Gestalt geschritten , im Werkeltagsgewande , aber nicht allein ; ein schlanker junger Mensch begleitete sie , dem Anscheine nach ein Studierender oder Künstler , der eindringlich zu ihr redete . In der Nähe der Haustüre ging sie etwas langsamer , und ich vernahm , da sie jetzt zu sprechen anfing , die mir bekannte liebliche und offenherzige Stimme , die nur etwas trauriger oder weicher klang als an jenem Abend . » Die Lieb ist eine ernstliche Sache « , sagte sie , » selbst im Scherze ! Aber es gibt wenig Treu und Ehrlichkeit in der Welt . Nun , wir wollen die Bekanntschaft probieren , wenn Sie mich morgen auf den Tanz führen mögen ; es wundert mein Herz , wie es ist , wenn es mit einem Herrn geht ! « Der neue Sponsierer antwortete mit leiser Flüsterstimme etwas , was ich nicht verstand ; ich hörte einen leisen Kuß , ein » Gute Nacht ! « worauf das Mädchen hinter der Haustüre verschwand und dieselbe zuschlug , der junge Mann aber raschen Schrittes seiner Wege ging . Das ist auch eine Freisprechung ! dachte ich und erhob mich mit erleichtertem Gewissen , jedoch mit einer sehr krausen Empfindung . Ohne mich indessen weiter umzusehen oder eine Minute länger in der Stadt aufzuhalten , eilte ich dem Tore zu und wanderte wenige Zeit später auf der nächtlichen Heerstraße in der Richtung meines Heimatlandes fort . Zufrieden mit der klaren und fertigen Form , welche mein Geschick nun angenommen hatte , setzte ich ohne Hast und ohne Aufenthalt Fuß für Fuß , als einziges Ziel im Auge , unter das Dach der Mutter zu treten , gleichviel ob arm oder reich . Stundenlang ging es so weiter ; ich beachtete nicht , daß ich auf einem Kreuzungspunkte war und von der Hauptstraße auf eine unmerklich schmälere Seitenstraße geriet , daß sich eine solche Abzweigung nochmals wiederholte , bis ich mich auf einem ländlichen Fahrwege befand . Da ich aber nach dem Stande der Gestirne ungefähr nach der richtigen Himmelsgegend zog , so kam es mir nicht so sehr darauf an , ich rechnete eine etwelche Abirrung zu den nötigen Erlebnissen eines Landfahrers . Ich ging durch Gehölze , über Feld- und Wiesenfluren , an Dörfern vorbei , deren schwache Umrisse oder verlorene Lichter weit vom Wege lagen . Die tiefste Einsamkeit waltete auf Erden , als es Mitternacht wurde und ich über weite Feldgemarkungen ging ; um so belebter waren die mit den langsam rückenden Sternbildern durchwirkten Lüfte , denn die unsichtbaren Schwärme der Zugvögel rauschten und lärmten in der Höhe . Noch nie hatte ich diesen herbstlichen Nachtverkehr des Himmels so deutlich wahrgenommen . Ich kam in einen großen Forst , und die Dunkelheit wurde vollkommen . Still huschte der Kauz an meinem Gesichte vorüber , und aus der Tiefe schrie der Uhu . Als ich aber durchfröstelt und ermüdet war , stieß ich in einer Waldlichtung auf einen rauchenden Kohlenmeiler , dessen Hüter in seiner Erdhütte lag und schlief . Ich setzte mich still an den heißen Meiler , wärmte mich und schlief ein , bis ein Flug hellschreiender Wanderfalken , deren silberblaue Flügel und weiße Brüste im ersten Frührot blitzten , über den Wald flog und mich weckte . Wie ich mich ermunterte , begann der Köhler aus der Hütte zu kriechen , die Füße voran ; vor ihm stehend wie ein eben angekommener Wandersmann , wünschte ich ihm einen guten Morgen und fragte nach der Gegend und der rechten Straße . Er wußte nicht viel zu sagen , als daß ich mehr westwärts zu gehen habe . Der Wald nahm ein Ende , und ich trat in eine weite deutsche Herbstmorgenlandschaft hinaus . Waldige und dunkle Gebirgszüge streckten sich am Horizont ; durch das Land wand sich ein rötlicher Fluß , weil der halbe Himmel im Morgenrot flammte und die purpurn angeglühten Wolkenschichten über Feldern , Höhen , Dörfern und einer betürmten Stadt hingen . Die Nebel rauchten an den Waldhängen und zu Füßen der schwarzblauen Berge . Schlösser , Stadttore und Kirchtürme glänzten rot ; dazu entrollte sich ein hallender Jagdlärm in den Wäldern , Hörner tönten , Hunde musizierten fern und nah , und ein schöner Hirsch sprang an mir vorüber , als ich eben den Forst verließ . Das Morgenrot verkündete freilich ein nasses Abendbrot und gab mir keine gute Aussicht . Wenn ich meinen Wanderplan innehalten wollte , so durfte ich nicht daran denken , ein Nachtlager zu suchen , weil das mich für einen Tag der Nahrung berauben konnte . Ich dachte daher mit einigem Schrecken an die kommenden Fluten und daß ich durchnäßt die zweite Nacht hindurch wandern müsse . Die Nässe und der Schmutz besiegeln jeglichen schlechten Humor des Schicksals und nehmen dem Verlassenen noch den letzten Trost , sich etwa auf die mütterliche Erde zu werfen , wo es niemand sieht . Überall kältet ihm die unerbittliche Feuchte entgegen , und er ist genötigt , aufrecht zu bleiben . In wenigen Stunden verhüllte auch ein graues Nebeltuch alles Licht , und das Tuch begann sich langsam in nasse Fäden zu entfasern , bis ein gleichmäßiger starker Regen weit und breit herniederfuhr , der den ganzen Tag anhielt . Nur manchmal wechselte das naßkalte Einerlei mit noch kräftigeren Regengüssen , die , vom Winde gepeitscht , einen bewegtern Rhythmus in das Wasserleben brachten ; das Land und Wege überschwemmte . Ich schritt unverdrossen durch die Fluten , froh , daß ich meinen neuen Anzug von tüchtigem Stoffe gewählt , der etwas aushielt . Erst zur Mittagszeit , dann aber pünktlich , kehrte ich in einem Dorfe ein und aß eine warme Suppe mit etwas Fleisch und Gemüse nebst einem großen Stück Brot . Auch ruhte ich eine Stunde und ging darauf wieder in den Regen hinaus . Denn wenn ich in acht Tagen , welche ich mindestens brauchte , nach Hause gelangen wollte , so mußte ich mich genau in jeder Hinsicht an die vorgesteckte Ordnung