, weil uns , wie Doctor Willibrod sagt , sobald wir zu Macht und Reichthum gelangen , ein Kieselstein oder Goldklumpen statt des warmen Herzens in der Brust hängt . Pah ! Und ich schloß unwillig das Fenster , ließ die Gardinen herab und schritt auf mein Lager zu , mich zur Ruhe zu legen . Aber auf dem halben Wege schon blieb ich stehen . Die einmal losgelassenen Gedanken wollten sich so schnell nicht wieder einfangen lassen ; ich blickte mit über der Brust verschränkten Armen auf all ' den Glanz des prächtigen Zimmers . Und daran ist sie gewöhnt von Jugend auf , sprach ich bei mir ; über diesen weichen Teppich ist ihr Fuß immerdar geschritten , solch ' wollüstige Stoffe hat ihre Hand stets berührt , und diese balsamische Luft hat sie immer geathmet ! Wenn es wäre , wenn der schamlose Egoismus genau so vor dem Fall käme , wie der brutale Hochmuth , wenn dies Haus zusammenstürzte , wie jenes alte - es wäre hart , unsäglich hart für sie ! Die Andere hatte mich einst ihren Georg genannt , ihren Drachentödter ! Nun , sie hatte nicht gerettet sein wollen , und ich , ein halber Knabe noch , hätte sie nicht retten können . Um diese hier stände es vielleicht anders ; vielleicht würde sie lieber gerettet werden wollen , als untergehen , und - auf alle Fälle bist du kein Knabe mehr ! Ich wandte mich wieder , und mein Anblick fiel auf den kleinen , schäbigen Seehundskoffer , den Wilhelm Kluckhuhn zu den Füßen des Bettes , dessen bauschiche Vorhänge er zurückgezogen , jetzt sorgsam auf ein Gestell gelegt hatte . Ich mußte laut lachen . Es war doch auch sehr lächerlich , wenn man kaum mehr besaß , als in diesem winzigen , schäbigen , noch dazu geliehenen Ranzen Platz hatte , ein Haus wie dieses hier retten zu wollen , sich um das Schicksal von Menschen den Kopf zu zerbrechen , die in einem Hause , wie dieses hier , wohnten ! Und ich machte , daß ich zu Bett kam , und als ich eben einschlafen wollte , weckte ich mich selber wieder auf , denn ich mußte abermals über etwas laut lachen - aber ich wußte nicht , worüber . Vierzehntes Capitel . Als ich aber am nächsten Morgen in der ersten Dämmerstunde erwachte , wußte ich es . Es war das gestickte Band gewesen , welches ich gestern Abend in dem Blumenbouquet aus dem Rosenholzschränkchen zwischen den Fenstern entdeckte , und in welchem ich im Halbschlaf eine gar freundliche und liebliche Auflösung aller der Räthsel , die mich hier umgaben , gefunden zu haben glaubte . Jetzt , mit hellwachen Sinnen , sah ich freilich wieder nichts darin , als eine sentimentale Albernheit des guten Fräulein Duff . Wie dem auch sein mochte , es erfaßte mich eine Unruhe , die mich von meinem seidenen Lager emportrieb . Ich kleidete mich schnell an . Ein Spatzenpaar , das irgendwo in der Nähe unter dem Dache nisten mußte , fing eine lebhafte Unterhaltung an und schwieg dann plötzlich - sie hatten zu früh Tag gemacht . Ich nicht minder . Konnte ich doch , als ich mit dem seidenen Bande an das Fenster trat , die goldenen Perlen-Lettern der Schrift von dem blauen Grunde nicht unterscheiden . Ich wurde ein wenig ärgerlich über meine kindische Neugier . War ich hierher gekommen , Räthsel zu lösen ? Dennoch hielt ich die Schleife noch in der Hand , als es draußen heller zu werden und der erste rosige Morgenschimmer das Gewölk im Osten zu umsäumen begann . Schon unterschied ich deutlich die Wege und Beete in den Anlagen unter mir , ja auf den Beeten bald den gelben Krokos von den blauen Hyacinthen . Und abermals senkte sich mein Blick auf das magische Band , und ich las jetzt deutlich noch einmal die bekannte Devise . Nun , sagte ich bei mir , mag es ernsthaft gemeint sein oder nicht , mag es eine sentimentale Albernheit der Duenna , oder ein übermüthiger Scherz des schönen Mädchens sein - es ist ein gutes Wort , und ich will es mir gesagt sein lassen . Treu will ich suchen , und , was das Finden anbetrifft , so will ich mir darüber nicht den Kopf zerbrechen . Ich steckte das Band zu mir , damit es nicht etwa gar Wilhelm Kluckhuhn in die neugierigen Hände fiele , und verließ mein Zimmer . Durch das geräumige Haus , in welchem noch überall auf den teppichbelegten Corridoren und Treppen Dämmerung und Schweigen herrschten , suchte und fand ich eine Thür , welche mich aus dem unteren Flur in ' s Freie leitete . Es war eine kleine Seitenthür gewesen , ähnlich wie die , durch welche man in dem alten Hause auf den ruinenhaften Hinterhof gelangte . Der Hinterhof war natürlich verschwunden und überhaupt Alles so verändert , daß ich mich auf einem mir vollkommen fremden Terrain in einer ganz neuen Umgebung befand . Aber ich sah bald : es war nicht nur etwas Neues und Anderes , was man hier geschaffen , sondern etwas , das zu dem Früheren einen vollkommenen Gegensatz bildete . So colossal und offenbar unwohnlich das alte Schloß in breiten , schmucklosen Massen aufgeragt hatte , so verhältnißmäßig klein , aber augenscheinlich zweckmäßig eingerichtet , in einem zierlichen , wenn auch vielleicht nicht ganz reinen Styl präsentirte sich das jetzige Wohnhaus . Der Wirthschaftshof , dessen eine Seite damals das Herrenhaus begrenzte , war ein paar hundert Schritte weiter weg gelegt worden . Das Herrenhaus umgab jetzt ringsum ein freier Platz , welcher nach allen Seiten von Anlagen , denen man freilich ihr jugendliches Alter nur zu deutlich ansah , eingenommen wurde . Man hatte wohl die Absicht gehabt , eine kleine blühende Oase , deren Mittelpunkt das Wohnhaus war , von dem übrigen , dem Nutzen geweihten Boden auszusondern - ein hübscher Gedanke , der nur