Loge , um selbst hinter Coulissen den Beglückten herauszuholen . Allein nach längerer Pause meldete er persönlich mit verlegenem Gesicht dem ungeduldigen Publikum , daß der Dichter sich bereits entfernt habe . Er danke also im Namen des genialen Verfassers für die herzliche Aufnahme . So war denn ein neuer großer Dichter aus der Taufe gehoben . Sämmtliche Theaterkritiker stürzten in wildem Pêle-Mêle zu ihren Droschken , um sofort auf der Nacht-Redaction die denkwürdige Thatsache für den Morgentisch Berlins zu serviren . Allen voran als der Findigste rasselte der Referent des » Börsencourier « in seiner vorher bestellten Droschke I. Güte , der einzige Gutmüthige nebenbei , der mit wirklichem Wohlwollen auf etwas Gelungenes hinwies . II. Ja , wo war Krastinik ? Auch er hatte sich in einen Wagen geworfen und saß nun einsam brütend vor seiner Lampe . Von Leonhard hatte er nichts gehört , da verabredetermaßen , um keinen Verdacht zu erregen , dieser sich ihm fernhielt . Gewiß war er mit im Theater gewesen . Der Glückliche ! - Wahrhaftig , der Graf hatte eine Ritterthat auf sich genommen , schwerer und bitterer als manches Martyrium . Sein Stolz litt unbeschreiblich . Hundertmal hätte er hinausstürzen mögen vor die Lampen , um dies vielköpfige Gemengsel von Seide , Patchouli und Pomade anzubrüllen : » Ihr Elenden , ihr Narren ! Daß Keiner von Euch ahnt , nur Einer könne das geschrieben haben , der unbekannte Gott , den Ihr nicht kennt ! Nicht der Graf , den Ihr so innig bejubelt , ist euer Idol , sondern der verlästerte niedergetretene Anti-Streber , den ihr beschimpft , ohne ihn zu kennen ! « Aber auch der alte Sauerteig der menschlichen Selbstsucht gährte mächtig auf - das eigene Dichterthum des tapferen Mannes , der sich hochherzig dazu überwunden , dem Größeren als Fußschemel zu dienen , fühlte tiefer und tiefer den Stachel verwundeter Eitelkeit . Man mochte ja seine selbstlose Absicht anerkennen , - - aber etwas vom Raben , dem man die Pfauenfedern nimmt , blieb gewiß an ihm haften . Ein Beigeschmack von Neid , den er mühsam unterdrückte , mischte sich der Anwandlung unwilliger Scham und Scheu vor dem Gespötte der Welt ..... Auch am andern Tage erwartete er Leonhart vergeblich . Er ließ sich verleugnen , als natürlich pflichtschuldige Satelliten des Erfolges ihm nacheinander ihre Aufwartung machten . Die eingebogenen Zeugen der Theilnahme häuften sich auf seiner Visitenkarten-Schale . Krastinik lächelte bitter . Noch bitterer , als er die Zeitungen las , welche ausnahmslos einen » Riesenerfolg « constatirten und den gräflichen Dichter in kühnem Schwunge mit Lord Byron verglichen . Warum kam nur Leonhart nicht ? Gegen Abend ließ es Krastinik keine Ruhe mehr . Er griff zu Hut und Stock und machte eine Abendpromenade . Da begegnete ihm der Oberst von Dondershausen , dem er umsonst zu entwischen suchte . Mit Elan stürzte der patriotische Sänger auf ihn zu und drückte ihn an die ordengeschmückte Heldenbrust . Er war nicht im Frack , trug aber gleichwohl seinen neusten Orden mit Eichenlaub spazieren . Er gehe nämlich zu einer zwanglosen Soirée bei Commerzienrath Wolffert . » Sie wissen , der große Waffenfabrikant . « » Und Fortschrittsredner . « » Ah , das ist so seine Marotte . Sonst ein hochpatriotischer Mann , wird bei Hofe eingeladen , Sie verstehn . Eine durch und durch vornehme Natur ! Kommen Sie mit , Verehrtester ! Wolffert wird sich unendlich freuen und die Ehre zu schätzen wissen . « » Ah , ich bedaure ... « » Nichts da , liebster Graf ! Glauben Sie mir , Der kann Ihnen nützlich werden . Man muß nie die Gelegenheit vorübergehen lassen .. « » Selbst wenn ich wollte , ich bin nicht in Toilette .. « » Braucht ' s nicht . Im Überrock ist befohlen . Ist nur eine ganz zwanglose Abendunterhaltung , nicht in Wolffert ' s Stadtwohnung in der Viktoriastraße , sondern in seiner Schöneberger Villa . Unter uns , hat seine eigene Bewandtniß . Heut führt sich zum ersten Mal die junge Frau Wolffert in die Gesellschaft ein . Eugen Wolffert junior , einziger Sohn und Erbe .. hm , hm , haben Sie nicht gehört ? « » Keine Spur . Mir eine terra incognita . « » Na also , der junge Mann leistete sich den Luxus einer etwas excentrischen Heirath . Die Geschichte ist erst vor kurzem ruchbar geworden . Hat sich ohne Wissen des Vaters in Hamburg mit einem Mädchen trauen lassen , das - das - hm , hm , Sie verstehn . « » Was , ein Akt aus Dumas ' Kameliendame ? « » Gott behüte , nein ! Ein sehr anständiges Mädchen , sehr , und wie man sagt , eine blendende Schönheit . « » Ein armes , tugendliches Bürgermädchen ? Ei , ei , wer hätte das von einem Wolffert gedacht ! « » Ja , ja , arm und tugendhaft . Nur .. nur .. ihre Vergangenheit ist ja sonst fleckenlos .. nur soll sie mal einen Monat lang bei einigen Malern in Berlin Kopf-Modell gestanden haben .. « » Modell gestanden ? « Krastinik horchte hochauf . » Das ist ja sehr interessant . « » Ja , wie gesagt , in allen Ehren . Die Herrn Maler , welche sie kannten , stellen ihr einstimmig das beste Zeugniß aus , auch mein hochverehrter Freund Adolf von Werther , den ich soeben besuchte . Ach , ist das ein Mann ! Diese schlichte , bescheidene , vornehme Erscheinung ! Sie kennen ihn doch ? « Krastinik nickte kurz , ohne zu antworten . Jener freche geschmeidige Streber mit der Handwerksburschen-Visage und der wallenden Rafaelsmähne ekelte ihn an . » Also in Hamburg hat Herr Wolffert junior sein Ideal gefunden ? « » Ja , ob dort gefunden , daraus wird man nicht klug . Jedenfalls hat er sie dort geheirathet und seinem Alten dann einfach die ergebenste Mittheilung gemacht .