habe ! - Sehr gut , sehr schön gesagt , rief der Graf mit einem leichten Anfluge von Spott , während er sich weit in das Sopha zurücklehnte - nur nicht sehr einsichtsvoll , mein lieber Freund ! Das soll mich jedoch durchaus nicht abhalten , es mit Dir besser zu meinen , als Du es verstehst ! Laß uns in ' s Klare kommen ! Von welchem Kampfe sprichst Du ? Renatus hob sein Auge zu seinem Oheim empor und wendete es eben so schnell wieder von ihm ab . Es lag etwas Unheimliches in dem beständigen Lächeln des Grafen und mehr noch in seinem scharfen und lauernden Blicke , der mit jenem Lächeln in grellem Widerspruche stand . Er war noch immer ein auffallend schöner Mann , aber der preußische Officier war in ihm nicht mehr zu erkennen . Sein glänzendes , blondes Haar war in einer großen Locke mitten auf der Stirn zusammengekräuselt , sein tief in die Wangen hineingehender Bart , seine hohe , weiße Halsbinde wie seine ganze Kleidung und Haltung waren nach französischem Vorbilde gemodelt , und wenn er nicht geradezu , wie er dies meistens that , Französisch sprach , so brauchte er selbst im Deutschen so viele Fremdwörter und schob so viele französische Sätze in das Deutsche hinein , daß man dieses Gebahren als ein absichtliches erkennen mußte . Er hatte , als nach dem Friedensschlusse von Tilsit sein Regiment aufgelöst worden war , wie Hunderte von anderen Officieren sich zu seinen Eltern auf das Land begeben , aber das Landleben war niemals nach seinem Geschmacke gewesen . Dazu war - man wußte in der Familie nicht , wodurch - des Grafen Verhältniß zu seiner Mutter seit Jahren schon getrübt . Von beiden Seiten gab sich eine fast krankhafte Empfindlichkeit gegen einander kund , und man hatte ihn also nicht davon abgehalten , als er nach kurzem Verweilen wieder nach der Hauptstadt zurückzukehren gewünscht hatte . Freilich hatte der alte Graf dem Sohne zu bedenken gegeben , daß er jetzt , bedrängt durch die allgemeine Noth und Drangsal , nicht mehr wie früher im Stande sei , dessen mannigfachen und großen Ansprüchen mit der alten Freigebigkeit zu begegnen ; das hatte jedoch den Grafen Gerhard wenig angefochten . Die Summe , welche man ihm für das erste Halbjahr zuwies , war nicht unbedeutend , und über den Tag , über das Verlangen und Gelüsten oder Bedürfen des Augenblickes dachte er nicht leicht hinaus . Aber das Berlin , in welches Graf Gerhard zurückkehrte , war nicht mehr die Stadt , die er vor dem unglücklichen Feldzuge des Jahres achtzehnhundert und sechs verlassen hatte . Seine Kameraden und Umgangsgenossen lebten fern und zerstreut . Die Einen warteten hoffenden Sinnes in Einsamkeit der Zeiten , welche sie wieder zu neuer Thätigkeit berufen würden ; die Ungeduldigen hatten sich nach Oesterreich , nach Spanien und nach Rußland gewandt , wo der Tag eines neuen Kampfes früher anzubrechen versprach , als in dem ganz zerstückelten und zertretenen Vaterlande . Das Herz jedes Ehrenmannes blutete in heimlicher Empörung , während der Wille der französischen Machthaber eine glänzende Geselligkeit in Berlin erzwang , deren Ueppigkeit die Leichtgesinnten und Genußsüchtigen verlockend mit sich fortriß , welche über die geistreiche Lebhaftigkeit der Sieger und über die feinen Formen französischer Gesellschaft und Sitte die bittere Noth des Vaterlandes und die Knechtschaft vergaßen , unter denen man lebte . Allerdings war es für denjenigen , der nicht die Möglichkeit besaß , sich fern von den Städten auf irgend einem , zufällig von Einquartierung verschonten Hofe oder Gute dem Verkehre mit den Unterdrückern zu entziehen , äußerst schwer , den Umgang mit ihnen zu vermeiden ; aber die Zahl derjenigen war leider nicht gering , die diesen Umgang in eigennütziger Absicht suchten , und die Fremdherrschaft fand ihren Vortheil darin , solche Ueberläufer bereitwillig in ihre Reihen aufzunehmen . Ein Edelmann von dem alten und schönen Namen der Grafen Berka , ein früherer preußischer Officier mit den persönlichen Vorzügen des Grafen Gerhard , der sich geneigt finden ließ , sich der damals in Berlin den Ton angebenden französischen Gesellschaft anzuschließen , durfte sich von ihr des zuvorkommendsten Empfanges sicher fühlen , und des schwermüthigen Ernstes von Herzen müde , der in dem Kreise seiner Familie geherrscht , seit das Unglück über das Vaterland hereingebrochen war , hatte Graf Gerhard sich bei seiner Rückkehr von Berka mit vollen Athemzügen in das ihn anmuthende Leben der Hauptstadt , in die Gesellschaft der Franzosen gestürzt , die , reich an Kriegsbeute , schnell und verschwenderisch zu genießen suchten , was zu genießen ein eben so schneller Tod auf irgend einem der Schlachtfelder , zu welchen der Kaiser sie führte , ihnen bald unmöglich machen konnte . Man hatte den Grafen überreden wollen , in französische Kriegsdienste zu treten , aber dessen hatte er sich geweigert ; denn es gibt herkömmliche Ehrbegriffe , von denen Männer wie der Graf sich nicht leicht freimachen , obschon jene Ehrbegriffe mit dem wahren Ehrgefühl , das in jedem Menschen nur die höchste Blüthe einer vollkommenen sittlichen Bildung ist , eben blos den äußeren Anschein gemeinsam haben . Weil Graf Gerhard es nicht nach seiner Neigung , weil er es nicht unterhaltend fand , in der Zurückgezogenheit zu leben , nannte er es unverständig , sich der herrschenden Gewalt ohnmächtig zu widersetzen . Weil Nachgiebigkeit ihm in diesem Falle bequemer dünkte , als Zurückhaltung , nannte er es gebotene Rücksicht , sich der Gesellschaft der Fremden anzuschließen , und er bezeichnete es als eine Ehrensache , sich standesmäßig in ihr zu behaupten . Es dünkte ihm eben so eine Ehrensache , vor den Emporkömmlingen , aus denen sie sich zum großen Theil zusammensetzte , die vornehme Leichtlebigkeit des alten Edelmannes darzuthun , und er hatte keine Ahnung davon , wie die frische und gewaltige Kraft dieser neu und wild entstandenen Gesellschaft ihn bemeisterte , wie er , dem Anspruche des Augenblickes gehorchend , mit seinen Vorurtheilen und Ueberzeugungen auch sich selber