da er ja mehrere Jahre älter war , in der Fremde lebte unter soviel gescheiten Leuten , und besonders da sie erfuhr , daß er manches lerne und studiere und so doch noch von der wenig empfohlenen Künstlerei abzukommen schien , hauptsächlich aber weil in ihm der gleiche Trieb , etwas zu werden , wie im verstorbenen Vater zu leben schien und sie selbst ja sich nur als eine Vermittlung zwischen diesen beiden Gliedern betrachtete , zuletzt aber auch einzig und allein , weil das Kind dessen bedürftig war und es forderte , so traf sie unverweilt Anstalten , dem Verlangen zu genügen . Die Ersparnisse wollten aber diesmal nicht viel sagen , und sie mußte , um die angegebenen Mittel aufzubringen , eine Summe auf ihr Haus aufnehmen und eintragen lassen . Dies war nun seit langen Jahren das erste Mal , daß an ihrem kleinen Besitztum eine eingreifende Veränderung vorgenommen wurde , und zwar nicht zu dessen Vermehrung ; zudem herrschte gerade eine Geldklemme , so daß die gute Frau viele Mühe und viele saure Gänge bei Geschäftsleuten und Unterhändlern aller Art zu bestehen hatte , bis endlich das Geld in ihrem Schreibtische lag und sie dazu noch die Darleiher , welche für ihren Nutzen hinlänglich gesorgt hatten , als große Wohltäter betrachten mußte . Nur war sie aber auch so müde und eingeschüchtert , daß sie nicht vermochte , sich etwa nach einem bequemen Wechselbrief umzusehen , sondern sie wickelte das Geld in vieles starkes Papier ein , umwand es mit vielen dicken Schnüren und wandte es seufzend und unter Tränen um und um , überall das heiße Siegelwachs aufträufelnd und höchst ungeschickt siegelnd und petschierend . Dann legte sie das schwere unbeholfene Paket in ihren Strickbeutel , nahm diesen auf den Arm und schlich damit auf Seitenwegen zur Post ; denn sie wünschte um alles in der Welt nicht , daß jemand sie sähe , und zwar aus dem Grunde , weil sie , befragt , wo sie mit dem Gelde hinwolle , durchaus um eine Antwort verlegen gewesen wäre . Sie reichte , den seidenen Ridikül verschämt und zitternd abstreifend , den Pack durch das Schiebefensterchen , der Postbeamte besah die Adresse und dann die Frau , gab ihr den Empfangschein , und sie machte sich davon , als ob sie soviel Geld jemandem genommen anstatt gegeben hätte . Der linke Arm , auf welchem sie das Geld getragen , war ganz steif und ermüdet , und so kehrte sie auch körperlich angegriffen in ihre Behausung zurück und war froh , als sie dort war . Nichtsdestominder fühlte sie einen gewissen mütterlichen Stolz , als sie durch , so viele selbstzufriedene und prahlende Männer und Weiber hindurchging , welche unfehlbar ihren Gang scharf getadelt hätten und selbst eher dafür , daß sie den Knieriemen tüchtig handhabten , sich am liebsten von ihren Kindern gleich einen Erziehergehalt ausbezahlen ließen , anstatt irgend etwas Ungewöhnliches für sie zu opfern oder zu wagen . Mit Heinrich , als er das Geld empfing , begab sich jetzt etwas sehr Natürliches und doch wieder sehr Sonderbares . Er hatte seiner Mutter gerade um soviel Geld geschrieben , als seine Schulden betrugen , aus Gewissenhaftigkeit und Bescheidenheit mitten im Leichtsinn , und erst als die Summe unterwegs war , fiel ihm ein , daß er ja , wenn die Schulden bezahlt seien , abermals auf dem gleichen Punkte stehe wie vorher . Er nahm sich also vor , diesmal weltklug zu sein und , wie er es schon öfter bei anderen ganz ehrbaren Leuten gesehen , seinen Gläubigern einstweilen die Hälfte ihrer Forderungen zu tilgen , mit der anderen Hälfte aber dann gut hauszuhalten und ganz gewiß mit festem Willen den Anfang zu einem selbständigen Leben zu machen . Die Gläubiger waren alles solche , welche den entschieden und verständig angebrachten Antrag gern angenommen hätten , und auch der zweite Vorsatz war bei dem erweiterten Gesichtskreis und guten Willen keine Unmöglichkeit ; vielmehr kam es nur auf frische Lust , gute Laune und einiges Glück an , das jeder Tag bringt , wenn der Mensch nur bereit ist , es zu haschen . Als aber die Gläubiger , die diesmal sich nicht aufsuchen ließen , erschienen und sich freuten , sich auch hier nicht getäuscht zu haben in der Ehrlichkeit der Jugend , da brachte es Heinrich nicht über sich , auch nur bei einem einzigen mit seinem Vorschlag herauszurücken ; er befriedigte vielmehr einen jeden bei Heller und Pfennig , ohne zu zögern und zu seufzen , und dem letzten , welcher weniger eilig war und sich nicht sehen ließ , brachte er sein Guthaben ängstlich ins Haus beim ärgsten Regenwetter . Jetzt hatte er noch einige Taler in der Hand , welche er , ohne einen Groschen weniger auszugeben , aufbrauchte und zu Ende gehen sah . Dies geschah auch in kurzer Zeit , und eines Morgens , als er aufstand , erinnerte er sich , daß er nicht einen Pfennig mehr im Vermögen hatte . Obgleich er dies vorausgewußt , so war er doch ganz verblüfft darüber und noch , mehr , als er nun klar fühlte , daß er unmöglich jetzt von neuem borgen könne ; denn teils wußte er nun bestimmt , daß er neue Schulden nicht mehr bezahlen könne , teils widerstrebte es ihm , nach Verlauf einiger Tage abermals bei denen anzuklopfen , die er soeben befriedigt hatte , kurz , auf einmal verließ ihn alle die Herrlichkeit , Weisheit und Gewandtheit , der Schleier fiel von der dürren Lage der Dinge , und er ergab sich ganz demütig und geduldig dem Gefühle der nackten Armut . Als der Mittag kam , ging er aus in alter Gewohnheit , verbarg sich aber vor allen Bekannten ; er kehrte wieder in seine Wohnung , und als der Abend kam , war er doch höchlich verwundert , nichts gegessen zu haben an diesem Tage . Als aber der nächste Tag ebenso verlief und es ihn anfing