so hatte ich Zeit genug , und weil ich gesund und stark war , reichte auch meine Kraft aus . In hohem Maße befriedigten mich einige schöne Gebäude , besonders Kirchen , dann Bildsäulen und Gemälde . Ich brachte manchen Tag damit zu , mich in die Betrachtung der kleinsten Teile dieser Dinge zu vertiefen . Auch hatte ich manche Familien kennen gelernt , wurde bei ihnen aufgenommen , und bildete nach und nach meinen Umgang mit Menschen etwas mehr heraus . Da ich in dem zweiten Jahre meiner Lernzeit war , vermählte sich meine Schwester . Ich hatte ihren jetzigen Gatten schon früher gekannt . Er war ein sehr guter Mann , hatte keine Leidenschaften , keine übeln Gewohnheiten , war häuslich sogar auch tätig , hatte eine angenehme Körpererscheinung , war aber sonst nichts mehr . Diese Vermählung hatte mir keine Freude und kein Leid gemacht . Da ich meine Schwester so liebte , so war mir stets , daß sie nie einen andern Mann als den allerherrlichsten bekommen solle . Dies war nun wohl nicht der Fall . Die Mutter schrieb mir , daß mein Schwager seine Gattin sehr verehre , daß er lange und treu um sie geworben und endlich ihr Herz gewonnen habe . Sie wohnen in unserem Hause , und von da aus treibe er still und emsig sein kleines Handelsgeschäft , das sie nähre . Ich schrieb einen Brief entgegen , worin ich den Vermählten Glück und Segen wünschte und den Schwager bat , seine Gattin sehr zu lieben , zu schonen und zu ehren ; denn ich glaube , daß sie es verdiene . Die Antworten versprachen alles , so wie die folgenden Briefe immer den Stempel eines stillen häuslichen Friedens trugen . In diesen Verhältnissen kam die Zeit heran , da ich mit den letzten Prüfungen meine Vorbereitungsjahre beendigt hatte . Ich richtete eben mein Reisegepäcke zusammen , um der Verabredung gemäß nach langer Trennung die Meinigen wieder zu sehen , als ein Brief von der Hand der Schwester kam , dessen Inneres häufige Tränenspuren zeigte , und der mir sagte , daß unsere Mutter gestorben sei . Sie war vor einiger Zeit krank geworden , man hielt das Übel nicht für gefährlich , und da man mich in der Vorbereitung zu meinen letzten Prüfungen wußte , so wollte man mir , um mich nicht zu stören , keine Meldung von der Krankheit zukommen lassen . So zog es sich durch zehn Tage hin , von wo es sich rasch verschlimmerte und , ehe man es sich versah , mit dem Tode endigte . Man konnte mir nur mehr diesen melden . Ich raffte sofort alles zusammen , was zu einer Reise nötig schien , schrieb zwei Zeilen an einen Freund , worin ich ihn bat , die Sache meinen Bekannten , die ich ihm bezeichnete , zu melden und mich zu entschuldigen , daß ich ohne Abschied abreise . Hierauf ging ich auf die Post und ließ mich einschreiben . Zwei Stunden darnach saß ich schon in dem Wagen , und obwohl wir in der Nacht wie am Tage fuhren , obwohl ich von der letzten Post aus , an der der Weg nach meiner Heimat ablenkte , eigene Pferde nahm und mittelst Wechsels derselben unaufhörlich fortfuhr , so kam ich doch zu spät , um die irdische Hülle meiner Mutter noch einmal sehen zu können . Sie ruhte bereits im Grabe . Nur in ihren Kleidern , in Geräten , im Arbeitszeuge , das auf ihrem Tischchen lag , sah ich die Spuren ihres Daseins . Ich warf mich in eine Lehnbank und wollte in Tränen vergehen . Es war der erste große Verlust , den ich erlitten hatte . Zur Zeit des Todes des Vaters war ich zu jung gewesen , um ihn recht empfinden zu können . Obwohl der erste Schmerz unsäglich heiß gewesen war und ich geglaubt hatte , ihn nicht überleben zu können , so verminderte er sich wider meinen Willen von Tag zu Tag immer mehr , bis er zu einem Schatten wurde und ich mir nach Verlauf von einigen Jahren keine Vorstellung mehr von dem Vater machen konnte . Jetzt war es anders . Ich hatte mich daran gewöhnt , die Mutter als das Bild der größten häuslichen Reinheit zu betrachten , als das Bild des Duldens , der Sanftmut , des Ordnens und des Bestehens . So war sie ein Mittelpunkt für unser Denken geworden , und mir kam fast nicht zu Sinne , daß das je einmal anders werden könne . Jetzt wußte ich erst , wie sehr wir sie liebten . Sie , die nie gefordert hatte , die nie auf sich irgend eine Beziehung gemacht hatte , die geräuschlos immer gegeben hatte , die jedes Schicksal als eine Fügung des Himmels empfangen hatte , und die in ruhigem Glauben ihre Kinder der Zukunft anvertraut hatte , war nicht mehr . Unter der Decke der Schollen schlummerte ihr Herz , das dort vielleicht so ergebungsvoll schlummerte , wie es sonst in der Kammer unter der Hülle seiner weißen Decke geschlummert hatte . Die Schwester war wie ein Schatten , sie wollte mich trösten , und ich wußte nicht , ob sie des Trostes nicht noch bedürftiger wäre als ich . Der Gatte meiner Schwester war in einer gewissen Ergebung , er war stille , und ging an die Beschäftigungen seines Berufes . Ich ließ mir nach einer Zeit das frische Grab der Mutter zeigen , weinte dort meine Seele aus , und betete für sie zu dem Herrn des Himmels . Da ich in das Haus zurückgekehrt war , besuchte ich alle Räume , in denen sie zuletzt geweilt hatte , besonders ihr eigenes Stübchen , in welchem man alles gelassen hatte , wie es bei ihrer Erkrankung gewesen war . Der Schwager und die Schwester boten mir an und baten mich , eine Zeit bei ihnen zu verweilen . Ich nahm es an . In dem hinteren Teile des