte minutenlang auf die russischen Karten und Pläne , die hier immer noch an den breiten Klappläden angeklebt waren . » Minsk , Smolensk , Bialystok . « Und er wiederholte die Namen , auf und ab schreitend , immer wieder und wieder . Endlich blieb er vor dem Bilde stehen , das über seinem Arbeitstische hing , und seine Augen füllten sich mit Tränen . » Geliebte « , sprach er vor sich hin , » wie preis ich Gott , daß dir diese Stunde nach seinem gnädigen Ratschluß erspart geblieben ist . Ach , daß ich wäre , wo du bist . Frieden allein ist bei den Toten . « Er ließ sich auf das Sofa nieder und begann ein Frösteln zu fühlen . Da lag sein Mantel , den Jeetze , statt ihn anzuhängen , einfach über die Lehne geworfen hatte . Das traf sich gut . Er zog ihn an sich und wickelte sich ein . » Minsk , Smolensk ... « , aber nun schwand ihm das Bewußtsein , und er schlief . Er schlief fest und lange . Mittag war vorüber , als ihn ein Klopfen an der Tür weckte . Es war schon das dritte Mal . » Herein ! « Jeetze meldete , daß der alte Rysselmann gekommen sei . » Laß ihn vor . Gleich . « Der alte Rysselmann trat ein , steif und geradlinig wie immer , das Haar nach hinten gekämmt , seinen Rohrstock unterm Arm und das Gerichtsdienerblechschild auf dem langen blauen Stehkragenrock . Er blieb an der Tür stehen und grüßte militärisch ; neben ihm Jeetze , der das Zimmer zu verlassen zögerte . » Bleib nur « , sagte Berndt , der das Zögern des Alten wohl verstand , » du willst auch wissen , wie es steht . Du liebst ihn auch ... Ach , wer nicht ? « Und dabei strich er sich leis und verstohlen über Stirn und Augen . Dann erst trat er auf den alten Gerichtsdiener zu und sagte : » Nun , Rysselmann , was bringt Ihr ? « » ' n Brief vom Herrn Justizrat . « » Gutes drin ? « Der Alte schwieg . Er konnte nicht ja sagen , und das Nein wollte ihm nicht über die Lippen . Berndt wog den Brief hin und her , den er sich zu öffnen scheute , denn jetzt mußt es sich entscheiden . Er musterte den Alten einmal , zweimal und fand zuletzt , daß er alles in allem nicht aussah wie einer , der eine Todesnachricht bringe . » Ich will den Brief lesen - aber allein ... Und dann noch eins , Rysselmann ; wißt Ihr ... « » Ja , gnädiger Herr , eins weiß ich . « » Und ? « » Der junge Herr lebt . « Des alten Vitzewitz Händen entfiel der Brief , und seine Lippen flogen . Er konnte nicht sprechen . Als er sich wieder gefaßt hatte , trat er auf Jeetze zu , legte seine Hand auf des alten Dieners Schulter und sagte , während er ihn in freudiger Erregung schüttelte : » Hast du ' s