tönte es ihr aber nun wirklich in die Ohren und sie stieß einen Schrei aus und floh in unbeschreiblichem Schreien , sie lief fort — weit , immer weiter , das Zimmer dehnte sich zu einem unermeßlichen Raum , den sie durcheilen sollte , und doch kam sie nicht von der Stelle , wie sie auch lief und hastete , immer war und blieb sie auf demselben Fleck , bis sie sich stürzen fühlte , aber nicht tief — zwei Arme fingen sie auf — und jetzt kam Ruhe über sie — wunderbare Ruhe . „ Soll ich Wasser holen ? “ fragte Gretchen . „ O nein , gönnen Sie mir den einzigen Augenblick , “ sagte Johannes und schmiegte die leblose Gestalt fest an sich : „ Wer weiß , ob sie sich beim Erwachen nicht aus meinen Armen reißt . “ „ Sie hätten sie auch nicht so plötzlich anreden sollen , “ meinte Gretchen . Da schlug Ernestine die Augen auf . Ein langes , staunendes Anschauen und Besinnen , ein tiefes Atemschöpfen . Noch eine Sekunde und sie machte sich aus der Umarmung los , in der sie so selig geruht . „ Nun — habe ich sie gekannt ? “ flüsterte Johannes Gretchen zu . , ,Du hast mich so überrascht , Johannes , ich war schwach — ich muß mich vor dir schämen , “ sagte sie , mühsam nach Fassung ringend . „ Schämen müßtest Du Dich , wenn Du in diesem Augenblick das sein könntest , was Du stark nennst ! “ erwiderte Johannes . Er winkte Gretchen , es verstand ihn und ging hinaus . Johannes sah Ernestinen lange und innig in die Augen : „ Laß mich noch ein ernstes — letztes Wort mit dir sprechen , liebe Seele ! — Ich weiß , es ist eine andere Ernestine , die ich soeben in den Armen hielt , als die , welche mich vor fast einem halben Jahre verließ — das habe ich gefühlt an dem Pochen deines Herzens . Aber fürchte nichts — ich komme nicht , um Deine Hilflosigkeit zu meinem Vorteil auszubeuten , nicht um Dich zu einem Entschlusse zu bewegen , der , wie es jetzt um Dich steht , das entwertende Gepräge der Notwendigkeit trüge . Ich begreife Dich ganz . Du bist eine jener großen , wunderbar organisierten Naturen , die keinen Zwang von außen dulden , deren Handeln sich frei aus ihnen selbst entwickeln muß . Solche Wesen durch Gewalt zu beeinflussen , wäre ein so nutzloses Beginnen , wie wenn wir eine Rose dadurch zum Blühen bringen wollten , daß wir ihre Knospe aufbrächen ; wir würden sie nur zerpflücken , nicht entfalten . — Deshalb war ich bestrebt , Dir wiederzugeben , was Dir so notwendig ist , wie Luft und Licht : die Unabhängigkeit ! Du warfst mir einst Eigenmächtigkeit und Selbstsucht vor , Du sollst Dich überzeugen , daß Du mir hierin wenigstens Unrecht getan ! Es ist mir gelungen “ — er zog ein Papier aus der Brusttasche — „ Dir durch meinen Freund und Kollegen Brenter in Petersburg eine Stelle zu verschaffen und zwar als Lehrerin der Naturwissenschaften an der dortigen berühmten Bildungsanstalt für Erzieherinnen . Die Stelle ist in jeder Hinsicht eine glänzende und war bisher immer nur von Männern besetzt . Über Deine Zeit hast Du mit Ausnahme der wenigen Unterrichtsstunden vollständig zu verfügen , Deine Studien kannst Du im größten Umfang fortsetzen , meine Empfehlungen werden Dich in die wissenschaftlichen Kreise Petersburgs einführen . Dein Leben wird all den Anfordernden einsprechen , die Dein Ehrgeiz früher stellte . Du hast eine würdige Gelegenheit , Dein Brot selbst zu verdienen und Dir sogar früher oder später das zu erringen , was Dir als das höchste Ziel erschien : die Doktorwürde , denn die russischen Universitäten sind in dieser Hinsicht nicht so streng , wie die deutschen . Hier der Brief Brenters . Du siehst , ich habe Dich unabhängig von jeder , auch von meiner Hilfe gemacht . Ich habe Dir aber auch dadurch die Möglichkeit gegeben , mir ein Opfer zu bringen , und zwar ein großes ! Du läufst nun nicht mehr Gefahr , durch Annahme meiner Hand in den Verdacht zu kommen , es sei Dein Entschluß kein freier und Deine Liebe nur Furcht vor dem Elend . Wenn Du mich jetzt erwählst , so gibst Du eine glänzende Aussicht für mich hin . Ich werde Dich zu nichts überreden . Jetzt bist Du frei zu wählen : Willst Du von mir gehen , so sind Dir die Tore einer großen Zukunft erschlossen und die Pforten meines Herzens und meines bescheidenen Hauses stehen Dir offen , wenn Du die Meine werden willst , ich kann nichts weiter sagen als : wähle ! “ „ Das , das hast Du für mich getan ! “ sprach Enestine , an allen Gliedern zitternd . „ So hast Du mich verstanden und meinen Stolz geehrt ! — So zart und doch so entschlossen handeltest Du für mich ? O welches Wort , welche Tat wäre groß genug , Dir zu danken ? “ „ Wie Du mir danken sollst ? Ernestine , frage Dein eigenes Herz ! “ „ Ich will nicht nur auf mein Herz hören , ich will tun , was mich einer solchen Liebe am würdigsten macht . O , wozu soll , wozu darf ich mich denn nun entschließen ? “ „ Ich will es Dir sagen , wenn Du ’ s nicht weißt , zum letzten Male will ich es Dir sagen : Der wahre Stolz ist es , wenn Du einsiehst , daß Du mir nichts Kostbareres geben kannst , als Dich selbst , daß äußerer Reichtum und äußere Ehren nicht Deinen Wert zu erhöhen vermöchten . Die wahre Demut ist es , wenn Du aus der Hand des Mannes , der Dir sein Leben hingibt , auch das Geschick des Deinen fraglos empfangen wolltest . Groß magst