nicht stehen lassen ! “ rief sie nach einer Weile . „ Der Mann will die Predigten drucken lassen , er muß mir dankbar sein , wenn ich die gröbsten Fehler ausmerze . “ „ Ernestine , nimm Dich in Acht , er könnte es Dir übel nehmen ! “ warnte Gretchen . „ O nein , die paar Worte darf ich schon ändern . Was durch meine Hände geht , soll auch so viel als möglich gereinigt daraus hervorgehen . “ Gretchen schüttelte den Kopf . Ernestine vollendete die Abschrift . Nach einer halben Stunde war sie fertig und schickte sich an , sie zu dem Geistlichen zu bringen . Die Tage begannen länger zu werden . Obgleich es schon vier Uhr sein mußte , schien doch die Wintersonne freundlich herein und von dem Dachvorsprung unter den Mansardenfenstern rieselten Bäche geschmolzenen Schnees herab . „ Kommst Du bald wieder ? “ rief Gretchen Ernestinen nach , als sie ging . „ Sogleich ! “ erwiderte diese und schritt mit ihrem Paket Schriften unter dem Arm zur Tür hinaus . Gretchen blieb allein zurück . Nach Verlauf einer halben Stunde schallte ein fester Schritt die Treppe herauf . Gretchen horchte hoch auf , ihr Herz schlug in froher Erwartung — wer kam so plötzlich in ihr einsames Versteck ? Es blieb ihr nicht lange Zeit zum Nachdenken , denn schon pochte es kräftig an die Tür — „ Herein ! “ rief Gretchen und „ Jesus — er ist ’ s ! “ im selben Augenblick . Möllners imposante Gestalt stand unter der niederen Tür . „ Ich hab ’ s gewußt , daß Sie kommen , ich hätte Sie schon eher nach meinem Briefe an Hilsborn erwartet . Gott grüße Sie ! “ rief das Mädchen und zog ihn ins Zimmer . Johannes schüttelte ihre beiden kleinen Hände . War es vom Treppensteigen oder von innerer Bewegung ? Er war unfähig , ein Wort zu sprechen . Gretchen nahm ihm Hut und Mantel ab , er ließ es geschehen , er sah sich nur stumm in dem ärmlichen Gemach um und ein tief mitleidiges „ Lieber Gott “ — entrang sich seinen Lippen . Gretchen verstand ihn . Sie ließ ihm Zeit , Atem zu schöpfen . Endlich fragte er : „ Wo ist sie ? “ „ Sie ist zum Pfarrer gegangen , Abschriften hin ­ zutragen . Er gibt ihr aus Erbarmen seine Predigten zum kopieren . Doch sie muß bald zurückkommen . Erschrecken Sie aber nicht , denn sie sieht elender aus als je . Wir haben in der letzten Zeit gar zu schlecht gelebt . “ Johannes faßte Gretchens Hand : „ Gretchen , können Sie mich nicht verbergen , ich fühl ’ s , ich habe die Ruhe noch nicht , ihr entgegenzutreten . Ich muß mich erst sammeln . “ „ Ja , kommen Sie nur in die Küche . Es ist auch für Ernestinen gut , wenn ich sie erst vorbe ­ reite , sie ist gar schwach und man muß vorsichtig mit ihr sein . “ Gretchen führte Johannes in das kalte , dumpfe Gelaß , welches sie Küche nannte . „ Sehen Sie , da hat das arme Geschöpf seit fünf Monaten unser dürftiges Mittagsbrot gekocht , und geweint , wenn es was verdarb . O — hätten Sie diese stolze Ernestine sich quälen , mühen und darben sehen wie ich , Sie hätten es nicht so lange ausgehalten , Sie hätten dem Jammer früher ein Ende gemacht . “ „ Wohl mir , daß ich es nicht sah — ich wäre schwach gewesen und hätte vielleicht Alles durch eine Übereilung verdorben . “ „ Ach verzeihen Sie mir , aber ich meine doch — Sie sind ein recht harter Mann . Mein Hilsborn hätte mich nicht so lange in der Not gelassen , wenn er ’ s ändern gekonnt ! “ „ Das mag wohl sein , Gretchen . Aber glauben Sie mir — Ernestine muß anders behandelt werden als Sie . Ein so gewaltiger Charakter wie Ernestine brauchte den Kampf mit dem Leben , um sich naturgemäß zu entwickeln . Es wäre eine törichte Schwäche gewesen , ihn ihr zu ersparen , und wer weiß , ob sie selbst es mir noch jetzt nicht unmöglich macht , ihn abzukürzen . “ „ O nein , wenn Sie Ernestinen sehen , so werden Sie fühlen , daß es die höchste Zeit war , sie aufzurichten , denn seit dem letzten Fehlschlagen all ihrer Versuche , eine Stelle zu erhalten , ist sie gebrochen . — Wenn es noch länger dauerte , würde ihr Gemüt verbittert und ihre Gesundheit hält auch nicht mehr viel aus ! “ Johannes warf sich auf den hölzernen Stuhl am Fenster , wo Ernestine inmitten aller Prosa ihren poetischen Träumen nachgehangen hatte : „ Hier ist ein Brief an Sie , Gretchen , Hilsborn hofft sicher , Sie nun bald in seinen Armen zu halten , er hätte mich gerne begleitet , aber er kann mitten im Semester nicht fort . “ „ Der engelsgute Mann , “ sagte Gretchen und drückte den Brief an die Lippen . „ Er weiß es nicht , wie ich mich nach ihm sehne — und doch darf ich Ernestine nicht verlassen , bevor sie geborgen ist ! “ „ Sie sind ein edles Kind , Gretchen ! Und wenn Ernestine ahnte , was Sie ihr opfern , sie würde es nimmer dulden , daß — “ er hielt inne , heiße Röte überzog sein Gesicht , er begann merklich zu zittern , selbst seine bärtigen Lippen bebten , als er flüsterte : „ Das ist sie , — sie kommt die Treppe herauf ! Um Gottes willen , Gretchen , gönnen Sie mir Zeit , mich zu fassen . “ „ Ich will ihr entgegen gehen , damit sie nicht hereintritt , “ sagte Gretchen . Johannes zog ein Buch hervor : „ Hier , da legen Sie