. Zu Hause ist der Herr Graf , entgegnete die Frau , welche ihn eingelassen hatte , aber er hat einen Besuch , und der Kammerdiener ist fortgeschickt . Wenn Sie es wünschen , will ich Sie melden ; indeß ich hörte immer schon mit den Stühlen rücken und umhergehen - wenn Sie vielleicht verziehen wollten .... Er sagte , daß er nicht lange bleiben könne , daß er jedoch versuchen wolle , ob sein Onkel bis dahin für ihn frei sein werde , und nahm den Sessel an , den die Frau ihm an der Seite ihres Sopha ' s darbot . Renatus war schon oftmals durch dieses Zimmer gegangen , aber mit der Achtlosigkeit des im Reichthume geborenen und im eigenen Hause erwachsenen Mannes hatte er es nie eines Blickes gewürdigt , denn die verschwenderische Ausstattung desselben hatte für ihn keinen Reiz . Eben so wenig hatte er die Frau betrachtet , der er auch früher schon in diesem Gemache begegnet war , oder sie gefragt , welche Stelle sie in dem Haushalte seines Onkels ausfüllen möge . Heute , da er sich genöthigt fand , in ihrer Nähe zu verweilen , bemerkte er , daß sie offenbar den Fünfzigen nahe war , und sie mißfiel ihm , obwohl sie einmal eine hübsche Frau gewesen sein konnte . Sie trug jene großen goldenen Ringe in den Ohren , die ihrer Zeit durch die nachmalige Kaiserin Josephine in Aufnahme gebracht und nach ihr Creolen genannt worden waren . Ihre Taille war noch kürzer gegürtet , ihr Busen noch höher hinaufgeschnürt , als die Mode es mit sich brachte , und aus dem mädchenhaften Fanchontuche , das sie über den à la Titus frisirten Kopf geknüpft hatte , sahen die geschminkten Wangen und das runde Doppelkinn voll und coquet hervor . Dazu hatte sie die Finger reichlich mit Ringen besteckt , und sie mußte entweder auf diese Ringe oder auf ihre allerdings noch hübschen Hände großen Werth legen , denn sie war sehr bemüht , des Jünglings Aufmerksamkeit auf dieselben zu ziehen , indem sie die Hände leise gegen einander rieb und sich beklagte , daß es nach dem heißen Sommer und bei den warmen Tagen Abends doch schon so kalt sei und daß ihre Hände die rauhe Luft gar nicht vertragen könnten . Renatus ließ diese Bemerkung schweigend an sich vorübergehen ; damit war aber die Entschlossenheit der Redseligen , ihn in eine Unterhaltung zu verwickeln , nicht zurückgeschlagen , und beide Arme auf den Tisch legend , während sie sich weithin über dieselben nach vorn bog , so daß sie sich dem jungen Manne dadurch beträchtlich näher brachte , sagte sie mit leisem Kopfschütteln : Ich sehe recht , wie die Zeit vergeht ! Sie kennen mich gar nicht mehr , Herr Baron ! Sie haben ganz vergessen , daß Sie mich früher schon gesehen haben ! Sie wurde mit dieser Zudringlichkeit dem Jünglinge , dessen reiner Sinn vor allem Niedrigen zurückschreckte , nur noch widerwärtiger , und kurz abweisend sagte er , daß er sich wohl erinnere , wie sie auch sonst schon die Güte gehabt hätte , ihn einzulassen . In dem Augenblicke ward die Thüre des Nebenzimmers geöffnet , Graf Gerhard Berka trat mit einem Fremden , einem Franzosen , in das Vorzimmer hinaus ; sie schüttelten einander die Hände , nahmen eine Verabredung für den nächsten Tag , der Graf rief seinem Neffen , da er ihn gewahrte , einen freundlichen Guten Abend zu , machte scherzend die Bemerkung , daß man vom Wolfe nur zu sprechen brauche , damit er erscheine , was jedoch in diesem Falle ohne allen anzüglichen Vergleich gemeint sein solle , und stellte darauf dem Fremden , den er Baron und seinen lieben Castigni nannte , den jungen Freiherrn als den Neffen vor , dessen er so eben gegen ihn gedacht habe . Nach einer sehr verbindlichen Begrüßung empfahl sich Herr von Castigni dem Grafen wie Renatus , und mit einem Zeichen , daß sie dem Scheidenden das Geleit zu geben habe , sagte der Graf : Leuchten Sie , liebe Kriegsräthin ! Dann nahm er seinen Neffen unter den Arm und kehrte mit ihm in sein Zimmer zurück . Bist Du abergläubisch oder wundergläubig , mein Freund ? fragte er Renatus mit leichtem Tone , nachdem sie sich dort niedergelassen hatten . Renatus entgegnete , daß es darauf ankomme , was man unter abergläubisch und wundergläubig verstehe ; aber Jener ließ ihm zu keiner weiteren Erklärung Zeit , sondern sagte : Nun , Aberglaube oder Unglaube , was thut uns das ? Es ist gut , daß Du überhaupt wieder in Berlin , und sehr gut , daß Du eben jetzt zu mir gekommen bist ! Wir wollen das als eines der guten Zeichen ansehen , an die zu glauben immer Zuversicht und Muth gibt . Es war zwischen dem Baron und mir eben von Dir die Rede , als Du kamst . Von mir ? Und in wie fern , wenn ich dies fragen darf ? sagte der Neffe . Wärst Du geneigt , den preußischen Dienst zu verlassen ? erkundigte sich der Graf . Der junge Offizier verneinte es einfach und bestimmt . Aber es war , soviel ich davon weiß , nicht eben Dein Wille , der Dich bewog , die Uniform zu nehmen ! bedeutete Jener . Renatus wurde roth bis unter die Wurzel seines hellen Haares , und mit einem leichten Zusammenziehen seiner Augenbrauen , welches seine innere Selbstüberwindung kund gab , versetzte er : Ich würde allerdings das Leben eines unabhängigen Edelmannes , wie wir Arten ' s es von je geführt , überhaupt jedem Dienste vorgezogen haben ; da die Umstände mir dies nicht verstatteten , da mein Vater mich in die Armee eintreten lassen , und der König mir das Patent gegeben hat , scheint es mir Ehrensache , auch im Dienste zu bleiben , bis ich dieses mein Patent mit der That verdient und meinen Eid im Kampfe besiegelt