Siegbert an die Thür begleitete , ist jetzt das Schicksal meines armen Egon ! Ich glaube Ihnen Beweise gegeben zu haben , daß ich die Menschen nur nach ihrem wahren Werthe schätze , aber auf Egon fällt mir noch ein reineres Licht als das der Freiheit von seinem Stande . Ich überschätze auch seinen menschlichen Werth nicht . Ich habe leider Ursache , ein gewisses Schwanken seines Charakters als eine gefährliche Klippe zu bezeichnen und kann wohl sagen , daß ich ihn mir ganz gewonnen habe nur durch den Schmerz ! Wenn wir uns näher stehen werden , Herr Wildungen , wenn Sie nicht ermüden , einen Mann meines geringen Berufes enger an sich zu ziehen , so werden Sie erfahren , welches das schmerzliche Band ist , das mich in dem fernen Frankreich an einen jungen vornehmen deutschen Herrn fesseln sollte ! Ich hätte ihn nie lieben können , wenn nicht ein schöner Enthusiasmus für das Große und Erhabene in ihm gelebt hätte und er war so weise , so gerecht , daß er suchte das Große und Erhabene auch im Niedrigen zu finden . Er vermißte Menschen , aber er fand sie . Er hat sie dann verloren und hat sie wieder gewonnen .. Es gab Tage , wo ich ihm mochte den Dolch in ' s Herz stoßen und es gab andere , wo ich mußte .. küssen - seine Hände ... Mag ihn der Himmel uns erhalten , mir und Ihnen ; denn ich hoffe viel von seinem Geiste auch für die gute Sache Ihres Volkes , für uns Alle . Die Thränen standen Louis Armand in den Augen , als er diese Worte halbgebrochen und nicht so zusammenhängend , wie wir sie wiedergaben , stammelte . Siegbert war selbst so ergriffen , daß er nichts zu antworten vermochte , sondern stumm und still von Louis Armand Abschied nahm . Schüchtern und bescheiden wie er gekommen war , verließ Louis Armand das Atelier . Siegbert sah ihm nach und kehrte langsam zu seiner Staffelei zurück . Er konnte nicht arbeiten ... Berg ' s Diener , der die Aufsicht über die Räumlichkeit hatte , kam , um sie zu schließen . Siegbert bat , ihm die Schlüssel dazulassen . Er würde noch eine Weile verharren und ihm dann das Schließeramt abnehmen ; er möchte gehen und seiner Mittagsruhe pflegen . Wie Siegbert allein war , entfaltete er sogleich das Blatt , um die französischen Verse zu lesen . Sie gestalteten sich ihm rascher , als er geglaubt hatte , zu einem deutschen Gedichte . Doch mußte er sich sagen , daß in diesen Versen ein gewisser für deutsche Verhältnisse fast zu greller , fast schneidend scharfer Hauch wehte ... Er konnte begreifen , daß man nur in Paris einer jungen Handwerkerin so eigenthümlich huldigen könne und doch gestand er sich , es wäre schon gut , wenn auch die deutschen Arbeiter und Arbeiterinnen auf dieser Höhe edlerer Empfänglichkeit und Charakterstärke sich hielten ... Er wußte jetzt , was ihn eigentlich an Louis Armand fesselte . Er selbst , doch ein Künstler von höherer , selbst gelehrter Bildung , nahm an diesem Handwerker Interesse , nicht weil ihm seine socialistische Theorie gefiel und er seine Träumereien von einer veränderten Gesellschaftsverfassung vollkommen billigen konnte ... ihn zog das düstere , ernste Wesen , die charakterfeste Persönlichkeit Armand ' s an und noch jedesmal , daß er mit ihm zusammentraf , nahm er einen neuen lebendigen Eindruck mit hinweg . So jetzt den , daß Armand auch dichtete ! Louis Armand brachte aber in seinem mit den Worten : Fille du peuple , pauvre mendiante ! anfangenden Ne pleurez pas ! überschriebenen Gedicht der Fränz Heunisch etwa folgende sonderbare , halb ironische , halb wehmüthige und für deutsche Handwerkerbildung völlig unpassende Huldigung : Weine nicht ! Des Volkes Tochter , arme Bettlerin ! Du bist nicht arm , was auch dein Elend spricht ! Der Unschuld Krone trägt dein schönes Haupt , Und wenn ein Reicher ihr Geschmeide raubt , Bist du nicht arm .. Was thut ' s ? Sei klug ! Nur weine nicht ! Des Volkes Tochter , arme Bettlerin ! Du bist nicht arm , was auch dein Elend spricht ! Ein Pfaffe ladet dich zum Beichtstuhl ein .. Geh hin ! Er küßt dich ! Im Marienschein Bist du nicht arm .. Sei klug und fromm ! Nur weine nicht ! Des Volkes Tochter , arme Bettlerin ! Du bist nicht arm , was auch dein Elend spricht ! Die Nachbarin läßt ihre Truhe auf .... Greif zu ! ... Zum Bagno geht dein Lebenslauf ; Und wenn zum Tod .... Was thut ' s ? Nur stolz ! Nur weine nicht ! Des Volkes Tochter , arme Bettlerin ! Du bebst zurück ? Du liebst die Tugend noch ? Sieh da ! Du kannst die Perlen fallen sehn Auf ' s Kleid der Braut , das deine Finger nähn ! Bist reich ! Bist reich ! - O Gott .... nun weinst .... nun weinst du doch ! So ungefähr dachte sich Siegbert die Übertragung dieses epigrammatisch endenden wilden Liedes und verfiel dabei auf den Gedanken , ob wol einer deutschen Nähterin ein solches Gedicht wirklich gefallen könnte , ob sie nicht vorziehen würde , sich denn doch in schmeichelhafteren Klängen besungen zu sehen und ob nicht die süße Phrase in Deutschland so regiere , daß sie selbst in den untersten Regionen das frische Gefühl und die wirklichen , nackten Thatsachen überpinselte ... Er nahm sich ernstlich vor , Armand zu warnen , mit einem solchen Gedichte bei uns die Gunst eines Mädchens aus dem Volke erobern zu wollen ! Unfähig zu arbeiten und doch noch in der Kühle des Ateliers die Stunde abwartend , wo er mit dem Bruder zusammenzutreffen gedachte , nahm er das Wasser , das in verschiedenen antikgeformten gebrannten Krügen , weniger für die Erquickung als die Reinigung der Maler dastand und begoß die Blumen , die hier und