mehr , wie Sie ahnen , den Schmerz , Sie beleidigt zu haben ! Nein , nein , ich lasse Sie nicht eher los , bis Sie mir verzeihen ! « » Alles , Alles , « rief Margot - » nur lassen Sie mich los , ich sterbe sonst auf der Stelle ! « Und noch einmal versuchte sie , ihre kleinen Hände zu befreien , und entschlüpfte Leonce , der sie los ließ , und verbarg sich hinter Lucile , die vergeblich zur Ordnung gerufen hatte . » Ich bin ganz Deiner Meinung , Margot , « rief Lucile lachend , daß die Thränen ihr in den Augen standen - » Leonce ist ganz unerträglich - und ich wünschte , wir wüßten seine pendantische Rede über das Maaß noch auswendig , um sie ihm jetzt vor halten zu können ; denn ich merke , die Nutzanwendung hört bei seinem eigenen Verfahren auf - wie das bei allen Buß-Predigern der Fall sein soll . « » Sein Sie jetzt nicht zu streng , Lucile ! « erwiederte Leonce » ich habe Etwas in den schönen Augen meiner kleinen Muhme gesehen , was allen Uebermuth in mir ausgelöscht hat . Ich bin für heute bestraft genug und will Ihnen jetzt ganz einfach referiren ; ja , ich bin so eingeschüchtert , daß ich , um nicht mehr von meinen Gefühlen verführt werden zu können , die Veranlassung weder nennen , noch bezeichnen will , Ihrem Scharfblicke das Weitere überlassend . - Der junge Graf von Bussy , der so eben seine Vermählung mit Mademoiselle de Guiche in Versailles gefeiert hat , ist auf dem Wege nach seinem schönen Schlosse Rabutin und kommt so nahe an Ste . Roche vorüber , daß er , von unserer Anwesenheit unterrichtet , mir gestern einen Boten sendete , mit der Bitte , seinen Besuch bei meinen liebenswürdigen Verwandten zu vermitteln . « » O , « rief Lucile , freudig ihre Hände zusammen schlagend - » das ist eine allerliebste Nachricht - nun sollen Ihnen alle Ihre Unarten vergeben werden ! « » Auch , wenn ich bereits zugesagt habe ? « fragte Leonce . » Der Bote traf mich auf dem Wege nach dem Kloster Tabor , dessen Bibliothek ich einen Besuch machen wollte ; da gedachte ich des Beifalles , den Sie , liebe Lucile , der jungen Gräfin Guiche stets gezollt , und ich hatte entschieden , ehe ich die Schwierigkeiten überlegt , Ihnen diesen Vortrag zu machen . « » Nun , ich bin versöhnt , « rief Lucile ; - » denn ich finde diesen Besuch allerliebst ! Und ich argwöhne , Leonce - mein Armand war mit Ihnen im Komplotte bei dieser Uberraschung ! « » Zufällig war Armand mit mir , als uns der Bote erreichte . « lachte Leonce . » Doch er ist so schüchtern , wie ich , seiner holden Tyrannin gegenüber ; wenigstens hat er mir die ganze Verantwortlichkeit zugeschoben . « » Nun , « erwiederte Lucile - » was meinst Du , Margot , sollen wir ihm vergeben ? « » Thue Du , was Du willst , « sagte diese von weit ber ; denn sie war leise hinter Lucile fort bis an das niedere Geländer der Terrassen-Brüstung geschlichen und schaute , Allen den Rücken zukehrend , in die Gegend . » Ich werde mich darauf noch ein Weilchen besinnen und namentlich auf seine fernere Aufführung Acht haben , ehe ich Frieden schließe . « » Dann habe ich Ihre Versöhnung sicher , « antwortete Leonce , - » besonders , wenn Sie mir erlauben , Sie jetzt anzusehen . « » Nein , nein ! Armand , leiden Sie es nicht ! « rief Margot ; - » ich springe hier hinunter , wenn er mir nahe kömmt ! « » Sein Sie ruhig , « antwortete Armand - » jetzt nehme ich Sie in meinen Schutz . Doch sagen Sie , darf ich Ihnen nahe kommen ? Und wollen Sie uns beistehen , im Schlosse die Zimmer auszuwählen , die wir für unsere zahlreichen Gäste bereit halten müssen ? « » Sogleich komme ich , « sagte Margot ; - » doch hier in der Ferne entdecke ich etwas - ich muß es erst heraus haben , was es ist . « » Ich will Ihnen helfen , Margot « - rief Leonce aufstehend ; - » ich weiß vollkommen in der Gegend Bescheid . « » Nein , nein , « sagte sie , rasch herunter springend - » ich weiß jetzt , was es ist ; « - und mit einem Satze war sie zwischen Armand und Lucile und mußte nun ihr glühendes Gesicht den lachenden Augen ihrer jungen Freunde preisgeben . » Kommen Sie , Margot , « rief Armand und gab ihr mitleidig den Arm - » wir verständigen , alten Leute gehen voran - diese jungen Spötter mögen uns folgen . « So durchzog man erst den anmuthigen , kleinen Burggarten , der unter den Fenstern der von ihnen bewohnten Zimmer lag und von einer hohen Brüstung untermauert war , an deren Fuße sich die schönen , grünen Waldwege anschlossen , die wenig von der Kultur erfahren hatten und mit kurzem , saftigem Waldmoose bedeckt waren . Dieser Platz , den sie heute zuerst besucht hatten , ward für würdig erkannt , auch den Gästen zur Frühstücksstunde zu dienen , da er Schatten und Kühlung versprach . Dann wandelte man durch die bewohnten Gemächer , um die Haupttreppe zu erreichen , die in die oberen Zimmer führte , welche über denselben lagen . Hier , auf dem alten , mit Marmor-Statuen geschmückten Treppenflure blieben Alle , überrascht von ihren Erinnerungen an d ' Anvilles Erzählung , stehen ; und die Nacht , in der die beiden unglücklichen Brüder zu einer so fürchterlichen Katastrophe ihres Lebens diese Treppen erstiegen , stand Allen so lebhaft vor Augen , daß sie ihren frohen Lebenshauch aufhielt .