ihr dies auf den Tisch . Es ist mir endlich gelungen , noch ein Exemplar von der vergriffenen Ausgabe der Märchen Andersens zu bekommen , die ich ihr einst geschenkt und die sie verbrannte . Es wird sie in freundlicher Weise auf meinen Anblick vorbereiten . “ „ Gut , gut ! “ Gretchen eilte mit dem Buche hinaus und legte es in Ernestinens Arbeitskorb . Doch sie erschrak , als sie die Erwartete eintreten sah . Die schöne Gestalt bebte , die großen Augen flammten und dunkle Schatten lagen auf dem bleichen Gesicht . „ Was ist Dir , Ernestine ? “ fragte Gretchen . Ernestine warf Hut und Mantel ab , rang die Hände und schritt im Zimmer auf und nieder . „ Auch das hin , auch das ! “ „ Was denn , Ernestine , was ? “ „ Der Pfarrer hat mir die Abschrift seiner Predigten entzogen , — weil ich mir seine Fehler zu korrigieren erlaubt . “ „ Ach , ist es nur das ? “ rief Gretchen sehr erleichtert . „ Nur das ? “ sagte Ernestine bitter . „ So fragst Du , gutes Geschöpf , weil Du kein Unglück darin siehst , mich von nun an wieder ganz allein ernähren zu müssen mit Deinem unermüdlichen Fleiße . Du kannst wohl sagen : „ Nur das ? Ernestine bildete sich ein , die Erste und der Stolz ihres Geschlechtes sein zu können — jetzt ist sie nur eine Bettlerin , nur der Gnade guter Menschen anheimgegeben , nur brauchbar , die Dienste einer Magd zu tun , und diese nur sehr schlecht ! Was kommt denn darauf an , wenn ein Mensch nur den Glauben an sich , nur die Würde vor sich selbst verliert ? O nur das ! “ Gretchen streichelte ihr die Wangen . Es lächelte — wie konnte es lächeln in diesem Augenblick ? „ Ach , Ernestine , warum mußtest Du den guten Möllner abweisen , als er das erste Mal um Dich warb ! Ich begreife es nicht , wie man solch einen Mann nicht auf den ersten Blick lieben kann . Wenn Du nur nicht einmal zu spät erkennst , was Du verscherzt . “ „ Gretchen , “ sagte Ernestine und sah sie mit einem großen Blick an : „ Was ich verscherzte , ich weiß es längst ! Der Hochmut hat sich längst gerächt , mit dem ich ihn von mir wies , weil ich ihm nicht mein männlich ’ Streben opfern wollte . — Sieh , Gretchen , wir träumen oft — wir flögen , eine innere Schwungkraft trüge uns so hoch , daß uns schwindelt und unsägliche Angst uns befällt , wir würden der Erde entrückt und gingen verloren im Leeren . Aber jene geheimnisvolle Kraft ist stärker als wir und reißt uns höher und höher . Immer schweigender dehnt sich um uns der unendliche Raum , immer mehr ver ­ wirrt uns der Schwindel . Da endlich verlieren wir das Gleichgewicht , wir stürzen jählings hinab und erwachen . — Gretchen , ein solcher Traum war das Symbol meines Lebens . So hatte mich mein Ehrgeiz auf eine Höhe geführt , aus der ich mich nicht zurückfand , in der ich mich nicht erhalten konnte — und so stürzte ich herab , als ich das Gleichgewicht verlor . Aber statt des Abgrundes empfingen mich weiche Arme , und sicher geborgen erwachte ich zu einer trauten Wirklichkeit . Doch in der ersten Verwirrung hielt ich die Arme , die mich tragen wollten , für Fesseln , ich stieß sie von mir und nun lieg ’ ich gebrochen , verzweifelnd am Boden ! “ Sie warf den Kopf mit verhülltem Gesicht auf den Tisch . Gretchen holte leise das Buch aus dem Korb , in den sie es gelegt . Es fand ein Zeichen darin und begriff sogleich , daß Johannes etwas damit bezweckt haben mußte . Es schlug die bezeichnete Seite auf und legte es schweigend vor Ernestine hin . Diese hob endlich den Kopf , ihre Augen fielen zerstreut darauf , sie schaute und schaute , als könne sie nicht fassen , was sie sah . Sie griff sich nach der Stirn , träumte sie denn ? Das war ja ihr altes ge ­ liebtes Buch — das war der Schwan , den sie verbrannt . „ Allmächtiger Gott , “ schrie sie zwischen Lachen und Weinen : „ Stehen denn die Toten wieder auf ? Mein Schwan ! — Wer brachte mir das ? O — ihr Träume meiner Kindheit — wer bringt euch mir wieder ? “ Sie sank auf die Knie nieder und legte das tränenfeuchte Antlitz auf das Buch . — Es ward Nacht um sie her . Vor ihr auf dem Tische brannte die Lampe und unweit lag ihr Vater im Bette und schlummerte röchelnd . Sie las das Märchen vom häßlichen Entlein und über ihrem Haupte rauschten leise die Schwanessittige , in ihren Locken zitterten noch die Blättchen der Eiche , von der sie der Jüngling herabgeholt aus Todesgefahr , der schöne , der wonnige Jüngling ! Und dann erwachte der Vater und schickte sie zum Oheim hinauf . Das Fernglas war eingestellt , und sie blickte hindurch , schmachtend nach einem Frie ­ den , dessen Seligkeit sie ahnte , ohne ihn gewinnen zu können , von einer Sehnsucht voll , die sie hinauftragen wollte zu den fernen Welten , die da oben so still durch die Unendlichkeit gleiten . Jetzt wußte sie , was sie so heiß im All suchte , — es war die Liebe ! Aber da oben war sie nicht , wo war sie ? Da stand sie plötzlich auf dem Hügel in ihrem Garten , und die treue Seejungfrau schwebte in Gestalt einer Abendwolke an ihr vorüber , und eine tiefe weiche Stimme sagte : „ Armer Schwan ! “ Da , ja , da war es , was sie suchte ! „ Armer Schwan ! “