ein geheimer Unterschied zwischen hoch und niedrig Geborenen , was , ich frage Dich , was könnte es dann nutzen , wenn wir uns fruchtlos abmühten , ein von Urfang an minder begabtes , geistiger Entwickelung unfähigeres Geschlecht zu uns heraufzuheben ? Kannst Du Dichter , Künstler , Fürsten bilden ? Nein , sie alle werden geboren ! - Wenn dem aber so ist , woran kein Vernünftiger zweifeln kann , dann muß ich sehr bitten , mich mit allen philantropischen Ideen zur Heraufbildung der Menschheit auf gleiche Höhe der Anschauung und Entwickelung mit uns zufrieden zu lassen . Dann bleibe Staub , was Staub ist , und jegliche Creatur begnüge sich mit dem , was ihr Gott in seiner unergründlichen Weisheit zugetheilt hat ! Ich hoffe , wir verstehen uns und wandeln Hand in Hand unserm großen Ziele entgegen . Laß mich wissen , in wiefern Deine Bemühungen gleichen Erfolg gehabt haben ! - Noch eine Sorge hat sich in diesen Tagen zu den übrigen gesellt . Meme Haushälterin ist aus meinen Diensten gegangen . Das stört mich mehr , als die hundert und aber hundert Verwünschungen meiner ohnmächtigen Arbeiter . Ich muß fast verhungern , so schlecht wird Alles zubereitet ! Solltest Du eine passende Person wissen - wohl zu merken : sie muß jung , hübsch und heiteren Temperamentes sein - so setze mich davon in Kenntniß . Meiner liebenswürdigen Frau Schwägerin die ehrfurchtsvollsten Grüße ! Adrian . « Auf diesen Brief , den Adalbert mit großer Seelenruhe las , ging Tages darauf folgendes Antwortschreiben an Adrian ab . » Mein lieber Bruder . Die Empfindungen , welche mir das Lesen Deines interessanten , liebevollen Briefes erregte , kann ich nur mit dem unbeschreiblich wohlthuenden Gefühle vergleichen , das unsern Körper nach genommenem Dampfbade durchrieselt . Ich befinde mich ganz à mon aise , äußerst behaglich , befriedigt in jeder Weise und nicht im mindesten aufgelegt , mich künstlich zu melancholisiren , wie dies jetzt in der aristokratischen Welt wohl einigermaßen Mode zu werden beginnt . Für dieses Wohlbefinden bin ich Dir dankbar ergeben , theurer Bruder , und drücke Dir par distance die Hand . Deine Mittheilungen anlangend , so wüßte ich nicht , was ich darauf zu erwiedern hätte , es müßte denn das sublimste Lob sein . Da ich nun aber weiß , daß Du nicht diese plebeje Art von Ehrgeiz besitzest , die nach faustdickem Lobspruche giert , so halte ich an mich und werfe Dir nur einige bescheidene , fein lächelnde Winke zu . Du bist ein Kenner und weißt den haut goût geistigen Genusses zu schätzen . Eins aber muß ich doch tadeln ! Du hast vergessen , mir eine Beschreibung zu liefern von dem Grafen in der Zwillichhose und Kattunjacke ! Wie konntest Du so meinen Geschmack verkennen und mich eines Genrebildes berauben , wie es wahrscheinlich vor Deinen Augen nicht zum zweiten Male auftaucht ? Du kennst meine romantischen Liebhabereien , meinen Enthusiasmus für die Niederländer , mem Schwärmen für Künstler , die es sich angelegen sein lassen , mit sicherem Pinsel die Zerrissen- und Zerfahrenheiten des Lebens im eigentlichen Sinne des Worts auf die Leinwand zu zaubern ! Gestehe ich ' s immerhin , daß vielleicht grade dieser capriciöse Hang mich zu Deinem treuesten Bundesgenossen macht . Etwas und zwar nicht ganz wenig , trägt er bei , Deinem Systeme zu huldigen ! - Es ist so schwer in unserer unkünstlerischen , nur auf grob Materielles gerichteten Zeit , gute Kunstwerke zu erhalten . An Künstlern , die sich so nennen , fehlt es freilich nicht , solche aber , die es wirklich sind , in deren Producten man Seele , sprossendes Leben , zündenden Geist findet , solche wollen mit hundert Laternen gesucht sein . Da unterhält es mich denn ungemein und bildet mein Urtheil , wie meinen Kunstsinn zu einiger Meisterschaft aus , wenn ich künstlich ein Leben um mich her entstehen lasse , das mir , bisweilen allerdings etwas zu naturgetreu , jene Genrebilder aus den niedrigen und gemeinen Lebenskreisen unmittelbar vor ' s Auge führt . Um dasselbe besser aus der Ferne genießen zu können und mir einen wirklichen Kunstgenuß , also zugleich Bild und Leben , zu verschaffen , habe ich mir von meiner letzten Reise nach England einen vortrefflichen Dollond mitgebracht , der sehr weit trägt , die Gegengenstände außerordentlich rein und scharf und mit zauberischer Klarheit festhält . Mit diesem bewaffnet bringe ich Stundenlang an den Fenstern meines Schlosses zu und schwelge in den Genüssen , die er mir aus der dumpfen Gemeinheit des in Schmutz und Schande sich wälzenden Volkes zuträgt . Größeren Reiz im Genuß und dauerndere Befriedigung daran habe ich noch auf keiner Bildergallerie gehabt ; meine Art , das Leben in der Kunst zu goutiren und auch vom Schmutz und Elend die unsichtbare Schicht feinsten Aroms , die sie umwebt , mit Behagen einzuschlürfen , ist die vorzüglichste und wird gewiß fashionable , wenn ich einmal in die Laune komme , die vertrauten Freunde zu verrathen ! Aus diesen Andeutungen kannst Du entnehmen , daß ich keineswegs müssig gewesen bin . Meine Macht wächst täglich , der Unterthan neigt sich gehorsam vor mir und ist sehr zufrieden , wenn ich ihm nicht das Ohr kneipe . Ich herrsche vollkommen unumschränkt über Bauern und Weber . Es gibt fast kein Haus mehr in den nächsten drei Dörfern , das mir nicht angehört , und ich halte sehr streng auf pünktliche Zinszahlung ! Enfin ich bin sehr zufrieden ! Uebrigens sind meine Leute friedlicher gesinnt , als Deine Fabrikarbeiter . Hier denkt Niemand an Empörung oder gar an Petition . Gott Lob , der Landmann und der bloße Lohnweber gehören noch der alten Zeit an , die sich mit Lesen nicht viel abgab ! Vortrefflich arbeiten auch meine Pastoren uns in die Hände , und ich danke Gott wirklich , daß er mich so kostbare Wahlen hat treffen lassen . Es sind musterhaft gute , fromme , mir treu