Der soll wie von Sinnen geworden sein , hat sofort Enterbung verfügen wollen und was weiß ich ! Am Ende aber hat ihn Wolffert doch herumgekriegt oder vielmehr , wie man sagt , die schöne Schwiegertochter . Denn unser schneidiger Fortschrittsredner weiß in Allem genau zu rechnen und hat wohl eingesehn - hehe - , da ja doch nichts mehr daran zu ändern war , daß eine schöne Schwiegertochter ihm grade für seinen Salon paßt , wo er alle Kreise zu vereinigen strebt . So machte er denn gute Miene zum bösen Spiel und spielt jetzt sehr geschickt auf der Fortschrittssaite - hehe . Ohne Vorurtheile , verstehn Sie .. Tochter des Volkes , durch ihre Bravheit geadelt .. die Wolffert ' s brauchen nicht auf Geld zu sehn . hehe .. verachten alles Materielle , verstehn Sie .. der große Freiheitsheld steigt durch seinen Sohn zum Volke herab .. na , seine Popularität soll durch diese volksmäßige Heirath des Jungen enorm gestiegen sein .. utile cum dulci , hahaha ! « Dondershausen lachte laut und schmetternd . Krastinik gingen seltsame Gedanken durch den Kopf . Er dachte natürlich an Rother und seine ähnliche Absicht . Wie wunderbar das Leben die Kontraste combinirt ! - Warum sollte er sich übrigens diese Posse nicht mal mit ansehn ? Seine nervöse Unruhe und Verstimmung verschlimmerte sich nur durch Einsamkeit . Er mußte Gesellschaft suchen , sich zerstreuen . - Nach einigem Zögern sagte er Dondershausen zu , ihn begleiten zu wollen , und beide rollten im Droschken-Tempo die Potsdamerstraße entlang nach der Richtung des Botanischen Gartens . III. Der Jour Fixe des Commerzienraths Wolffert hatte wie gewöhnlich viele Freunde des Hauses angelockt . Auch Neugier , die junge Frau kennen zu lernen , zog an . Kaum angekommen , verloren sich Dondershausen und Krastinik im Gedränge und es gelang nicht , den Wirth aufzustöbern . Endlich zeigte der Oberst dem Grafen den Sohn des Hauses und Letzteren frappirte sichtlich die blasirte Miene des jungen Ehemanns . - Eugen hatte seinen Willen durchgesetzt , einen » elementaren Persönlichkeitsbeweis « abgelegt , wie der philosophische Oberst dies bezeichnete . Aber nun langweilte sich bereits der junge Weltbummler . Das eigentliche Fieber der Leidenschaft , das ihm einst die Eingeweihte verzehrt und die Seele verbrannt hatte , verkohlte . Eine gleichgültig gemütliche Zärtlichkeit trat an seine Stelle . Ihn reizte hauptsächlich noch der Gedanke , daß die vielbegehrte Schönheit von ihm schwanger sei . Dies Behagen an ihrer Schwangerschaft hatte etwas schmutzig Egoistisches . Eigentliche Liebe oder Leidenschaft fühlte er keineswegs mehr für das schöne Geschöpf , sondern vielmehr eine eitle Besitzfreude . » Ich habe sie , « das war der Grundgedanke seiner Neigung . Weit mehr , um dies Besitzrecht zu zeigen , als aus Begierde fröhnte er den Freuden der Liebe mit andauernder Regelmäßigkeit . Ganz vereinbar damit war es , daß er innerlich jeden Morgen murrte , weil er leidenschaftlos , einfach aus Gewohnheit und Eitelkeit , seine Säfte verschwendet hatte . So trägt jede erotische Leidenschaft ohne wahre Liebe ihre Geißel in sich selbst . Eine gewisse beiderseitige Kälte sänftigte wohlthuend die Gefühle - ihre Liebesaversion und seine erotischen Flammen . Sein Gehirn fing an , seine Sinnlichkeit zu absorbiren , und eine gewisse Nervenschwäche , die sich latent bemerkbar machte , trat hinzu . Eigentlich fühlte er sich wohl dabei , dem Druck des geschlechtlichen Alleingefühls entronnen zu sein . So löst sich die Empfindung in ewigem Kreislauf ab . Grämliche Verdrießlichkeit folgt meist der sinnlichen Anreizung , beseitigt aber dafür auch das Fieber des Verlangens und kühlt zu gelassener Arbeitsruhe ab . So kann unter Umständen auch das Laster mehr kalte Seelenruhe verleihen als die Tugend , die von Sehnsucht kaum trennbar . Andrerseits erhöht wieder die Keuschheit , sobald sie sich in ritterlicher und hochherziger Leidenschaft für ein bestimmtes Wesen ausdrückt , die Kräfte des Einzelindividuums über sich selbst hinaus . Ein platonisch Liebender , der als Endziel seiner Mühen ein Weib ersehnt , ist von unwiderstehlicher Stärke und wagt den Kampf mit dem Schicksal , indem er die persönliche sinnliche Selbstsucht gleichsam aus verfeinerter Selbstsucht niederzwingt . Hingegen werden Keuschheit und Gesundheit an Leib und Seele um so tiefere Schmerzen bereiten , wenn ihnen die Schwäche und Sinnenknechtschaft der meisten Andern nahegerückt wird . Wie kann ein sinnlich Denkender je die volle Pein einer unglücklichen Liebe empfinden ! Jedenfalls scheint Alles , Glück wie Unglück , Tugend wie Untugend , vollkommen gleichwertig für die Entwickelung des Individuums . Schlaffe und müde Genußentfähigung ist ein verdrießlicher Zustand , aber nicht minder die Sehnsucht nach irgend einem Genusse , der leichter oder schwerer errungen werden kann und dessen Erwartung nun die beschauliche Geistesstimmung des Normalzustandes stört . ... Krastinik warf einen prüfenden Kennerblick auf die Gesellschaft und bat den liebenswürdigen Ordensjäger , der nach allen Seiten , bücklingte , um aufklärende Bezeichnungen . » Wer ist dieser Herr dort , der so krampfhaft gestikulirt ? « Er wies auf einen Bonvivant mit geröthetem Faungesicht bei stark ergrautem Backenbart , welcher in heulenden Fisteltönen einer ewigen Extase Luft zu machen schien . » Wie ? Den kennen Sie nicht ? Daß ist ja der berühmte Kritiker Ludolf Lutsch . « » Ach Herrje ! Das jenügt ! « schnarrte Krastinik ironisch . » Freut mich den Mann zu sehn , der selig machen und verdammen kann ! « Natürlich schien die Finanzwelt stark vertreten . Auch jener hervorragende Makler war erschienen , welcher einst Kathi in einem so überschwänglichen Brief die Ehre der Maitressenschaft angeboten hatte . Mit einem gewissen Hochgefühl strich er seinen wallenden schwarzen Bart , indem er Kathi aus der Ferne gierig mit seinen Blicken verschlang . Sonst war sein Verhältniß zur Kunst kein intimes zu nennen gewesen und beschränkte sich auf Unterstützung des Ballets . Nun fiel ihm die Binde von den Augen und er erkannte sich als » Idealist « . Bisher schlummerte dieser Trieb im Verborgenen . Aber seit der Prozeß Graef ihn