erkannte es spät , im Grunde die Wesenheit eines Künstlers , die sich in mir offenbarte und ihre Erfüllung heischte . Ob ich ein guter oder ein mittelmäßiger Künstler geworden wäre , weiß ich nicht . Ein großer aber wahrscheinlich nicht , weil dann nach allem Vermuten doch die Begabung durchgebrochen wäre und ihren Gegenstand ergriffen hätte . Vielleicht irre ich mich auch darin , und es war mehr bloß die Anlage des Kunstverständnisses , was sich offenbarte , als die der Kunstgestaltung . Wie das aber auch ist : in jedem Falle waren die Kräfte , die sich in mir regten , dem Wirken eines Staatsdieners eher hinderlich als förderlich . Sie verlangten Gestalten und bewegten sich um Gestalten . So wie aber der Staat selber die Ordnung der gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen ist , also nicht eine Gestalt , sondern eine Fassung : so beziehen sich die Ergebnisse der Arbeiten der Staatsmänner meist auf Beziehungen und Verhältnisse der Staatsglieder oder der Staaten , sie liefern daher Fassungen , nicht Gestalten . So wie ich in der Kindheit oft den abgezogenen Begriffen eine Gestalt leihen mußte , um sie halten zu können , so habe ich oft in gereiften Jahren im Staatsdienste , wenn es sich um Staatsbeziehungen , um Forderungen anderer Staaten an uns oder unseres Staates an andere handelte , mir die Staaten als einen Körper und eine Gestalt gedacht , und ihre Beziehungen dann an ihre Gestalten angeknüpft . Auch habe ich nie vermocht , die bloßen eigenen Beziehungen oder den Nutzen unseres Staates allein als das höchste Gesetz und die Richtschnur meiner Handlungen zu betrachten . Die Ehrfurcht vor den Dingen , wie sie an sich sind , war bei mir so groß , daß ich bei Verwicklungen , streitigen Ansprüchen und bei der Notwendigkeit , manche Sachen zu ordnen , nicht auf unsern Nutzen sah , sondern auf das , was die Dinge nur für sich forderten , und was ihrer Wesenheit gemäß war , damit sie das wieder werden , was sie waren , und das , was ihnen genommen wurde , erhalten , ohne welchem sie nicht sein können , was sie sind . Diese meine Eigenschaft hat mir manchen Kummer bereitet , sie hat mir hohen Tadel zugezogen ; aber sie hat mir auch Achtung und Anerkennung eingebracht . Wenn meine Meinung angenommen und ins Werk gesetzt worden war , so hatte die neue Ordnung der Dinge , weil sie auf das Wesentliche ihrer Natur gegründet war , Bestand , sie brachte in so ferne , weil wir vor erneuerten Unordnungen , also vor wiederholter Kraftanstrengung geschützt waren , unserem Staate einen größeren Nutzen , als wenn wir früher den einseitigen angestrebt hätten , und ich erhielt Ehrenzeichen , Lob und Beförderung . Wenn ich in jenen Tagen der schweren Arbeit eine Ruhezeit hatte , und auf einer kleinen Reise die erhabene Gestalt eines Berges sah , oder eine Hügelreihe sich türmender Wolken , oder die blauen Augen eines freundlichen Landmädchens , oder den schlanken Körper eines Jünglings auf einem schönen Pferde - oder wenn ich auch nur in meinem Zimmer vor meinen Gemälden stand , deren ich damals schon manche sammelte , oder vor einer kleinen Bildsäule : so verbreitete sich eine Ruhe und ein Wohlbehagen über mein Inneres , als wäre es in seine Ordnung gerückt worden . Wenn ein künstlerisches Gestaltungsvermögen in mir war , so war es das eines Baumeisters oder eines Bildhauers oder auch noch das eines Malers , gewiß aber nicht das eines Dichters oder gar eines Tonsetzers . Die ersteren Gegenstände zogen mich immer mehr an , die letzteren standen mir ferner . Wenn es aber mehr eine Kunstliebe war , was sich in mir äußerte , nicht eine Schöpfungskraft , so war es immerhin auch ein Vermögen der Gestalten , aber nur eines , die Gestalten aufzunehmen . Wenn diese Art von Eigentümlichkeit den Besitzer zunächst beglückt , wie ja jede Kraft , selbst die Schaffungskraft , zuerst ihres Besitzers willen da ist , so bezieht sie sich doch auch auf andere Menschen , wie in zweiter Hinsicht jede Kraft , selbst die eigenste eines Menschen , nicht in ihm verschlossen bleiben kann , sondern auf andere übergeht . Es ist eine sehr falsche Behauptung , die man aber oft hört , daß jedes große Kunstwerk auf seine Zeit eine große Wirkung hervorbringen müsse , daß ferner das Werk , welches eine große Wirkung hervor bringt , auch ein großes Kunstwerk sei , und daß dort , wo bei einem Werke die Wirkung ausbleibt , von einer Kunst nicht geredet werden kann . Wenn irgend ein Teil der Menschheit , ein Volk rein und gesund am Leibe und an der Seele ist , wenn seine Kräfte gleichmäßig entwickelt , nicht aber nach einer Seite unverhältnismäßig angespannt und tätig sind , so nimmt dieses Volk ein reines und wahres Kunstwerk treu und warm in sein Herz auf , wozu es keiner Gelehrsamkeit , sondern nur seiner schlichten Kräfte bedarf , die das Werk als ein ihnen Gleichartiges aufnehmen und hegen . Wenn aber die Begabungen eines Volkes , und seien sie noch so hoch , nach einer Richtung hin in weiten Räumen voraus eilen , wenn sie gar auf bloße Sinneslust oder auf Laster gerichtet sind , so müssen die Werke , welche eine große Wirkung hervor bringen sollen , auf jene Richtung , in der die Kräfte vorzugsweise tätig sind , hinzielen , oder sie müssen Sinneslust und Laster darstellen . Reine Werke sind einem solchen Volke ein Fremdes , es wendet sich von ihnen . Daher rührt die Erscheinung , daß edle Werke der Kunst ein Zeitalter rühren und begeistern können , und daß dann ein Volk kömmt , dem sie nicht mehr sprechen . Sie verhüllen ihr Haupt , und harren , bis andere Geschlechter an ihnen vorüber wandeln , die wieder reines Sinnes sind und zu ihnen empor blicken . Diesen lächeln sie , und von diesen werden sie wieder