er den schwarzen Frack anzog , in dem er vor bald einem Jahre der Gräfin Worronska so erfolglos gehuldigt . Denn er hatte an diesem Morgen die Nachricht bekommen , daß die schöne Frau bei einem Wettrennen in Petersburg das Leben verloren , und der Schmerz , der ihn um das immer noch geliebte Weib erfaßte , war um so verzehrender , je tiefer er ihn verbergen mußte . — So traten Elsa und Herbert , Walter und Käthchen unter den verschiedensten Empfindungen durch die breite Flügeltür ein und wurden von der Staatsrätin , Möllner und Hilsborn empfangen . Es war trotz der vielen Leute eine feierliche Stille im Saale , denn mau erwartete die beiden Bräute , die jeden Augenblick eintreten mußten . Wer hat nicht den leisen Schauer empfunden , mit dem wir eine Braut aus ihrem jungfräulichen Gemach hervorkommen sehen , um den wichtigsten Schritt des Lebens zu tun , — den vor den Altar ? Niemand wandte mehr ein Auge von der Tür des Seitenzimmers . — Jetzt ward sie geöffnet . Johannes , an der Seite seiner Mutter , und Hilsborn neben Heim stellten sich ihr gegenüber , die Gäste zogen sich ehrerbietig an die Wand zurück , ein großer Raum blieb frei . Langsamen Schrittes , in den wallenden Schleier , wie in eine weiße Wolke , gehüllt , das schöne Haupt gesenkt unter der Myrtenkrone , trat Ernestine ein . Die dunklen Wimpern waren niedergeschlagen und von der hohen Stirn leuchtete der ganze Adel zu vollem Bewußtsein gekommener Weiblichkeit und Liebe . Sie blieb stehen , verwirrt , befangen vom Anblick so vieler Menschen , die sie bewundernd anstarrten und hörbar flüsterten : „ Welch eine schöne Braut ! “ Ganz gegen Brauch und Sitte , nur der Eingebung des überströmenden Herzens folgend , eilte ihr Johannes entgegen und überwältigt sank er vor der hehren Erscheinung auf die Knie . „ Mein Schwan , “ flüsterte er , „ jetzt hast Du Dein Gefieder entfaltet ! “ Ernestine neigte sich über ihn und er fühlte ihre Tränen auf sein Haupt fallen . „ Johannes , “ sagte sie leise , „ ich will Dir ’ s nur bekennen , ich habe Dich geliebt , seit Du mir vor nun bald dreizehn Jahren die Verheißung von dem Schwane brachtest , und habe es doch nicht begriffen , daß nur Du es warst , durch den sie sich erfüllen konnte ! “ „ So liebtest Du mich schon als Kind und hast mich doch so lange hingehalten und gequält ? O , Ernestine , welche Strafen gibt es denn für solch eine Sünde ? “ Ernestine sah ihn mit unbeschreiblicher Liebe an . „ Nur eine , mein Freund , aber sie ist hart genug : die Reue über die verlorene Zeit . “ „ Amen , meine Tochter ! “ sagte die Staatsrätin und küßte Ernestine auf die Stirn . Zögernd und schüchtern war die zweite liebliche Erscheinung Ernestinen gefolgt : Gretchen , mit glühenden Wangen und seligem Lächeln . Hilsborn ging ihr mit seinem Brautvater entgegen , Heim zog sie väterlich warm an seine Brust . Hinter ihr trat Angelika ein und die treue Willmers , welche die Bräute geschmückt hatten . Jetzt war Alles bereit . Johannes und die Staatsrätin holten aus einer Ecke des Zimmers eine gebeugte , rührende Gestalt hervor und führten sie Ernestinen zu . Es war der Brautvater , den sich Ernestine erkoren , der alte Leonhardt . „ Vater , “ sagte Ernestine leise und faßte mit der einen Hand die des Blinden , mit der andern die der Staatsrätin , „ Vater , Mutter im Geist und in der Wahrheit , ich danke Euch ! “ „ Ernestine , “ sagte Leonhardt , „ ich hatte in meinem Leben nur einen Tag , an dem ich so glücklich war wie heute . Es war mein eigener Hochzeitstag . Ich dachte immer , ein zweiter solcher könne gar nicht wiederkehren , nun aber habe ich ihn Dank Dir doch noch einmal erlebt . Gott segne Dich dafür . “ Er hatte auch , um das Maß des Glückes zu häufen , die Ernennung seines Sohnes zum Doktor erfahren . Walter hatte heimlich mit Ernestinens Apparaten und Büchern weiter studiert und ohne Wissen seines Vaters seine Dissertation geschrieben . Gestern nun konnte er ihm ein dickes Pergament in die Hand drücken und als er es fragend betastete , ihm zurufen : „ ’ S ist mein Doktor-Diplom ! “ so daß den alten Herrn vor Freude fast der Schlag getroffen hätte ! „ Nun macht aber endlich , daß es vorwärts geht , “ erscholl auf einmal die energische Stimme Moritz Kerns : „ Was seid Ihr für Liebhaber , daß Ihr Euch nicht besser tummelt ! Zeit zum Überlegen hattet Ihr vollauf , reuen wird ’ s Euch doch nicht mehr ? Also in Gottes Namen zur Kirche ! “ „ In Gottes Namen ! “ wiederholte Ernestine leise und ihre ganze Seele lag in dem Worte . — Ein Jahr später . „ Ja , wer hätte gedacht , daß die Ernestine sich noch so machen würde , “ sagte Schwager Moritz in gedämpftem Ton zu Angelika . Die Beiden schritten in augenscheinlicher Spannung und Erregtheit in Möllners Wohnstube auf und nieder , welche jetzt ganz so eingerichtet war wie Ernestinens ehemaliges Arbeitszimmer . Hinter den blauen Gardinen am Fenster standen Hilsborn und Gretchen . Ihnen war das Herz zu voll , um zu sprechen . Gretchen hatte die Hände gefaltet und schaute ängstlich betend empor , Hilsborn hielt sie in bangem Schweigen umfaßt . Auch Moritz blieb manchmal an der Tür stehen , die in das Nebengemach führte , und horchte , aber er wollte sich durchaus keine Besorgnis anmerken lassen und plauderte lustig weiter : „ Ja , wer hätte das gedacht ! Wie es der Johannes nur angefangen haben muß , den Querkopf zurecht zu setzen ? “ „ Ich sagte Dir ’