des Gefolterten . Er kam sich vor , als stünde er vor einem Käfig , in dem die ruhige Gefaßtheit eines Wärters den Fuß auf einen Panther setzt , den er abrichtete . Kam ihm der Gedanke , daß es Frevel wäre , wenn Menschen so an Menschen ihre innersten Seelenzustände durchwühlen ? Oder erschien es ihm groß , um eines Gedankens willen , schon wenn dieser Gedanke ein Irrthum wäre , wie der Gedanke des Dalai-Lama oder der Sonnenanbetung , wie viel mehr dem des Dreieinigen Gottes , das Geheimste der menschlichen Ichwelt zu opfern ? Doch wich er , wie er das gelernt hatte , dem Urtheilen aus und hörte , weil er hören mußte ... Mit gedämpfter Stimme las der Mönch : » Der Freiherr führte uns den jungen Mann als Bewerber um das Noviziat zu . Er verschwieg nichts von dem , was wir selber sahen . Heinrich Klingsohr ' s Sittenzeugnisse fehlten . Er wollte und mußte in allem und jedem von neuem geboren werden . Allererst zeugte gegen ihn der Todtschlag in einem Duell « ... Der Kirchenfürst schaltete ein : Von Ihrer räthselhaften Beziehung zu einem Manne , der in seltsamer Verbindung mit dem Tode Ihres Vaters , genannt wird , schreibt der Provinzial nichts ... Er war nicht mein Beichtvater ! sagte der Mönch mit der ihm eigenen kalten , fast verletzenden Bestimmtheit . Kurz schnitt er damit die Rede des Kirchenfürsten ab , der nicht abgeneigt schien , von dem Mönche eine Aufhellung dieser Widersprüche um so mehr zu verlangen , als auch Bonaventura auf diese Art in die geheimern Beziehungen seiner dem Kirchenfürsten verhaßten und wie dieser wußte , auch ihm wenig willkommenen Verwandtschaft eingeweiht wurde . » Die Gewohnheiten des Bruders « - setzte der Mönch aufs neue an zu lesen , aber seine Kraft verließ ihn ... Die Erinnerung an seinen Vater schien ihn mehr erschüttert zu haben , als das Bild seiner Vergangenheit , das er selbst hier aufzurollen hatte . In schmerzlicher Folter , ungewiß , welches das endliche Ziel dieser Strenge sein sollte , seufzte Bonaventura tiefauf und fast hörbar ... » Die Gewohnheiten des Bruders « - wiederholte der Kirchenfürst .... » Waren so eingerissen , daß sie so plötzlich und so schnell nicht gebrochen werden konnten . Das Beschwören der Mäßigung vor dem Altare , das in Irland Wunder wirken soll , genügt nicht bei uns « - Weil wir nicht nach unsern eigenen Gesetzen leben ! schaltete der Kirchenfürst ein ; weil eine offene und freie Schaustellung unserer seelsorglichen Handlungen und Strafen vor einer gemischten Bevölkerung nicht möglich ist ! » Auch fehlt uns ein O ' Connell « , schrieb der Provinzial Henricus , » der zu der Enthaltsamkeit von jenem Gifte , das in Irland die Verzweiflung zu nehmen scheint , um ihr Elend zu vergessen , die geistige Nahrung der Erhebung im Staatsleben gibt . Das Gefühl errungener Freiheiten wird dort ein edler Ersatz für das Gift , das bisher durch das Land der Armuth und Entwürdigung geflossen . Denn es ist nicht genug hervorzuheben - und auch mein Nachbar in gleichem Wirken , Pastor Schläger , bezeugt es - daß zugleich zum Ersatz die geistliche Quelle der Aufklärung geboten werden muß , wie bereits Ephes . 5 , 18 die Schrift sagt : ... « Ueberschlagen Sie das ! unterbrach der Kirchenfürst . Bonaventura gedachte des Onkel Dechanten ... Es war ihm , als spräche dieser : Die Römlinge wollen nichts Deutsches , nichts Nationales , nichts aus unserm Schoose Geborenes , nichts die Brüderstämme und die Confessionen durch die gemeinsamen Bedürfnisse des natürlichen Volkslebens und des Geistes Versöhnendes - » Unserm Zögling hatte sich mit seinen Untugenden der Genius verbündet « ... las der Mönch und nun sein Lob vernehmend in dem pflichtschuldigen Tone der Demuth , die eines der ersten Erfordernisse seiner Wiedergeburt sein mußte . » Er kam aus einer Welt , wo man ihn um seiner Sünden willen angestaunt hatte . Er kam aus dem trotzigen Leben einer Universität , aus einer großen reichen Handelsstadt , in die ihn das Geschick verschlagen , er war der Matador des akademischen Wort-Fechtsaales , man bewunderte ihn um seiner Vorzüge willen und seine Schwächen gereichten jenen nur zu verschönernden Schattenlinien . Tief hülfsbedürftig war der zerknirschte , des Lebens , der ganzen Welt , seiner selbst , glücklicherweise noch nicht Gottes überdrüßige Sinn des Zöglings . Eure Eminenz kennen unsern Laienbruder , den Bruder Hubertus ... Mindestens ist in vielen Klöstern Deutschlands der Bruder Abtödter bekannt , wie die Brüder ihn nennen in Anerkennung seiner wunderbaren Gabe , es den ersten Heiligen unserer Kirche , den Säulenstehern , den Eremiten der thebaischen Wüste gleichzuthun , wenn nicht im gleichen gottergebenen Sinn , doch in der seltsamsten Kunst , sein Fleisch zu tödten - « Wie schaudernd vor Erinnerungen stockte der Mönch ... Aufs neue setzte er an : » Bruder Hubertus war einst der erste Jäger des wilden Nimrod Wittekind , damals ein unternehmender Bursch , der sein ganzes Vertrauen genoß . Aus holländischen Diensten und aus Java zurückgekommen , umgab ihn auf dem Schlosse Neuhof der Reiz der Fremde . Alle Herzen flogen ihm zu und keines mehr als das eines Fräuleins von Gülpen ... « Der Mönch kannte alles , was sich auf diesen Namen und die Verbindung bezog , und hielt im Lesen inne , sicher voll Erstaunen , weil der Kirchenfürst ihn mit den Worten unterbrach : Sie nannte sich später nach diesem Hubertus , früher einem Buschbeck , die Frau Hauptmännin von Buschbeck und wurde nur deshalb siebzig Jahre , um in voriger Nacht in dieser Stadt hier ermordet zu werden ! In dem Innern des Mönchs konnte eine so überraschende Mittheilung nur Töne seltsamster Musik wecken ... Des Abends gedachte er auf dem Schlosse Neuhof , wo er Lucindens Frage nach jener Gülpen beantwortete und die Speisen , die ihm der Kronsyndikus vorsetzen ließ , für vergiftete erklärte , wie solche