hielt , denn er traute diesem nicht Zurückhaltung genug zu , um ein Geheimniß , das ihm vielleicht komisch dünken würde , ernsthaft zu verschweigen . Es ließ sich leicht bemerken , daß die Wittwe Don Fernandos ein zärtliches Andenken für ihn im Herzen bewahrte , trotz alles von ihm erduldeten Unrechts , und sie wußte es Evremont Dank , daß er Gefühle des Unwillens und der Verachtung , die sie ihm damals verrieth , als sie in Folge der kürzlich empfangenen Eindrücke noch ihr volles Leben in ihrer Seele hatten , die nun aber die Zeit abgeschwächt hatte , nicht weiter berührte - eine Schonung , die Evremont geübt haben würde , wenn ihn auch nicht die Zärtlichkeit , mit der sie den ihm ähnlichen Knaben liebkosete , hätte bemerken lassen , daß ihr das Andenken des Gemahls noch theuer war . Der Sohn des Generals schien die Sorgen des Vaters zu rechtfertigen , denn er verrieth in der That nicht so viel Geist und Feuer als sein ihm in allen Dingen überlegener Spielgeselle , und den sanften Charakter , der sich in dem Kinde aussprach , schien der Vater nicht gehörig zu würdigen . Es waren alle Gemüther noch zu sehr durch die neuesten Umwälzungen in Frankreich aufgereizt , als daß eine Gesellschaft lange hätte beisammen sein können , ohne daß sich das Gespräch auf die Ereignisse des Tages gerichtet hätte . Der Tod des Marschalls Ney war damals das allgemeine Gespräch . Mit Thränen in den Augen sprach der General von der Hinrichtung des von ihm bewunderten Helden , und alle Aeußerungen , die Evremont hier über diese traurige Begebenheit hörte , waren weit von jeder vernünftigen Mäßigung entfernt , und er selbst sprach , durch sein Gefühl und das Beispiel hingerissen , seinen Schmerz darüber ohne Rückhalt aus . Endlich brach er auf , nachdem er der Wittwe Don Fernandos das Versprechen hatte geben müssen , das Recht eines Verwandten zu benutzen und ihr Haus während seines Aufenthaltes in Paris täglich zu besuchen . Der General Clairmont war mit ihm gegangen und forderte ihn auf diesen Tag ganz mit ihm zu verleben , und Evremont war bereit , den Wunsch des alten Freundes seines Vaters zu erfüllen . Im Laufe des mannichfach wechselnden Gesprächs , das unter beiden Kriegsgefährten während des Tages Statt fand , bemerkte Evremont scherzend , der General sei so einheimisch im Hause der Baronin , daß die Hoffnung nicht ganz unbegründet erscheine , ihn noch dort als den Herrn des Hauses zu begrüßen . Nein Freund , das ist nichts , sagte der General . Trotz aller Liebe , die Don Fernandos Wittwe noch für den verstorbenen Gemahl äußert , scheint sie doch durch ihn die Ueberzeugung gewonnen zu haben , daß die Bande der Ehe keine Fesseln aus Rosen sind , und ich , betrachten Sie mich , mein Haupt ist kahl geworden und die übrig gebliebenen Haare beginnen schon stark zu ergrauen . Nein Freund , für mich ist es nicht mehr Zeit an Liebe und Ehe zu denken , für mich ist die Zeit der Freundschaft den liebenswürdigen Frauen gegenüber eingetreten , und diese Meinung scheint die Baronin auch zu hegen . Evremont mußte in der That bemerken , daß der General sehr alt geworden war , und daß die Beschwerden des Krieges diesen Zustand früher herbeigeführt hatten , als es die verlebten Jahre mit sich brachten . Und dennoch versicherte der General , daß er an dem heutigen Tage ungemein heiter und lebendig gewesen sei , weil ihn die Freude , einen so braven Kriegsgefährten und den Sohn seines alten Freundes wieder zu sehen , außerordentlich aufgeregt habe . Auch ihm mußte Evremont , als sie sich endlich trennten , das Versprechen geben , mit ihm während seines Aufenthaltes in Paris so oft als möglich zusammen zu sein . XV Der vergangene Tag hatte in Evremonts Seele vielfache Erinnerungen lebhaft aufgeregt . Der oft erwähnte Tod des Marschalls Ney hatte die Trauer über den Fall dieses Helden schmerzlich erneuert , und er beschloß in der Stille am frühen Morgen die Stelle zu besuchen , wo das bravste Herz , von Kugeln durchbohrt , aufgehört hatte zu schlagen . Er war deßhalb am andern Morgen sehr früh allein ausgegangen , um , von Niemandes Auge bemerkt , sein Herz zu befriedigen und im Geheim diese stille Todtenfeier zu begehen . Er hatte den Garten Luxemburg erreicht und näherte sich der Stelle , wo der Boden das Blut des Helden getrunken , dessen kühne Seele sich auch im letzten Augenblicke nicht verläugnet hatte . Als Evremont sich dem verhängnißvollen Platze näherte , bemerkte er , daß ihm Jemand in gleich liebevoller Erinnerung zuvorgekommen war . Er sah auf der Stelle , wo der Marschall gefallen war , einen Mann in abgetragener Uniform knieen ; eine Hand hatte das Gesicht bedeckt , und Evremont bemerkte , daß der linke Arm dem Krieger fehlte , der hier das Andenken seines Feldherrn verehrte . Er wollte sich zurückziehen , um den Knieenden nicht zu stören und zu überraschen . Das geringe Geräusch aber , das diese Bewegung verursachte , traf das Ohr des Knieenden , der Evremonts Annäherung nicht vernommen hatte . Die das Gesicht verdeckende Hand sank herab , ein mageres , sehr bleiches Gesicht erhob sich ; dunkel glühende , tief liegende Augen starrten Evremont an , der einen Schritt zurücksprang und dem das einzige Wort : Lamberti ! von den Lippen floh . Kommst Du endlich , Adolph , sagte der so Angeredete , ohne sich von den Knieen zu erheben , mit sanfter Stimme . Lange , fuhr er fort , habe ich diesen Augenblick erwartet und meine Seele darauf bereitet ; ich werde Dir nicht widerstreben , und wenn Du auch keinen Zeugen wider mich aufzustellen hast . Ich werde das Verbrechen nicht läugnen , und ich würde mein Leben auch auf dem Schaffot freudig von mir werfen , wenn es meiner armen Mutter verborgen bleiben könnte ,