mich schießend . Sie hatte mir gesagt , ich müsse mir von ihrem Vater helfen lassen , denn ihr Vater sei reich ; und ich hatte ihr geantwortet , gerade deshalb werde ich mir nicht von ihm helfen lassen . Lag denn die Sache jetzt nicht gerade so ? Wollte ich denn etwas von ihm ? War ich nicht vielmehr gekommen , dem reichen Manne einen Rath zu geben , an welchem es ihm selbst zu gebrechen schien ? einen Rath , der , wenn er ihn befolgte , ihn reicher machen mußte , als er je gewesen war ? Nein , ich kam nicht als Bittender in dieses Haus ! Ich konnte mein Haupt stolz erheben , wie es dem freien Manne zukommt ; und wenn es eine Ironie auf meine niedrige Stellung sein sollte , daß man mich hier in dies Prunkgemach gewiesen , so brauchte ich ja nur vornehm im Herzen zu fühlen und die kleine Differenz war vollständig ausgeglichen ! » Wenn es Ihnen jetzt gefällig wäre ; « sagte Wilhelm Kluckhuhn , in der Thür erscheinend . Ich hatte die Absicht gehabt , meinen besten Anzug , welcher nebst der nöthigen Wäsche und einigen Manuscripten und Zeichnungen den ganzen Inhalt des Koffers bildete , anzulegen , um mich der Gesellschaft unten würdig zu präsentiren ; die radicale Stimmung aber , in welche ich mich glücklich hineingeredet , ertrug dergleichen kleinliche Rücksichten nicht , und ich erfüllte nur ein Herzensbedürfniß , indem ich so , wie ich ging und stand , meinem Führer die breite , wohlerleuchtete Treppe hinab auf den unteren Flur bis vor eine Thür folgte , welche er mir dienstwillig öffnete , und durch welche ich ohne eine Spur von Herzklopfen in einen sehr großen , reich möblirten , durch Lampen , die auf verschiedenen Tischen standen , wohl erhellten Salon trat . An einem dieser Tische , ganz im Hintergrunde des Zimmers , saß die Gesellschaft , welche aus dem Commerzienrath , seinem Schwager , dem Steuerrath , dessen Gemahlin und dem Fräulein Duff bestand . Der Commerzienrath kam mir mit weit ausgestreckter Hand entgegen , schon von ferne mit seiner lauten Stimme rufend , daß er sich unendlich freue , seinen lieben jungen Freund bei sich zu sehen . » Ich habe Sie freilich schon lange bei mir gehabt , « fuhr er fort , nachdem er meine Hand ergriffen hatte ; » ein halbes Jahr schon , und ohne es zu wissen ; es ist schändlich ! aber diese Mädchen nehmen ja keine Vernunft an ! Da machen sie um nichts und wieder nichts ein Geheimniß aus Dingen , die zu erfahren man es sich unter Brüdern seine tausend Thaler kosten lassen würde . « Diese Versicherungen wurden mit so viel Eifer gegeben , daß , wenn ich je daran gezweifelt , ob der Commerzienrath von meiner Anwesenheit in seiner Fabrik unterrichtet gewesen sei , diese Zweifel jetzt vollständig beseitigt waren . Er hatte es gewußt , aber er hatte kein Interesse daran gehabt , es zu wissen , als bis ich ihm von wirklichem erheblichen Nutzen sein konnte . Vielleicht war es diese Beobachtung , welche mich die Freundschaftsversicherungen des reichen Mannes so kaltblütig entgegennehmen ließ ; aber ich mußte lächeln und das Herz ging mir auf , und meine beiden Hände streckten sich unwillkürlich aus , als jetzt das gute Fräulein Duff den Theekessel , an welchem sie beschäftigt gewesen war , stehen ließ , und mit einem schüchternen Lächeln auf den schmalen Lippen und mit einem wehmüthig schmachtenden Aufschlage der blassen Augen auf mich zuschwebte . Sie hatte ihre rechte Hand erhoben , so , daß die Fingerspitzen nach unten fielen , ungefähr in der Weise , wie eine Königin auf der Bühne andeutet , daß sie einen Handkuß des betreffenden Vasallen wünsche oder erwarte . Aber die gute Dame dachte gewiß an dergleichen nicht , es war nur ihre Art , Jemandem die Hand zu reichen , und so nahm ich denn diese dünne , blasse Hand und drückte sie herzlich , wenn auch vorsichtig . Die sensitive Natur des guten Fräuleins hatte sofort herausgefühlt , wie ehrlich ich es mit diesem Händedruck meinte . Sie erwiederte denselben mit nervöser Heftigkeit ; ihre blassen Augen füllten sich mit Thränen , und sie flüsterte zu mir empor : » Grämen Sie sich nicht ! und zürnen Sie ihr nicht ! es ist nicht Haß , es ist jungfräuliche Schüchternheit - verzweifeln Sie nicht - harren Sie aus - suche treu - « Fräulein Duff hatte nicht Zeit , ihre Lieblingsphrase zu beenden , denn der Commerzienrath wandte sich wieder zu mir und zog mich nach dem Tisch , an welchem der Steuerrath und seine Gattin , seitdem ich das Zimmer betreten , kerzengerade , ohne sich von der Stelle zu rühren , gestanden hatten , wie ein paar Gestalten in einem Wachsfigurencabinet . » Sie glauben nicht , wie sich mein Schwager und meine Schwägerin freuen , Sie wieder zu sehen , « rief der Commerzienrath , dem die Schadenfreude aus den kleinen glitzernden Augen sah . » Unendlich erfreut , « sagte der Steuerrath , mir zwei Finger seiner langen weißen Hand entgegenstreckend , die ich nicht nahm . » Unsäglich erfreut , « sagte die Steuerräthin , mit einem starren Blick auf die Lampe vor ihr . Ich freute mich weder unendlich noch unsäglich und sagte daher weder das eine , noch das andere ; dafür betrachtete ich mir desto genauer das liebenswürdige Paar , an welchem die Zeit keineswegs spurlos vorüber gegangen war . Die immer etwas hohe Stirn des Steuerraths war bis zum Scheitel hinauf kahl geworden ; in sein langes , glattes , aristokratisches Gesicht hatten sich tiefe Furchen gegraben . Die Augen erschienen mir kleiner und ausdrucksloser , und der Mund größer . Noch schlimmer hatten die ungalanten Jahre der geborenen Kippenreiter mitgespielt . Ihr Haar war allerdings dichter und glänzender als früher ; aber der schnöde Verdacht , daß sie