ruhigem Schlendergange das Atelier verlassen ... Die Worte : Wenn er von den Halben zu den Ganzen übergeht ! hallten in dem inzwischen leer gewordenen Atelier so nach , daß Siegbert vor ihrem Widerklange fast erschrak . Es lag in Leidenfrost ' s Betonung etwas , das ihn selber traf und doch verdroß ihn der Schein des Geheimnisses , der plötzlich die ihm so liebgewordene Gestalt des talentvollen , mit sich und der Welt fast zerfallenen jungen Künstlers umschleierte . Zum ersten male sprach in ihm eine Stimme : Folge diesen dunklen Wegen nicht ohne Vorsicht ! und dennoch stand er sinnend vor der Skizze , die Leidenfrost vom Nicodemus entworfen hatte . Das schleichende , ängstliche Aufsteigen des seines Irrthums sich bewußten Pharisäers zum Tempel der Wahrheit erschütterte ihn tief ... Er sah die ganze Zeit wieder , die ganze Schwere , die auf den Gemüthern lastet , den Widerspruch zwischen der bessern Überzeugung und der irdischen Rücksicht bei Hunderttausenden ... Nicodemus ! seufzte er . Es währte lange , bis er zu seiner eigenen Staffelei zurückkehrte . Elftes Capitel Zwei Besuche Siegbert war im Atelier allein , er wollte lange arbeiten und gegen drei Uhr zu Grüns gehen , wo er den Bruder zu finden gewiß zu sein glaubte . Das behagliche Gefühl , mit dem er den Augenblicken des traulichen Beisammenseins entgegen harrte , war ein wenig gestört worden . Das Gespräch war zu aufregend , zu beunruhigend für sein innerstes Gefühl gewesen . Er hatte einen so edlen , sittlichen Takt in allen Dingen ... Man hatte wieder von Melanie gesprochen und wußte doch , daß er sie liebte . Man hatte mit der Einladung zu der vornehmen Frau von Harder so laut geprahlt . Ja selbst daß Leidenfrost , der ihm seit kurzem erst sympathischer wurde , seine eigne Kunst so blindlings verwarf und dabei so streng , ja vielleicht eitel sein konnte , ihm vor den Augen einen Stoff , den er eben behandelte , anders zu gestalten , als er ihn sich gedacht hatte , das Alles war doch für sein weiches , offnes Herz eine nagende Pein ... Als er Leidenfrost ' s Skizze betrachtete und ihre Schönheit wiederholt anerkennen mußte , ging er noch weiter und hatte sich gesagt : Wie , wenn der strenge Freund dich nur erziehen , zum Tieferen und Anschauungsreicheren zwingen wollte ? Machst du dir dein Schaffen nicht zu leicht ? Denkst du genug über Das , was zu existiren würdig ist , nach und stehst du ganz auf der titanischen Höhe der Bildung , mit der man jetzt die großen Meister schaffen sieht ? Tiefe Bekümmerniß , ja Muthlosigkeit hatte ihn überfallen , als er dieser Gedankenreihe weiter nachdachte . Es war ihm vorgekommen , als hätte er alle Theile der Kunst in seiner Hand und zu den mechanischen Fertigkeiten fehlte ihm doch noch das geistige , sie zusammenhaltende Band . In tiefster Verstimmung hatte er auf seine Skizze zurückgeblickt und siehe da ! .. plötzlich wußte er nicht , wie sie ihn doch wieder so ermuthigend , so neubelebend ansprach ... Es war der Geist der Ruhe , der in ihr waltete , eine Ruhe , die in Leidenfrost ' s Andeutungen fehlte . Jene regten auf , seine Zeichnung füllte ihn mit lindem Trost , erquickte ihn ! Die Gestalt des Heilands , die dort fehlte , übte gerade hier den Zauber der Erhebung und der wunderbarsten Stärkung . Auf ' s neue tauchte er den Pinsel in die zarten Aquarellfarben und begann mit jener eigenen gebundenen Wärme , aus der allein der Künstler und Dichter Andre Erwärmendes schaffen kann , sein bescheidenes , einfaches und sinniges Werk weiter fortzuführen . So in Gedanken , so in stilles , heiliges Schaffen war er verloren , daß er kaum aufsehen mochte , als er Jemanden an die Thür klopfen , dann eintreten hörte . Mit zaghaften , knarrenden Tritten nahte sich ein Besuch . Es war jener Franzose , den wir im Vorzimmer des Prinzen Egon gesehen hatten , Louis Armand , der Kunsttischler und Vergolder . Siegbert erschrak über Armand ' s verstörte Miene . Es war die ihm schon gewohnte und liebgewordene Erscheinung ; aber auffallend war ihm schon die äußere elegante Kleidung . Der schwarze Anzug ließ die blassen Mienen des scharfgeschnittenen Antlitzes nur noch mehr hervortreten und stand in einem sonderbaren Widerspruche zu dem lose um den Hals geschlungenen , fast vernachlässigten Tuche , dessen aufgezogene Zipfel über die Brust herabfielen , ohne daß es Armand zu bemerken schien . Tiefer Ernst lag auf seiner Stirn , Schreck in seinen verstörten , dunkeln Augen ... In Hast und Ängstlichkeit , mit der Absicht , sich keine Minute zu lang aufzuhalten , trat Armand auf die Staffeleien zu . O c ' est heureux ! sagte er und fuhr dann in langsamer Betonung , aber in gutem gewandtem , sonderbarerweise etwas polnisch accentuirtem Deutsch fort : Ich fürchtete , Sie nicht mehr zu treffen , Herr Wildungen ! Mein bester Armand ! sagte Siegbert sich umwendend . Was bringen Sie .. Sie scheinen erregt .... Was ist Ihnen ? Ich bin sehr unglücklich .. In der That ! Wie sehen Sie aus ! Setzen Sie sich , lieber Armand ! Reden Sie ! Wie ich gestern Sie verließ , erzählte Armand , fand ich den Prinzen zwar zurück von seiner Reise , aber so krank , daß ich die ganze Nacht bei ihm gewacht habe . Die Ärzte erklären seinen Zustand für den Anfang eines heftigen Nervenfiebers . Siegbert hätte an dieser Mittheilung Theil genommen , auch wenn ihm Egon seiner sonderbaren Beziehung zu einem einfachen Tischler wegen nicht liebgeworden wäre . Wie kam Das so plötzlich ? fragte er voll Theilnahme . Ein Nervenfieber ! Ein Nervenfieber ist fast so viel wie der Tod . O machen Sie sich keine trübe Vorstellung , Armand ! Wie kam Das nur ? Der Prinz hat auf seiner Reise viel erlebt , sagte