ernsten Konflikte in lebendigen Fluß , und das scheinbar rein Wissenschaftliche und Farblose bekam durch das gesellschaftliche und moralische Verhalten der Leute bestimmte Färbung und Anwendung oder diente diesem zu sofortiger Erklärung . Erst war die gewohnte Art herrschend gewesen , bei hervortretendem Widerspruche sich unwiderruflich auf seiner Seite zu halten , die Ehre in der Hartnäckigkeit zu suchen , mit welcher man um jeden Preis eine Meinung behaupten zu müssen glaubt , und im allgemeinen bei allen Andersdenkenden einen bösen Willen oder Unfähigkeit und Unwissenheit vorauszusetzen . Heinrich aber , welchen nun die Dinge von Grund aus zu berühren anfingen und welcher sich mit warmer Liebe um das Geheimnis ehrlicher Weltwahrheit bekümmerte , wie sie im Menschen sich birgt , ihn bewegt oder verläßt , brachte mit unbefangener und durchdringender Kraft zur anfänglichen Verwunderung der anderen die Lebensart auf , Recht- oder Unrechthaben als ganz gleichgültige Dinge zu betrachten und erst ihre Quellen als einen beachtenswerten Gegenstand aufzunehmen , in der höflichen und artigen Voraussetzung , daß es alle gut meinen und alle fähig wären , das Gute einzusehen . Dabei war er , wenn er sich ins Unrechthaben hineingeredet hatte , selbst der erste , welcher darüber nachdachte und bei kühlerm Blute sich selbst preisgab , die Sache wieder aufnahm und seinen Irrtum auch nach den eifrigsten und härtesten ; Äußerungen eingestand und von neuem untersuchen half , jene falsche Höflichkeit verdrängend , welche mit dem kalten Aufsichberuhenlassen einer Sache einen um so größern heimlichen Hochmut und einen Dorn im Bewußtsein aller davonträgt . Diese Weise machte sich um so leichter geltend , als es sich bald bemerklich machte , daß nur diejenigen , welche einen wirklich bösen Willen oder eine gewisse Unfähigkeit besitzen mochten , mit jenem kalthöflichen Abbrechen sich zurückzuziehen beliebten und jeder also auch den Schein hievon vermeiden wollte . In solchen Fällen stellte es sich dann auf das liebenswürdigste heraus , daß durch diesen bloßen Schein die innerlich Widerstrebenden und Murrenden doch eine goldene Brücke fanden und unvermerkt auf die bessere Seite gezogen wurden und so einen Gewinn davontrugen , den sie früher nie gekannt in ihrem verstockten Wesen . Zugleich kam die löbliche Manier auf , alles im gleichen Flusse und mit gleicher Schwere oder Leichtigkeit zu behandeln und die anmaßliche Art zu unterdrücken , einzelne vorübergehende Entdeckungen , Einfälle und Bemerkungen feierlich zu betonen und steifschreierisch vorzutragen , als ob jeden Augenblick eine Perle gefunden wäre zu ungeheuerster Erbauung , welche Art derjenigen schlechter Skribenten gleicht , die alle Augenblicke ein Wort unterstreichen , einen neuen Absatz machen und ihre magere Schrift mit allen aufgehäuften interpunktorischen Mitteln überstreuen . Denn die gute schriftliche Rede soll so beschaffen sein , daß , wenn sie durch Zeit und Schicksale aller äußeren Unterscheidungszeichen beraubt und nur eine zusammengelaufene Schriftmasse bilden würde , sie dennoch nicht ein Jota an ihrem Inhalt und an ihrer Klarheit verlöre . Alle diese Lebensart gewann nun einen gewissermaßen veredelnden und rechtfertigenden Anstrich dadurch , daß von dem Verkehr mit Weibern keine Rede war , sondern zufällig eine Schar junger Leute zusammentraf , welche sich darin gefiel , in diesen Dingen unberührt zu heißen oder höchstens einer Neigung sich bewußt zu sein , welche heiliggehalten und unbesprochen sein wollte . Heinrich war sogleich seiner äußeren leiblichen Unschuld froh und vergaß gänzlich , daß er jemals nach schönen Gesichtern gesehen haue und daß es solche überhaupt in der Welt gab , die Fähigkeit des Menschen erfahrend , zu jeder Zeit neu werden zu können , wenn er die letzten zarten Schranken der Dinge nirgends überwältigt und durchbrochen hat . Er fühlte diese ganze Seite des Lebens wohltuend in sich ruhen und schlummern , und je früher und stärker seine Phantasie und seine Neigungen sonst wach gewesen waren , um so kühler und unbekümmerter lebte er jetzt und glich einen langen Zeitraum hindurch an wirklicher Reinheit der Gedanken dem jüngsten und sprödesten der Gesellen . Höchstens spielten die Frauen als Gegenstand der Betrachtung und Untersuchung in den Gesprächen eine zierliche Rolle , wobei sie denn freilich , da die Erfahrung der rüstigen Meinungskraft nicht gleichkam , meistens nicht zu gerecht beurteilt wurden . So war denn auch sogar dieser Umstand schon in jener Knabenzeit vorgezeichnet , wo die jungen Zecher und Prahler zugleich die Mädchenfeinde spielten . Sollte sich nun vollends jener Abschluß der Knabenzeit , die Ausstoßung aus der Schule , als eine solche Vorzeichnung erweisen und Heinrich in der Schule des Lebens unhaltbar werden , so waren seine Aussichten nicht die rosenfarbensten , und ein Gefühl dieser Art , abgesehen von dem neulich Erlebten , gab seinem Treiben eine dunkle Grundlage . Indessen war es ihm unmöglich , aus sich herauszugehen , und da er sich unterrichtete und zugleich deutsche Luft atmete , so war es erklärlich , daß er in seiner rhetorischen Welt ein Weiser und Gerechter , ein geachteter Tonangeber war , äußerst Weises und Gerechtes dachte und sprach , ohne im mindesten etwas Gerechtes wirklich zu tun , d.h. für Gegenwart und Zukunft tätlich einzustehen . Das Ende davon war , daß er sich nach Verlauf einer guten Zeit mit noch weit bedeutenderen Schulden überhäuft sah als das erste Mal , und diesmal war er es , welcher zuerst das Schweigen brach und , da er sich durchaus zu leben und etwas zu werden getraute , seiner Mutter in einem überzeugenden und hoffnungsvollen Briefe die Notwendigkeit dartat , noch einmal eine gründliche und umfangreichere Aushilfe zu veranstalten . Es war dies weniger eine unedle und selbstsüchtige Zumutung als das ehrliche Bestreben , ehe man die fremden Menschen beeinträchtige , mit allem , was einem angehört , und also auch mit dem Gute seiner Angehörigen einzustehen und von diesen zuerst zu verlangen , volles Vertrauen in das Dasein der Ihrigen zu setzen und mit denselben zu stehen oder zu fallen . Die Mutter erschrak heftig über seinen Brief ; statt desselben hatte sie den Sohn selber bald erwartet , und jetzt schien alles wieder in Frage gestellt . Jedoch