sich gegenseitig so erziehen , streichen ihre grauen Schnurrbärte und lassen die Augen rollen , nicht aus Bosheit , sondern aus kindischer Eitelkeit . Sie sind eitel im Befehlen und im Gehorchen , eitel im Stolz und in der Demut ; sie lügen aus Eitelkeit und sagen die Wahrheit nicht um ihrer selbst willen , sondern weil sie ihnen für diesmal gut ansteht . Neid , Habsucht , Hartherzigkeit , Verleumdungssucht , Trägheit , alle diese Laster lassen sich bändigen oder einschläfern ; nur die Eitelkeit ist immer wach und verstrickt den Menschen unaufhörlich in tausend lügenhafte oder wenigstens unnötige Dinge , Brutalitäten und kleinere oder größere Gefahren , die alle zuletzt ein ganz anderes Wesen aus ihm machen , als er eigentlich zu sein wünscht . Das ist dann die Folge , eine krankhafte Abirrung von seinem Selbst statt der angestrebten Befestigung desselben . Das ist aber nur die gröbere Hälfte , die Schar der Armen im Geiste . Die feinere Hälfte , die Schar der Begabten und Gebildeten , irrt nicht von sich ab , die hat einen Zaubersegen , der heißt : Wir wissen es und wollen es sein , nämlich eitel ! » Die unschuldige Eitelkeit , sie ist die gutartige Verzierung des Daseins ! Das goldene Hausmittelchen der Menschlichkeit und das Gegengift für die grobe , bösartige Eitelkeit ! Die schöne Eitelkeit , als die zierliche Vervollkommnung und Ausrundung des eigenen Wesens , bringt alle Keimlein zum Blühen , die uns brauchbar und annehmlich machen für die Welt ; sie ist zugleich der feinste Richter und Regulator ihrer selbst und treibt uns an , das Gute und Wahre , das sonst verborgen bliebe , in edler Gestalt an den Tag zu bringen . Selbst Christus war ein bißchen eitel , denn er hielt Haar und Bart gelockt und ließ sich die Füße salben ! « So klingt dieses schöne Lied , und diese Eitelkeit ist erst der wahre Moloch , dessen gelindes Feuer Menschen und Kieselsteine frißt . Er bleibt stets er selbst , der Moloch , und fürchtet sich nicht und lächelt sein ehernes Lächeln , während sein heißhungriger Bauch glüht . An ihm versengen sich Freundschaft , Liebe , Freiheit und Vaterland und alle guten Dinge , und wenn er nichts mehr zu fressen hat , wird er ein kalter Ofen voll Asche . Während dieser eifrigen Predigt , die ich mir selber hielt , war ich weitergewandert , und da mir das Gedankenspinnen die kühle Zeit vertrieb , so setzte ich es fort . Ich prüfte nun mich selber und meine Manieren und untersuchte für den Fall , daß ich von dem Laster mäßig frei sein sollte oder je würde , die Stellung , in welcher man sich der eiteln Welt gegenüber befindet . Gewiß ist , dachte ich , daß die Eiteln die Sklaven der Freien sind , um deren Beifall sie buhlen ; aber Sklaven empören sich und werden grausam wie die Neger von St. Domingo . In beiden Fällen gilt es , durch sie hindurchzugehen und mit ihnen auszukommen , ohne Schaden an der Seele oder am Leibe zu nehmen . Aber warum soll man sich denn von ihnen unterscheiden , sich über sie erheben ? Um auf dieses Erhobensein selbst wieder eitel zu werden ? Hier befand ich mich in einer Sackgasse , und indem ich den Ausgang suchte , wurde die Grübelei von einem Windstoße unterbrochen , der einen Baum so gewaltig schüttelte , daß dieser seine aufgesammelten Wasser mir jählings auf Schultern und Rücken warf . Ich schüttelte mich ebenfalls und sah mich nach einer Zuflucht um , die aber nicht vorhanden und mir auch nicht gestattet war . Dennoch verlangte mich nach irgendeiner Erleichterung ; zuletzt fand ich dieselbe in dem Zwiehansschädel , der mehr seiner unbequemlichen Form als seines Gewichtes wegen mich zu drücken begann . Allein im Begriff , ihm seitwärts in einem Dickicht sachte niederzulegen , überkam mich plötzlich der Wunsch und das Bedürfnis , in meiner Zwangslage etwas Freiwilliges zu tun und mich dadurch , wenn auch nur eines Daumens hoch , über dieselbe emporzuheben . Also packte ich den asketischen Gegenstand wieder auf und setzte die mühselige Wanderschaft fort , die mich zum Überfluß noch auf allerlei verlorene und schwierige Pfade brachte . Neuntes Kapitel Das Grafenschloß So ging es bis zur Abenddämmerung , wo die Ermüdung , Frost und jegliche Schwäche so überhandnahmen , daß ein moralischer Zusammenbruch nur durch die ärgerliche Betrachtung verhindert wurde es könne ja keine Rede davon sein , etwa umzukommen oder unterzugehen , und das schlechte Abenteuer wäre also als bloße Vexation durchaus entbehrlich . Ich raffte mich nochmals zusammen und bekam wieder die Oberhand . Endlich trat ich aus den Forsten heraus und sah ein breites Tal vor mir , in welchem ein großes Herrengut zu liegen schien ; denn schöne Parkbäume zeigten sich anstatt des Waldes und umgaben eine Dächergruppe , und weiterhin lag zwischen Feldern und Weidegründen eine weitläufige Dorfschaft zerstreut . Zunächst vor mir sah ich eine kleine Kirche stehen , deren Türen geöffnet waren . Ich ging hinein , wo es schon ziemlich dunkel war und das Ewige Licht wie ein trübrötlicher Stern vor dem Altare schwebte . Die Kirche war offenbar sehr alt , die Fenster zum Teil noch aus gemalten Scheiben bestehend und Wand und Boden mit Grabsteinen und Mälern bedeckt . » Hier will ich die Nacht zubringen « , sagte ich zu mir selbst , » und mich im Schatten dieses Tempels ausruhen ! « Ich setzte mich in einen schrankartigen Beichtstuhl , in welchem ein dickes Kissen lag , und wollte eben das Vorhängelchen zuziehen , um augenblicklich einzuschlafen , als eine Hand das grüne Seidenfähnchen festhielt und der Küster , der mir in weichen Hausschuhen nachgegangen , vor mir stand und sagte : » Wollt Ihr etwa hier übernachten , guter Freund ? Ihr könnt nicht dableiben ! « » Warum nicht ? « sagte ich . » Weil ich sogleich die Kirche