freilich aus andern Gründen . Die Kunstwerke sind so zahlreich , die Sammlungen so großartig , daß ich nicht lange genug hier verweilen kann , um einigermaßen mit Nutzen sehen und das Gesehene im Gemüth ordnen zu können . Schon allein die Sammlung geschnittener Steine ist so groß , daß ein Studium dazu erforderlich ist , um sie einigermaßen kennen zu lernen , und ich habe mich während meines Hierseins oft darüber gewundert , daß bis jetzt so wenig über Petersburg und seine Kunstschätze geschrieben worden ist , wodurch der Fremde einigermaßen geleitet werden könnte . Da ich also auf ein Studium der hier befindlichen Kunstwerke mich nicht einlassen kann , so gewährt es mir ein großes Vergnügen , die Stadt nach allen Richtungen zu durchstreifen , und wenn ich auf diesen Wanderungen in der Nähe großartiger Palläste noch hin und wieder armselige Häuser erblicke , so stellt sich mir dadurch die noch nicht lange entschwundene Zeit neben die Gegenwart , und die riesenmäßige Kaiserstadt mit ihren endlosen Straßen , ungeheuern Plätzen und kolossalen Gebäuden ist , glaube ich , kein übles Bild des ganzen Rußlands überhaupt , dessen schnelle Entwickelung erst künftige Geschlechter ganz unparteiisch werden bewundern können . Bin ich von diesen Wanderungen und den Betrachtungen , die ich anstelle , ermüdet , dann schiffe ich mich auf einer Gondel ein , und die majestätische Newa trägt das leichte Schiffchen auf ihrem glänzenden Rücken ; nach dem Takte der Ruderschläge gleitet das Fahrzeug dahin , und ich umkreise die blühenden Inseln , die sich mit ihren Blumen , Bäumen und freundlichen Häusern in der silberhellen , sie umfangenden Newa spiegeln . Fällt mir dann ein , daß dieß Duften und Blühen , dieser dunkle Baumschatten , diese schwebenden Gondeln nur wenige Monate das Auge entzücken , und den größeren Theil des Jahres alles dieß unter Schnee und Eis begraben liegt , so kann ich mir denken , daß es mir wie die Zaubereien in den Märchen der Tausend und Eine Nacht erscheinen würde , wenn ich nach einem hiesigen endlosen Winter alle diese Pracht für eine kurze Zeit auf einmal neu entstehen sähe , denn die Natur muß hier eilen , wenn sie etwas leisten will , und der Frühling wird beinah ganz übergangen ; die dürren Bäume sind in wenigen Tagen belaubt , und der Winter geht beinah unmittelbar in den Sommer über . Alle äußerten nach dieser Beschreibung , daß es ein großer Genuß sein müsse , Petersburg zu sehen , und der Graf machte im Scherze den Vorschlag , dorthin zu reisen und Evremont abzuholen - ein Gedanke , aus dem vielleicht Ernst geworden wäre , wenn man nicht hätte befürchten müssen Evremont zu verfehlen , der leicht schon abgereist sein konnte , ehe seine Freunde die Kaiserstadt erreichten . Unter diesen Erwartungen verschwand der Herbst und der Winter . Evremont fand mehr Schwierigkeiten , als er geglaubt hatte . Sein Aufenthalt in Petersburg dehnte sich in die Länge , Napoleon landete unerwartet in Frankreich , ehe er nach Deutschland zurückgekehrt war , und seine Freunde besorgten , daß die Wendung , die die öffentlichen Angelegenheiten nun nahmen , vielleicht auf ' s Neue seine Rückreise verzögern dürfte . Evremonts letzte Briefe hatten gemeldet , daß er endlich seine Pässe , so wie er es wünschte , erhalten habe und nun Petersburg verlassen würde , um noch auf wenige Tage nach dem Hause zurückzukehren , das ihn so wohlwollend aufgenommen hätte und dessen menschenfreundlichen Besitzern er gewiß die Erhaltung seines Lebens zu verdanken habe - eine Wohlthat , die er jetzt erst nach ihrem ganzen Umfang zu schätzen begann , da sich das Leben mit allen seinen Reizen von Neuem vor ihm ausbreitete . Dieß waren die letzten Nachrichten , die man von Evremont erhalten hatte , und die , wie sie eintrafen , die ganze Familie in Entzücken versetzten . Sein Schweigen nun gab Allen die traurige Ueberzeugung , daß er neue durch die eingetretenen Umstände veranlaßte Hindernisse gefunden haben müsse . In solchen traurigen Betrachtungen saßen die Glieder der Familie an einem schönen Sommerabend bei einander im Saale des Hauses . Die Thüren nach dem Garten waren geöffnet und der Duft der Blumen strömte in den Saal ; aus dem Garten hörte man den Gesang der Nachtigall und das Plätschern des Springbrunnens . Jeder saß in Schweigen versenkt , halb auf diese Töne lauschend , halb seinen kummervollen Gedanken hingegeben . Eine Bewegung in den nächsten Zimmern erregte endlich die Aufmerksamkeit , und indem Alle die Augen dahin richteten , erblickten sie zugleich Evremont , der hineinstürmte und abwechsend , ohne zu sprechen , Vater , Mutter , Gattin und seine gütige Tante an die Brust drückte . Thränen der Freude erstickten Anfangs alle Worte , und als diese erste Erschütterung vorüber war , machte sich Evremont Vorwürfe darüber , seinen Lieben seine Ankunft nicht vorher gemeldet zu haben , denn seine Mutter und selbst der Graf waren auf das Heftigste von der Bewegung der Seele ergriffen . Doch die Erschütterung der Freude wirkt selten schädlich , und als sich die Eltern ein wenig erholt hatten , blickten seine Augen suchend umher . Emilie verstand den Blick , sprang eilig nach dem Garten hinaus und kehrte nach wenigen Augenblicken zurück , Adalbert an ihrer Hand , den sie dem entzückten Vater zuführte . Evremont konnte nicht aufhören abwechselnd seinen Knaben , seine Gattin und seine Eltern zu liebkosen ; er tadelte sich selbst , in Thränen lachend , über seinen kindischen Ungestüm und begann doch stets von Neuem . Seine Familie hielt ihn in den Armen und blickte ihm wie selig träumend in die Augen . Man konnte kaum daran glauben , daß der lange Schmerz der Sehnsucht nun wirklich endlich gelöst sei , und es vergingen einige Tage , ehe man sich mit dem Gefühle der Gewißheit des Glücks recht vertraut gemacht hatte . Nachdem endlich die stürmische Bewegung in jeder Brust gemildert war , nachdem alle Fragen erschöpft und alle Antworten