Kirchenglocken deuchten mir das Lieblichste und Anmutigste , was es nur auf Erden geben kann . Meine Eltern lebten in Frieden und Eintracht , ich hatte noch eine Schwester , welche meine Knabenfahrten mit mir machen mußte . Zu unserem Hause , das nur ein Erdgeschoß hatte , welches aber schneeweiß war und weithin in dem Grün leuchtete , gehörten Wiesen , Felder und Wäldchen . Der Vater ließ aber das durch Knechte verwalten , er selber trieb einen Handel mit Flachs und Linnen , der ihn auf vielfache Reisen führte . Ich wurde , da ich noch ein Kind war , zu dem Erben dieser Dinge bestimmt , sollte aber vorher auf einer Lehranstalt die notwendige Ausbildung bekommen . Der Vater hatte , als dessen Eltern , die ich nur wenig gekannt hatte , gestorben waren , keine Verwandten mehr . Meine Mutter , die der Vater von ferne her geholt hatte , hatte noch einen Bruder , der aber mit ihr , weil sie als von einem wohlhabenden Hause stammend eine Verbindung unter ihrem Stande , wie er sich ausdrückte , geschlossen hatte , zerfallen war , und durch nichts versöhnt werden konnte . Wir wußten nichts von ihm , man vermied es , seiner Erwähnung zu tun , und oft in einem ganzen Jahre wurde sein Name nicht genannt . Die Zustände meines Vaters aber blühten empor , und er war fast der Angesehenste in der Gegend . In dem Jahre , nach dessen Ende ich in die Lehranstalt abgehen sollte , trafen mehrere Unglücksfälle ein . Hagelschaden verwüstete die Felder , ein Teil des Gebäudes brannte ab , und als das alles wieder hergestellt und in das Geleise gebracht worden war , starb der Vater eines plötzlichen , unvorhergesehenen Todes . Ein lässiger Vormund , hinterlistige Handelsfreunde , welche zweifelhafte Forderungen stellten , und ein unglücklicher Prozeß , der daraus entsprang , brachten für die Mutter eine Lage herbei , in welcher sie mit Sorgen für unsere Zukunft zu kämpfen hatte . Sie war , da man endlich alles zur Ruhe gebracht hatte , auf das Notdürftigste beschränkt . Ich mußte im Herbste das geliebte Haus , das geliebte Tal und die geliebten Angehörigen verlassen . Mit ärmlicher Ausstattung ging ich an der Hand eines größeren Schülers zu Fuß den ziemlich weiten Weg in die Lehranstalt . Dort gehörte ich zu den Dürftigsten . Aber die Mutter sandte das , was sie senden konnte , so genau und zu rechter Zeit , daß ich nie viel , aber doch das zum Bestehen Nötige hatte . Es war an der Anstalt Sitte , daß die Knaben in den höheren Abteilungen denen in den niedreren außerordentlichen Unterricht erteilten und dafür ein Entgelt bekamen . Da ich einer der besten Schüler war , so wurden mir in meinem vierten Lehrjahre schon einige Knaben zum Unterrichten zugeteilt , und ich konnte der Mutter die Auslagen für mich erleichtern . Nach zwei Jahren erwarb ich mir bereits so viel , daß ich meinen ganzen Unterhalt selbst bestreiten konnte . Jede Jahresferien brachte ich bei der Mutter und Schwester in dem weißen Hause zu . Von dem Antreten des Hauses als Erbschaft war nun keine Rede mehr . Ich dachte , ich werde mir durch meine Kenntnisse eine Stellung verschaffen und das Haus und den Grundbesitz einmal als Notpfennig der Schwester überlassen . So war die Zeit heran gekommen , in welcher ich mich für einen Lebensberuf entscheiden mußte . Die damals übliche Vorbereitungsschule , die ich eben zurückgelegt hatte , führte nur zu einigen Lebensstellungen und machte zu andern eher untauglich als tauglich . Ich entschloß mich für den Staatsdienst , weil mir die andern Stufen , zu denen ich von meinen jetzigen Kenntnissen emporsteigen konnte , noch weniger zusagten . Meine Mutter konnte mir mit keinem Rate beistehen . Ich hatte mir ein kleines Sümmchen durch außerordentliche Sparsamkeit zusammengelegt . Mit diesem und tausend Segenswünschen der Mutter versehen und mit den Abschiedstränen der geliebten Schwester benetzt , begab ich mich auf die Reise in die Stadt . Zu Fuße wanderte ich durch unser Tal hinaus , und suchte durch allerlei Betrachtungen die Tränen zu ersticken , welche mir immer in die Augen steigen wollten . Als unsere Wäldergestalten hinter mir lagen , als die Herbstsonne schon auf ganz andere Felder schien , als ich durch meine Jugend hindurch gesehen hatte , wurde mein Gemüt nach und nach leichter , und ich durfte nicht mehr fürchten , daß mir jeder , der mir begegnete , ansehen könne , daß mir das Weinen so nahe sei . Die Entschlossenheit , welche mir eingegeben hatte , in die große Stadt zu gehen und dort mein Heil in dem Berufe eines Staatsdieners zu suchen , ließ mich immer fester und rascher meinen Weg verfolgen und tausend glänzende Schlösser in die Luft bauen . Als ich an jenem Rande angekommen war , wo unser höheres Land in großen Absätzen gegen den Strom hinabgeht und ganz andere Gestaltungen anfangen , sah ich noch einmal um , segnete das Mutterherz , das nun beinahe schon eine Tagereise weit hinter mir lag , streichelte gleichsam mit den Fingern die schönen , langwimperigen Augenlider der Schwester , die immer etwas blaß aussah , segnete unser weißes Haus mit dem roten Dache , segnete all die Felder und Wäldchen , die hinter mir lagen , und die ich durchwandelt hatte , und stieg , nun wirklich schwere Tränen in den Augen tragend , in den tiefen Weg hinunter , welcher damals , unter hohem Laubdache hingehend , einen der Pässe ausmachte , die das rauhere Oberland mit dem tiefen Stromlande verbinden . Ich konnte nun , nachdem ich drei Schritte gemacht hatte , die Gestaltungen meines Geburtslandes nicht mehr sehen , nur sein Rand war alles , was meine Augen erreichen konnten , und was mich noch lange begleiten würde . Ganz andere Bildungen lagen vor mir . Es war mir , ich müsse umkehren , um nur noch einmal