ach ! und ihr , der Unglücklichen - - er schwieg und die magere Hand bedeckte von Neuem seine Augen . Wenn ich auch , sagte Evremont , nachdem er sich von seiner Bestürzung erholt hatte , Gefühle der Rache hätte nähren können , so würden sie doch hier aus meinem Busen schwinden , wo sich unsere Herzen wenigstens noch in einer Empfindung begegnen . Er wollte sich zurückziehen ; doch der Knieende erhob sich nun und sagte , indem das glühende Auge auf Evremont ruhte : Und wäre es möglich , könntest Du vergeben , hier , wo das Blut des Helden floß , den wir beide verehrten ? Ich habe schon längst ein Verbrechen verziehen , dessen Ursache ich nie habe enträthseln können , sagte Evremont . O Gott ! rief der verstümmelte Lamberti in Thränen , womit habe ich elender Sünder Deine Gnade verdient ? Du nimmst die Last seines Fluches von meiner Seele , nicht ohne Sakrament und Beichte werde ich sterben , denn ich beichte die gräßliche Missethat täglich , und mich , mich Unwürdigen allein , rettet die ewige Gnade von dem Pfuhl der Verdammniß , in die meine unglücklichen Brüder beide gesunken sind , beide ohne Beichte dahin gegangen , beide ewig verloren . In Evremonts Seele hatten verschiedene Empfindungen mit einander gekämpft . Er hatte das Wort früherer brüderlicher Vertraulichkeit , womit Lamberti ihn anredete , nicht erwiedern mögen und scheute sich doch auch , ihn durch das entschiedene Zurückweisen dieser Vertraulichkeit zu kränken . Jetzt aber übte der Anblick des so völlig zerknirschten Sünders volle Gewalt über sein Herz ; und nur großmüthigen Empfindungen Raum gebend , sagte er mit milder Stimme : Du quälst Dich ohne Grund , Francesco , Dein Bruder Antonio ist nicht ohne Beichte gestorben . Ich selbst habe den Priester auf dem Schlachtfelde von Borodino , wo er verstümmelt lag , zu ihm geführt , und meine Verzeihung und die Vergebung seiner Sünden haben seinen Tod erleichtert , den er kämpfend wie ein Held fand . Und Du , rief Lamberti , und Du hast diese Großmuth an Deinem Mörder geübt ? O ! so kröne Dein Werk , nimm die gräßliche Last von der Seele einer verzagenden Mutter , die alle ihre Kinder für die Verdammniß geboren zu haben glaubt . Sie würde mir nicht glauben , fuhr er flehend fort , sie würde meinen , daß ich mir dieß alles , unser Zusammentreffen hier , in Fieberträumen eingebildet habe , die freilich oft meine Seele verwirren . O komm ! rief er , als er sah , daß Evremont noch zögerte . O komm ! Du hast einem Deiner Mörder in der Stunde des Todes den Priester zugeführt und seine Seele gerettet , Du hast dem andern verziehen , o komm nun auch , ein Bote des Himmels , und tröste die schuldlose Mutter . Wohl , sagte Evremont , ich will auch dieß thun , um Deiner Seele den Frieden zurück zu geben , der Dir nur zu sehr mangelt , zeige den Weg , ich folge Dir . Ein Blick staunender Dankbarkeit belohnte ihn für den großmüthigen Entschluß . Beide verließen den Garten und ein mißtrauischer Gedanke flog durch Evremonts Seele , als sein Führer ihn in eine entfernte Vorstadt führte , und sie ihren Weg durch enge , krumme und schmutzige Straßen nahmen . Könnte er , der mich schon ein Mal ermorden wollte , dachte er , nicht auch jetzt einen verruchten Plan entwerfen und mich in irgend einem abgelegenen Winkel vielleicht den Händen seiner Genossen überliefern , und ich verschwände von der Erde , ohne daß eins der mir theuern Wesen die Ursache dieses Verschwindens ahnen könnte , denn diese Unvernunft wird mir Niemand zutrauen , daß ich meinem Mörder freiwillig in seine Höhle folge . Seine Schritte wurden durch diese Gedanken unwillkührlich zögernd und langsam , und Lamberti blickte mit dem Ausdrucke des tiefsten Schmerzes auf seinen Begleiter und sagte : Ich sehe es , Dich gereut Dein großmüthiger Entschluß , ich fühle nur zu wohl , daß ich Dein Mißtrauen und nicht Deine Güte verdiene . Ich hege kein Mißtrauen , sagte Evremont , in dem ein Blick auf die Jammergestalt Beschämung über seine Besorgniß hervorrief , aber ich fühle mich seltsam ermüdet ; ist Deine Wohnung noch weit ? Wir sind zur Stelle , antwortete Lamberti , indem er vor einem schmalen , hohen Hause stehen blieb und die Klingel zog , um Einlaß zu begehren . Nachdem sie eine Zeit lang gewartet hatten , öffnete ein altes , schmutziges Weib die Thüre , und Evremont folgte seinem Führer endlose Stufen vieler Treppen hinauf , und er bereitete sein Herz auf den Anblick des tiefsten , von Unordnung , Unsauberkeit und dem ganzen scheußlichen Gefolge der Armuth begleiteten Elends vor . Er wurde also um so angenehmer überrascht , als , nachdem sie endlich die Höhe erstiegen hatten , die Thüre der Wohnung seines Begleiters sich öffnete und sie in ein kleines , aber äußerst reinliches Zimmer traten , dessen schlechte Möbel in gefälliger Weise geordnet waren und aus dem ein angenehmer Wohlgeruch den Eintretenden entgegen strömte , der durch einige blühende Pflanzen , die auf dem einzigen schmalen Fenster im Gemache standen , verbreitet wurde . In der Nähe des Fensters saß ein Mädchen , welches über die Jugend hinaus , und vielleicht durch Kummer noch mehr verblüht war , als durch die Macht der Jahre ; vor ihr auf dem Tische stand ein Carton mit künstlichen Blumen , und sie war eben damit beschäftigt , noch andere zu vollenden , die unter ihren geschickten Händen eine treue Nachahmung der Natur wurden . Nachdem sie Lamberti mit Theilnahme und Evremont mit Anstand gegrüßt hatte , fuhr sie mit ihrer Beschäftigung fort , und Lamberti ging , nachdem er seinen Begleiter gebeten hatte hier zu verweilen , in ein anderes noch kleineres Gemach , näherte sich einem Bette , dessen Vorhänge man in dem vorderen Zimmer