hingab , und wie die , trotz ihrer genußsüchtigen Ueppigkeit , vom Leben geschulten , in Geschäften versuchten Fremden , mit denen er verkehrte , sich seiner bemächtigten , weil sie ihn brauchen zu können glaubten . Denn Fremdherrschaft muß tyrannisch sein , und die Tyrannei kann der heimlichen Verbündeten nicht entrathen . Sie muß wissen , was in dem unterworfenen Lande und Volke geschieht , sie muß Einfluß haben , auch wo sie selber nicht hinzudringen vermag . Sie muß sich Diener schaffen und Dienste empfangen , ohne daß diejenigen , welche sie bedienen , sich dessen bewußt sind , und Graf Gerhard war auf solche Weise schnell , noch ehe er es ahnte , zu einem Werkzeuge in den Händen seiner französischen Umgangsgenossen geworden . Freilich hatte man von ihm niemals eine Leistung , gegen welche seine Ehrbegriffe sich sträuben konnten , gefordert , aber man hatte gelegentlich seine vermittelnde Sprachkenntniß bei Einführung in gewisse Kreise als Gefälligkeit in Anspruch genommen , manche Auskunft über Personen und Dinge beiläufig von ihm erfragt oder seine Begleitung bei irgend einer Reise als Freundschaftsdienst begehrt . Man hatte auch nicht daran gedacht , ihm diese Dienste oder diese Opfer an Zeit zu lohnen ; sein Ehrbegriff würde ihn bewogen haben , sich dessen unbedingt zu weigern . Aber er hatte kein Bedenken getragen , als seine standesmäßigen Ausgaben sich mit seinen Einnahmen nicht mehr bestreiten ließen , die freiwillig und in schicklichster , bequemster Weise angebotenen Darlehen von seinen Freunden anzunehmen , und die Größe dieser Darlehen hatte ihn nicht beunruhigt , denn die glücklichen Sieger hatten reiche Mittel zu ihrer Verfügung und waren des ängstlichen Rechnens mit ihren Freunden nicht gewohnt . Auch in der Unterredung , welche Graf Gerhard mit seinem Freunde eben , als Renatus bei ihm vorsprach , gehabt hatte , war nur ganz zufällig von der phantastischen und schwärmerischen Stimmung gesprochen worden , welche sich in der deutschen Jugend zu regen beginne , und Herr von Castigni , der , wie der Graf , einem alten Adelsgeschlechte angehörte , hatte dabei die Aeußerung hingeworfen , wie viel seiner Regierung daran gelegen sei , dieser unglücklichen Richtung entgegen zu arbeiten , wie sehr man den Anschluß des jungen Adels an das Gouvernement begünstige und welche Aussichten sich denjenigen jungen Männern eröffnen könnten , die sich geneigt zeigen würden , sich bei den verschiedenen kaiserlichen Gesandtschaften in Deutschland , wenn auch vorläufig nur als zeitweilige Attaché ' s , verwenden zu lassen . Als Renatus daher seinem Oheim auf dessen Frage die Antwort zu geben zögerte , nahm jener selbst das Wort . Du willst Deine Sporen verdienen , sagte er , und ich wiederhole Dir , mein Lieber , das ist gut und schön ! Aber wo willst Du den Kampfplatz suchen , wo den Tummelplatz für Deine Thaten finden ? Die Zeiten , in denen unsere Vorfahren sich unter dem großen Könige ihre Lorbeern erfochten , sind für immerdar vorüber ! Onkel ! rief Renatus mit abwehrendem Erstaunen . Der Graf zuckte die Schultern . Ich verstehe Dich , sagte er , und ich weiß , was dieser Ausruf sagen will ; aber ich sprach eben mit Herrn von Castigni davon . Es ist thöricht , sich gegen eine historische Thatsache auflehnen zu wollen , thöricht , seine Wünsche für Möglichkeiten anzusehen , und verbrecherisch , wenn reife Männer die Jugend in ihren müßigen ideologischen Träumen bestärken , statt sie zu kräftigem Mitwirken in den vorliegenden Lebensbedingungen anzuhalten . Und welcher müßigen Träume halten Sie mich schuldig , zu welcher Arbeit wollen Sie mich berufen ? fragte der junge Baron , durch die Aussprüche seines Oheims immer mehr betroffen . Ihr jungen Leute seid übel daran ! hob Jener , der bestimmten Antwort ausweichend , auf das Neue an . Man hat Eure Kindheit , Eure Jugend mit dem Gedanken der Vaterlandsliebe genährt und hat Euch als den würdigen Gegenstand einer solchen Liebe das Preußen des großen Friedrich , den von einem großen Könige gegen alle natürlichen Bedingungen zusammengebrachten und nur durch sein Genie , durch seine Herrscher- und Feldherrnkraft erhaltenen Staat , hingestellt . Aber die gewaltsame Schöpfung eines Genius ist jetzt durch den größeren Genius naturgemäß und eben so gewaltsam zerstört . Vor der Gewalt und Größe eines Napoleon konnte die junge Monarchie des alten Fritz , vor dem weltumfassenden Blicke , vor dem weltumgestaltenden Geiste und Willen dieses titanischen Kaisers kann die alte Weltordnung nicht bestehen , und wie unter den Stürmen des Frühlings die letzten Blätter an den alten Bäumen verstieben , damit Raum werde für die neue Schöpfung eines neuen Jahres , so müssen die bisherigen Staatsverhältnisse zu Grunde gehen , damit der riesige , durch alle Zeiten wiedergekehrte und endlich sich seiner Verwirklichung nahende Gedanke eines Weltreiches , einer Universal-Monarchie , wie Alexander und Cäsar und Karl der Große sie vorahnend gedacht haben , zur Wahrheit werde ! Sich mit Gefühlsüberspannung an das Untergehende anzuklammern , mag dem zukunftslosen Alter ziemen ; die Jugend hat sich dem Neuen , dem Werdenden anzuschließen , und wer Leben , wer Thatkraft in sich fühlt , wer sich eine Zukunft zu eröffnen hat , muß sich dienend dem siegenden Prinzipe unterordnen ! Der Graf hatte sich in Feuer gesprochen , wie dies kaltherzigen und gesinnungslosen Menschen leicht geschieht , die , wenn sie Andere überreden wollen , vor Allem sich selber überreden müssen , und also beständig einen doppelten Zweck zu erfüllen , einen doppelten Kraftaufwand zu machen haben . Er war weder geistreich noch tiefsinnig , aber er hatte Phantasie und Bildung genug , sich fremde Meinungen , sobald es ihm gefiel , anzueignen , und es waren die Gedanken des Gastes , der ihn eben erst verlassen hatte , es war die Anschauungsweise der französischen Gesellschaft , in welcher Graf Gerhard sich bewegte , die er seinem Neffen zur Beherzigung empfahl . Renatus bildete jedoch fast in allen Stücken den Gegensatz zu seinem Oheim , und ihn zu verwirren war nicht