Hauses , den ich immer am meisten geliebt hatte , war schon vor der Erkrankung der Mutter ein Zimmer für mich größtenteils durch ihre Hände hergerichtet worden . Dieses Zimmer bezog ich , und packte darin meinen Koffer aus . Seine zwei Fenster gingen in den Garten , die weißen Fenstervorhänge hatte noch die Mutter geordnet , und das Linnen des Bettes war durch ihre vorsorglichen Finger gleichgestrichen worden . Ich getraute mir kaum etwas zu berühren , um es nicht zu zerstören . Ich blieb sehr lange unbeweglich in dem Zimmer sitzen . Dann ging ich wieder durch das ganze Haus . Es schien mir gar nicht , als ob es das wäre , in welchem ich die Tage meiner Kindheit verlebt hatte . Es erschien mir so groß und fremd . Die Wohnung , welche sich meine Schwester und ihr Gatte darin eingerichtet hatten , war früher nicht da gewesen , dafür war das Gemach für Vater und Mutter , das immer auch nach seinem Tode noch bestanden war , verschwunden , ebenso fand ich das Zimmer für uns Kinder nicht mehr , welches ich in allen Ferien , die ich zu Hause zugebracht hatte , noch in dem Zustande aus unserer früheren Zeit her gesehen hatte . Es war eben eine neue Haushaltung in dem Gebäude eingerichtet worden . Unter dem Dache angekommen , sah ich , daß man schadhafte Stellen des Daches ausgebessert hatte , daß man neue Ziegel genommen hatte , und daß an den Kanten , wo sich früher die Rundziegel befunden hatten , die neue Art der Verklebung durch Mörtel angewendet worden war . Dies alles tat mir wehe , obwohl es natürlich war , und obwohl ich es zu einer andern Zeit kaum beachtet haben würde . Jetzt aber war mein Gemüt durch den Schmerz erregt , und jetzt schien es mir , als ob man alles Alte , auch die Mutter aus dem Hause hinaus gedrängt hätte . Ich lebte von jetzt an still in dem Zimmer , las , schrieb , ging täglich auf das Grab der Mutter , besuchte die Felder und manches Wäldchen , hielt mich aber von den Menschen ferne , weil sie immer von meinem Verluste redeten und mit den Worten in ihm stets wühlten . Das Haus war auch sehr stille . Die Vermählten hatten noch keine Kinder , mein Schwager , dessen Wesen friedlich und einfach war , befand sich größtenteils außer Hause , die Schwester besorgte mit der einzigen Magd , die sie hatte , die häuslichen Geschäfte , und wenn die Abenddämmerung kam , wurde die Tür , die gegen die Straße ging , mit den eisernen Stangen von innen verriegelt , und nur die in den Garten führende blieb offen , bis die Stunde zum Schlafen kam , wo sie dann auch die Schwester mit eigenen Händen schloß . Das häusliche Glück der zwei Ehegatten schien fest gegründet zu sein , das war eine Linderung für meine Wunde , und ich verzieh dem Schwager , daß er nicht ein Mann war , der durch hohe Begabung und den Schwung seiner Seele die Schwester zu einem himmlischen Glücke emporgeführt hatte . So vergingen mehrere Wochen . Vor meiner Abreise ging ich noch in unser Gerichtsamt , verzichtete dort für meine Schwester auf jeden Erbanspruch des von unsern Eltern hinterlassenen Besitztumes , und ließ meine Rechte auf die Schwester überschreiben . So war den beiden Gatten das Dasein , so lange es ihnen der Himmel verlieh , gesichert ; ich hatte als Erbteil den Unterricht bekommen , und hoffte durch das , was er mir an Kenntnissen eingebracht hatte , und was ich mir noch erwerben wollte , den Unterhalt meines Lebens schon zu decken . Hierauf reiste ich , von dem Danke und von den wärmsten Wünschen für mein Wohl von der Schwester und dem Schwager begleitet , wieder in die Stadt ab . In derselben begann ich jetzt ein sehr zurückgezogenes Leben zu führen . Ich hatte mir so viel erspart , daß ich nur einen kleinen Teil meiner Zeit zum Unterricht geben verwenden mußte . Die übrige wendete ich für mich an , und verlegte mich auf Naturwissenschaften , auf Geschichte und Staatswissenschaften . Meinen eigentlichen Beruf ließ ich etwas außer Acht . Die Wissenschaften und die Kunst , deren Vergnügen ich nie entsagte , füllten mein Herz aus . Ich suchte jetzt weniger als je die Gesellschaft von Menschen auf . Die Notwendigkeit , die Zeit der Vorbereitung zu meinem Berufe recht zu benutzen und mir außerdem noch meinen Lebensunterhalt zu erwerben , hatte mich schon in früheren Jahren fast nur auf mich allein zurückgewiesen , und ich setzte jetzt dies Leben fort . Allein es dauerte nicht lange in dieser Art. Schon nach einem halben Jahre , als ich das Grab der Mutter verlassen hatte , kam mir von meinem Schwager die Nachricht zu , daß zu den zwei Gräbern des Vaters und der Mutter auf unserer Familienbegräbnisstätte ein drittes Grab gekommen sei , das meiner Schwester . Sie hatte sich seit dem Tode der Mutter nicht recht erholt , und eine unversehene Verkühlung raffte sie dahin . Der Schwager schrieb mir , und wie ich sah , in aufrichtigem Kummer , daß er nun ganz verlassen sei , daß er keine Freude mehr habe , daß er einsam sein Leben zubringen wolle , daß er wohl von der Verewigten zum Erben eingesetzt worden sei , daß er aber gerne mit mir teilen wolle , er habe kein Kind , seine einzige Freude liege im Grabe , er achte nicht mehr viel auf Besitzungen , sein Stückchen Brod , welches für sein einfaches Leben recht klein sein dürfe , werde er für die Zeit schon finden , die er noch zubringen müsse , ehe er zu Kornelien gehen könne . Da der Mann meine Schwester sehr geliebt hatte , da ihre Briefe an mich immer von ihrem Glücke erzählten , gönnte ich ihm das kleine Besitztum , und