Du handeln , wenn Du von mir gehst , aber nicht weiblich , und was ist eine solche Größe , auf Kosten des Herzens geübt ? Eine vereinzelte Tat , die Dich im gewaltigen Anlauf mit hinausreißt über die schützenden Grenzen Deines Geschlechts in eine Sphäre , in der Du Dich nicht behaupten kannst . Gib ihn auf , den falschen Stolz , der das Ruhmvolle immer in dem sucht , was wider die weibliche Natur ist , und erkenne , daß Du nichts Größeres tun kannst , als einen Menschen so zu beglücken , wie Du mich beglücken würdest , wärst Du , wie Gott Dich gewollt , ein liebendes , ein echtes Weib ! “ Er brach ab . „ Doch wiederhol ’ ich es , Du hast die Wahl ! “ „ Die Wahl , — bleibt mir da noch eine Wahl ? “ rief Ernestine mit strahlendem Blicke . „ Soll ich noch jetzt heucheln und ein Gefühl verbergen , dessen ich längst kaum mehr Meister ward ? Was ist Gelehrsamkeit und Ruhm , was der Glanz der Stellung , die Du mir geboten , gegen das Glück , das mich jetzt durchströmt ? Ich werfe sie hin mit all dem falschen Stolz — und wähle Dich , Johannes ! “ Sie sank an seine Brust . Er umschlang sie wie träumend , ihr keuscher Mund war ihm zugewandt . Er drückte seine Lippen auf die ihren , fester und fester , ohne Atem zu schöpfen , als wolle er mit einem einzigen Kuß auf sie überströmen alle Inbrunst , alles seit Monaten zurückgedämmte Verlangen seines Herzens . Sie zitterte wie die kaum erschlossene Blume im ersten Gewitterregen und dennoch war ihr so wohl wie damals , wo sie sich als ein mutiges Kind mit dem verwandten titanischen Geiste maß , der aus dem bewegten Elemente sie überdrang . Sie erkannte jetzt plötzlich , daß die Liebe keine Schwäche , sondern eine Kraft — und daß es göttlich sei , diese Kraft zu betätigen . Endlich hob sie den Kopf und sah ihm mit feuchtem Blick in die Augen : „ Johannes , Du großer , Du bester Mann , vergib , vergib all mein Irren und Fehlen ! Ach ; ich habe es ja längst bereut ! “ Johannes betrachtete sie in tiefer Rührung . „ Meine Ernestine , hast Du sie endlich erkannt die dritte Macht , von der ich Dir einst sprach ? “ „ Ja , ja , ich erkenne sie und ich beuge mich ihr ! “ Sie faltete verklärten Angesichts die Hände . „ O Geist der Liebe , zieh ein in mein Herz und lehre mich , dieses Mannes würdig zu sein . “ * * * Das war eine Doppelhochzeit , wie die Stadt N * * noch keine sah ! Möllner und Ernestine , Hilsborn und Gretchen wurden an einem Tage getraut . Die ganze Stadt hatte sich vor dem stillen Professorenhause versammelt , um die endlose Zahl der Gäste aussteigen zu sehen , welche die Brautpaare in die Kirche geleiten sollten . „ Das ist eine von den Brautjungfern , aber eine alte ! “ flüsterten die Leute , als Elsa mit ihrem Bruder ausstieg . „ Und das ist wieder eine , aber eine ganz kleine , “ hieß es . Ein hübscher junger Mann hob ein reizendes braunäugiges Kind aus dem Wagen . Es war gar schön weiß und rosa angetan und trug einen großen Strauß in der Hand . „ Ach , aber es hat nur einen Arm ! “ wisperte man wieder , als es mit seinem freundlichen Kavalier durch die Reihen der Neugierigen trippelte . Die beiden ungleichen Brautjungfern stiegen hintereinander die Treppen zwischen Blumengewinden und hohen Topfgewächsen hinan . Die Türen des großen Saales waren geöffnet und eine dichte Schar drängte sich darin hin und her . Die Vertreter sämtlicher Fakultäten , viele Patienten Hilsborns , eine Menge von angesehenen Familien der Stadt N * * waren schon im höchsten Staate versammelt . Man hatte sich zwar anfangs gar nicht von seinem Staunen erholen können , daß Möllner nun doch die Hartwich heirate , aber endlich mußte man sich wohl beruhigen , denn Möllner war am Ende immer ein Mann , der wußte , was er tat . Und wer noch gar zur Hochzeit geladen ward , der erklärte sich schon deshalb mit der Partie einverstanden ! Selbst Elsa war dadurch einigermaßen versöhnt , daß Möllner sie zur Brautjungfer auserkoren hatte . „ Es ist auch schön , Brautjungfer zu sein , “ hatte sie noch am Morgen zu ihrer Schwägerin gesagt . „ Es wird mir das Herz brechen , aber ich grolle nicht ! Ich werde dahin welken , wie die Blüte , die Zephyre vom Baume schüttelten , bevor sie zur Frucht reifen konnte . O nein , ich grolle nicht , ich teile das Los von Millionen meiner Schwestern . Die Blüte ist nicht zu beklagen , die in jungfräulicher Reine den sanften Tod der Unschuld stirbt ; der nur ist zu beklagen , der achtlos über sie hinwegschreitet , ohne die Süßigkeit der Frucht zu ahnen , die sie ihm hätte bringen können . “ Sie dachte nicht , daß der poetische Tod , von dem sie träumte , ihr noch lange nicht beschieden war , und daß sie einst in späten Jahren als stets gern gesehene „ Tante Elsa “ in Möllners Hause aus- und eingehen und einer kleinen aufmerksamen Schar anmutige Geschichten erzählen werde von den Elfen , Nixen und Heublümlein , mit denen sie in ihrer Jugend so sinnig verkehrte . — So hatte sie sich denn mit einem meergrünen Tarlatankleide und einem Kranz von Pfirsichblüten geschmückt . Um den schlanken Leib hatte sie eine endlose schmale Schärpe von weißem Atlas geschlungen . Es mochten wohl Viele reicher angetan sein , meinte sie , aber gewiß Niemand so sinnreich und poetisch . Ihr Bruder war jedoch in einer fürchterlichen Stimmung , als